Redewendung: Woher kommen „Hass und Hetze“?

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Die längste Zeit ihrer Existenz gingen Hass und Hetze getrennte Wege. Hier der Hass, der „blind“, „fanatisch“, „rein“ oder auch „blank“ sein konnte; dort die Hetze, die es eben auch noch gab, die aber eigenschaftslos blieb. Eines Tages sagten sie sich, beides Abstrakta übrigens: Nur gemeinsam sind wir stark oder, wenn wir ganz fest zusammenhalten, noch stärker. Der Zusammenschluss erfolgte aber nicht so bald.

Als Paar wurden die beiden erstmals 2012 gesichtet, und zwar im „Tagesspiegel“, der den damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, mit der ohne Weiteres zutreffenden Einschätzung zitierte, bei Günter Grass’ berüchtigtem Israel-Gedicht, von der „Süddeutschen Zeitung“ allen Ernstes kurz vor Ostern jenes Jahres gedruckt, handele es sich um ein „Dokument von Hass und Hetze gegen den jüdischen Staat“. Grass, der von Glück sagen konnte, dass Graumann ihn nicht gleich einen Antisemiten genannt hatte, überschrieb seinen politischen wie moralischen Rohrkrepierer mit „Was gesagt werden muss“.

Ein Geschwisterpaar

Seither ist das naturgemäß nur bei der Kennzeichnung unerfreulicher Sachverhalte zum Einsatz kommende Geschwisterpaar in der Welt und macht sich breit, wobei es die auch sonst zu allerlei Paradoxa aufgelegte Realität will, dass, je mehr es sich ausbreitet, desto öfter versichert wird, es gebe dafür aber gar „keinen Platz in dieser Gesellschaft“. Längst kann man quasi die Uhr danach stellen, dass, sobald jemand etwas Gehässiges über jemand anderen, gerne auch über eine ganze Gruppe, sagt, diese unansehnlichen Zwillinge bereitstehen. Das damit Bezeichnete lässt sich davon aber nicht nennenswert einschüchtern, ja, scheint es geradezu darauf anzulegen, sich immer wieder erwischen zu lassen. „Hass und Hetze haben in dieser Gesellschaft keinen Platz“ – man hört sich das an und nickt dazu, ja, genau, keinen Platz, aber da kommt auch schon das nächste Ärgernis, das dann auch diesen Namen verpasst kriegt.

Absolute Schmuddelkinder

Woher dieser Mutwille, dieser Übermut? Wahrscheinlich liegt es am Stabreim. Wie alle Wortpaare mit jeweils demselben Anfangsbuchstaben eignet auch diesem etwas Frivol-Flottes, Unhintergeh-, ja, Unaufhaltsames, Bündig-Selbstgewisses: Mann und Maus, Freund und Feind, Kind und Kegel, Haus und Hof, Dick und Dünn sowie Dick & Doof. Hass und Hetze sind unter diesen Verbindungen natürlich die absoluten Schmuddelkinder, gehören grammatisch jedoch unzweifelhaft dazu.

In Ostdeutschland geht wenigstens die gleichfalls stabreimende Initiative „Herz statt Hetze“ dagegen vor. Sie hat nur die Konjunktion in der Mitte ausgetauscht, weil „und“ hier natürlich wenig Sinn ergäbe. Sie hätte sich auch „Herz und Hirn statt Hass und Hetze“ nennen können, aber das war den Mitgliedern vermutlich zu umständlich. Aber was, um zuletzt in den Psychologen-Jargon zu verfallen, machen Hass und Hetze mit uns? Wir können es nicht anders sagen: Sie machen uns fix und fertig.

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