Jacques Prévert, Frankreichs populärster Dichter, dessen Verse dort jedes Kind kennt, ein Freund der Kinder und der Vögel, der Liebenden und all derer, die am Rande stehen, kämpfte unermüdlich für die Freiheit, die Phantasie, die Lebensfreude und gegen Institutionen und Zwänge aller Art, gegen Krieg und Zerstörung. Im August 1932 war er Zeuge, wie die Behörden auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer Einwohner und Touristen zur Jagd auf 56 aus der dortigen Erziehungsanstalt entflohene Kinder aufriefen: Zwanzig Francs Belohnung pro wieder eingefangenem „Taugenichts“, „Strolch“, „Dieb“ und „Räuber“ winkten der „kinderjagenden Meute“ der „tapferen ehrbaren Leute“, denn, so Prévert, „um Kinder zu jagen, bedarf es des Jagdscheines nicht“.
Prévert hat diesen Kindern, die von sadistischen Wärtern gequält und missbraucht wurden, mit seinem Gedicht „Chasse à l’enfant“ (Jagd auf das Kind) ein beeindruckendes Denkmal gesetzt. Dieses Zeugnis und die Anwesenheit des Dichters führten immerhin dazu, dass es die erschreckenden Zustände an solchen Korrekturanstalten damals als „fait divers“, als Nachricht unter „Vermischtes“, bis in die französische Hauptstadtpresse schafften.
Sorj Chalandon: „Herz in der Faust“.dtvBeim seinerzeitigen Ausbruch der verzweifelten Kinder schaffte es nur ein einziger Junge, nicht gefasst zu werden: Jules Bonneau, den alle nur „Kröte“ nannten. Dieses eine Kind, das sich nicht mehr mit Schlüsseln die Zähne ausschlagen lassen wollte, das wie ein Tier gehetzt worden war und auf das „die Herren“ mit Gewehren geschossen hatten, „grün vor Wut“, ist nun der Held im jüngsten Roman des französischen Autors Sorj Chalandon. „Herz in der Faust“ heißt er.
Chalandon, der lange als Kriegsreporter für die Tageszeitung „Libération“ gearbeitet und erst spät mit dem Schreiben von Romanen begonnen hat, ist bekannt für seine Methode, historische Ereignisse zum Ausgangspunkt seiner fiktionalen Texte zu machen. Am eindrücklichsten ist ihm das mit seinem vorletzten Roman, „Enfant de salaud“ (Verräterkind), gelungen, in dem er die Aufarbeitung des Barbie-Prozesses 1987 in Lyon, den er als Journalist begleitet hatte, mit einer Abrechnung mit dem eigenen gewalttätigen psychopathischen Vater verband. In diesem Buch galt Chalandons ganze Empathie den verratenen, von der Gestapo deportierten Kindern von Izieu.
Eine aufwühlende Lektüre, der man nicht entrinnen kann
Obwohl es Chalandon immer wieder unter die Goncourt-Finalisten geschafft hat und die Übersetzung seines Romans „Le jour d’avant“ („Am Tag davor“) 2020 im „Literarischen Quartett“ enthusiastisch besprochen worden war, hat er es beim deutschsprachigen Publikum schwer. Und „Herz in der Faust“ ist keine leichte Lektüre. Die Zustände in der festungsähnlichen Korrekturanstalt sind nicht nur für die Inhaftierten schwer zu ertragen; auch die Kämpfe, Rivalitäten und Überlebensstrategien wühlen auf. Die Ich-Perspektive zieht den Leser direkt in die Gewaltexzesse und die Brutalität hinein, ein Entrinnen ist auch ihm nicht möglich.
Schon die ersten Sätze geben den Ton vor: „Mit gesenktem Kopf, die Nase im Fressnapf, schlabbern, saugen, schaufeln alle wortlos das Futter in sich hinein. Beim Essen ist jedes Wort verboten.“ Und: „Außer in der Pause setzt es für jeden Laut eine Strafe.“ Die Kinder und Jugendlichen, oft nur wegen kleinster Delikte inhaftiert und in Sträflingskittel gesteckt, sind den Wärtern in der Zitadelle hilflos ausgeliefert. Im Schlafsaal regiert das Recht des Stärkeren. Jules ist der Name des verletzten Kindes, Kröte der des Heranwachsenden, der sich wehrt und um sich schlägt.
Als dessen Freund Camille wieder einmal von seinen Peinigern gequält und gedemütigt wird, kommt es im Straflager zur Meuterei. In einer Orgie der Gewalt zerstören die Jugendlichen den Speisesaal und entfliehen. Sie werden, auch aufgrund des Kopfgeldes, bald gefasst und noch drakonischeren Strafen zugeführt, denn „von einer Insel gibt es kein Entkommen“. Nur Jules, der in der Seilerei gearbeitet und davon geträumt hat, Seemann zu werden, kann sich auf einem Fischkutter verstecken und wird von einem Kapitän als sein Neffe ausgegeben und in dessen Familie sowie die Bootsbesatzung aufgenommen. So erlebt der Junge, den seine Mutter im Alter von fünf Jahren verlassen hatte und dem von ihr nur ein graues Seidenband blieb, zum ersten Mal im Leben Geborgenheit und Zuwendung.
Wie der Faschismus noch ins Geschick des Protagonisten eingreift
Der freundliche Kapitän und dessen Frau Sophie, die heimlich Schwangerschaftsabbrüche bei in Not geratenen Frauen vornimmt, werden für Jules zu Ersatzeltern, beim bunt zusammengewürfelten Haufen der Seeleute erlebt er Solidarität. Der aufkommende Faschismus in Deutschland wie in Frankreich verändert die Lage noch einmal drastisch, als Sophies rechtsradikaler Bruder auf den Plan tritt und alle bedroht.
Nach einer letzten Racheaktion für den Verrat an Camille, den er nicht hatte beschützen können und der sich aus Angst vor Repressionen das Leben genommen hat, gelingt Jules fünf Jahre nach dem Ausbruch die sichere Überfahrt aufs Festland. Das Ende von Jules Bonneau, der erst nach einer langen Leidenszeit seinen inneren Panzer ablegen kann, in den Folterkellern der Gestapo, ist mehr als bitter. Er wird 28 Jahre alt.
Schön am Roman ist der Auftritt des Wein trinkenden und Zigarette rauchenden Prévert, der in einem Café der Insel die ersten Verse seines Gedichts über die Kinderjagd und die Pariser Reportagen über die „Insel der Rebellen“ vorliest. Chalandons harte, stakkatoartige Sprache berührt und verstört zugleich, aber seine Figuren sind unvergesslich. Der Autor, ehedem selbst ein gequältes und missbrauchtes Kind, spiegelt sich in ihnen, um sein eigenes Lebensgepäck etwas weniger schwer werden zu lassen. Freundschaft versus Verrat und Solidarität statt Gewalt – das sind Chalandons Lebensthemen.
Sorj Chalandon: „Herz in der Faust“. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Dtv, München 2025. 399 S., geb., 25,– €.

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