„White Snail“ im Kino: Schnecke ohne Haus

vor 17 Stunden 1

Gehen oder bleiben? Diese Frage stellt sich für Masha, eine junge Frau in Belarus, in mehrfacher Hinsicht. Es ist im Grunde ihre lebensentscheidende Frage. Mit ihrem Vater ist sie nur telefonisch in Kontakt, denn der ist in Polen und legt ihr nahe, ihm nachzukommen. Eine andere Option wäre China. Masha ist Model, sie hatte wohl schon einmal einen „contract“, damals lief es nicht optimal. Aber die Trainerin, bei der viele junge Frauen und auch ein paar Männer versuchen, ihre Erscheinung für die Interessen der neuen Märkte in Asien zu perfektionieren, ist angetan von Masha, die mit ihrem glatten, weißblonden Haar und ihrem undurchdringlichen Blick aus der Riege der schönen Menschen heraussticht.

In gewisser Hinsicht ist sie selbst die Weiße Schnecke, wie der Film „White Snail“ von Elsa Kremser und Levin Peter heißt, in dessen Erzählung Masha im Mittelpunkt steht. Schnecken sind Weichtiere, die meisten haben ein Gehäuse, in das sie sich zurückziehen können. Masha fehlt dieses Gehäuse, sie hat zwar ein Zimmer, aber wo genau sie am ehesten Schutz finden kann, das muss sie herausfinden.

Ein Panzertier als Haustier

Eine Möglichkeit wäre Mikhail (Mi­sha), der zu der wichtigsten Bezugsperson von Masha wird. Er arbeitet in einem Leichenschauhaus. In vielerlei Hinsicht ist er als Gegenfigur zu Masha zu sehen. Als Model hätte er keine Chance, sein Körper ist untrainiert, er ist fast vollständig tätowiert, und nicht so, dass sich darin eine ästhetische Strategie erkennen ließe, sondern in einer sinnlosen Mischung aus Text und Bild. Am Hals, dort, wo sich beim Erhängen die Schlinge zuziehen würde, steht bei ihm eine Formulierung, in der er es sich wohl in seinem Leben eingerichtet hat: noli me tangere. Rühr mich nicht an. Sein Haustier ist eine Schildkröte, ein Panzertier.

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Mit einer leicht durchschaubaren Ausrede verschafft sich Masha Zugang zu den Arbeitsräumen von Misha. Sie lässt sich Leichen zeigen, bald sieht sie ihm auch dabei zu, wie er sie obduziert und präpariert, die Dienstvorschriften werden ignoriert, im Scherz ist sie nun seine „Assistentin“. Misha lebt, wie Masha auch, allein mit seiner Mutter, die in beiden Fällen kaum eine Rolle spielt. Er ist, wie sich nach einer Weile herausstellt, auch Maler.

Belarus, der Vasallenstaat der Russischen Föderation

Seine Bilder sind deutlich von seiner Arbeit beeinflusst. Es sind dunkle, phantastische, vage an Hieronymus Bosch oder Henry Darger erinnernde Gemälde, inmitten derer Misha lebt. Zwischen ihm und Masha entsteht eine Freundschaft, ein zurückhaltendes Bündnis zweier Einsamer, das der Geschichte eine zweite Spannungsebene verleiht.

Für den Grad an Realismus und Phantastik, mit dem man „White Snail“ lesen kann, ist der Ort des Geschehens von entscheidender Bedeutung. Belarus ist in der geopolitischen Wirklichkeit ein Vasallenstaat der Russischen Föderation, in dem vor wenigen Jahren eine Demokratiebewegung brutal unterdrückt wurde, sodass die Macht des Diktators Lukaschenko für den Augenblick nun wieder unangefochten ist. Im Herbst 2025 hielt Belarus ein großes Manöver mit Russland ab, in dem Konfrontationen mit der NATO durchgespielt wurden.

Enge Beziehung zu Russland, nicht zu Putin

Elsa Kremser und Levin Peter sind von diesen Gegebenheiten unmittelbar betroffen. Sie haben ihre zwei Filme „Space Dogs“ und „Dreaming Dogs“ in Moskau gedreht, und man kann unterstellen, dass die enge Beziehung zu Russland (nicht zu Putins Regime) weitergegangen wäre, hätte der Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 nicht endgültig dazu geführt, dass Russland auch die kulturellen Beziehungen zu Westeuropa im Wesentlichen abgebrochen hat. Nach Belarus kamen Kremser und Peter wegen der beiden Hauptfiguren: Masha und Misha gibt es auch in der Wirklichkeit außerhalb des Films, sie sind der dokumentarische Anker, die realen Biographien sind der Ausgangspunkt für die fiktive Erzählung.

Politisch gesehen ist Belarus ein Ort, der in der Totalität des Kulturbruchs in Russland noch einen winzigen Sprung offen hält – zugleich aber auch eine Abstraktion der postkommunistischen Kondition, zumal in einem Film, der offensichtlich auf spezifische Schauplätze keinen Wert legt, sondern alles auf Atmosphäre und restsowjetische Archetypik setzt. Die beiden Hunde-Filme fanden in der Kreatürlichkeit ihrer „Helden“ ein Prinzip, die gesellschaftlichen Verhältnisse in Russland, das ja mindestens seit 2012 (seit der Niederschlagung der Proteste auf dem Bolotnaja-Platz nach der gefälschten Präsidentenwahl 2011, die zur Rückkehr Putins in das Amt geführt hatte) als Autokratie zu sehen ist.

Die Hunde, die auf ihren eigenen Wegen durch die Stadt auch so etwas wie Fugen in einer zunehmend geschlossenen Welt finden, können als Spürhunde einer subversiven Freiheit gelesen werden, zugleich als Verkörperung einer radikalen Prekarität. Die Weiße Schnecke Masha hat einen vergleichbaren Status. Sie ist so etwas wie ein Geschöpfsymbol, in dem sich die Perspektivlosigkeit eines Lebens in einem Land zeigt, das de facto leblos ist.

„White Snail“ gewinnt seine letzte entscheidende Dimension in dem Moment, in dem Misha mit Masha einen Ausflug unternimmt. Er bringt sie in einen Wald, an einen See, in ein früheres Dorf, von dem die Rede geht, dass es von geistbegabten Menschen bevölkert war: Heiler, Seher, Zauberer. Hier gibt es einen Baum, von dem Menschen sich eine transformierende Wirkung versprechen. Mit dieser paganen, vorkolonialen Hoffnung wird „White Snail“ ausgerechnet in dem Moment expliziter politisch, in dem er auch am stärksten in Richtung Body Eros (als eine Subvariante von Body Horror) geht.

Das Tierwerden von Misha und Masha ist eine Antwort auf das Menschsein der Hunde in den ersten beiden Langfilmen von Elsa Kremser und Levin Peter. Die Übergänge zwischen den Formen sind fließend. Der Tod mag einen Schnitt erfordern, aber das Kino kennt viele Möglichkeiten, über Schnitte hinwegzuerzählen oder sogar neue Freiheiten zu finden. Masha wird gehen. In ein Offenes, das eines Tages vielleicht Belarus insgesamt erfassen wird.

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