Schon Mädchen lernen, dass sich Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes auszahlt. Wer schön ist, lautet das Versprechen, muss nur durch geöffnete Karrieretüren gehen und wird in der Liebe glücklich werden. Diese Erzählung verfängt auch in einem norwegischen Kaff, wo die Winter lang und die Träume von einem glanzvollen Leben besonders verführerisch sind. Also sitzt Selina (Elli Rhiannon Müller Osborne) mit ihrem guten Freund Johan (Oliver Sletvold Andersen), der ihr seit Kindertagen die Treue hält, auf der Couch und schaut die Misswahl. Gerührt von der ästhetischen Pracht, füllen sich Selinas Augen mit Tränen.
Wir schreiben das Jahr 2005. Die große Zeit der Influencer ist noch nicht angebrochen, es gibt weder Instagram noch Tiktok. Die Beautybranche wird den Begriff „Baby-Botox“ erst 15 Jahre später erfinden, und auch Kim Kardashians Brazilian Butt liegt noch in weiter Optimierungsferne. Allerdings erregen Blogger im Internet zunehmend Aufmerksamkeit. Selina, tragische Heldin der sechsteiligen norwegischen Dramaserie „Requiem for Selina“ (Buch: Benjamin Berglund, Regie: Rikke Gregersen), bloggt ebenfalls.
Die Außenseiterin und Tochter einer alleinerziehenden Mutter trägt blond gefärbtes Haar, ist flachbrüstig und gefangen zwischen Selbsthass und Größenwahn. In ihrem Blog namens Celina Isabelle entwirft sie ein schillerndes Leben, in dem sie auch an Orgasmen reichen Sex mit Mr. M erlebt, dem heißesten Jungen der Schule. Nur ist der mit Emilie (Lydia Winona Reibo Eare) zusammen. Wegen ihrer Phantasieerzählungen fallen die It-Girls der Schule über Selina her. Doch sie wehrt sich, schreibt über das Mobbing in ihrem Blog, wird im Fernsehen interviewt, und plötzlich ist die Siebzehnjährige bekannt – und wird im Netz mit Hass überschüttet. Celina Isabelle ist von Anfang an eine Reizfigur.
Große Liebe? Nikolaj (Pål Sverre Hagen) und Selina (Elli Rhiannon Müller Osborne) sind ein ungleiches Paar.ZDF/Torbjørn SundalDer beste dramaturgische Kniff der Serie ist die Stimme aus dem Off, die Selinas Tun messerscharf kommentiert. Und Elli Rhiannon Müller Osborne ist als Selina ein Ereignis. Überzeugend spielt sie diese ehrgeizige, vom Ruhm besessene, einsame, koksende Frau, deren Härte zuallererst sie selbst trifft. Wir werden Zeuge der verschlingenden Kraft des Influencer-Daseins, das in Selbstentfremdung mündet. Selina zieht nach Oslo und verwandelt sich vollständig in die Kunstfigur Celina Isabelle. Der Hass der Internettrolle wird zu ihrer wertvollsten Währung und spült Geld in die Kasse. Hauptsache, Aufmerksamkeit. „Die Leute lieben es, sie zu hassen“, sagt die Stimme aus dem Off.
Jeden Zentimeter ihres Körpers betrachtet Selina als Optimierungsfläche, bis sie mit ihren Silikonbrüsten, den grotesk aufgespritzten Lippen und ihrem riesigen Hintern aussieht wie die Hauptdarstellerin einer Freakshow. Noch ist sie nicht Norwegens Bloggerinnenkönigin, noch trägt Natalie (Mina Dale) die Krone. Während Selina eine Art White-Trash-Ästhetik zelebriert, besticht Natalie durch Natürlichkeit. Sie ist makellos schön und maximal unsexy – eine Influencerin, von der sich Mütter wünschen, ihre Töchter mögen doch ihr und nicht dieser Schmuddelfrau Celina Isabelle folgen.

Eine der besten und entlarvendsten Szenen spielt in einem Konferenzzimmer. Männer schlagen der Kunstfigur Celine Isabelle vor, sie solle ihren Followern doch zeigen, dass sie ein Herz habe und soziale Verantwortung trage. Ein bisschen mehr Natürlichkeit würde gewiss nicht schaden. Was sie offenbar nicht verstanden haben: Celine Isabelle reüssiert durch Künstlichkeit und Skandale. Sie selbst ist sich dessen bewusst. „Die Presse schreibt nur über meine OPs und Sex, nicht, wenn ich über Tierschutz schreibe.“ Wer einmal ein Video von sich postet, auf dem er mit seinem frisch operierten Po wackelt, kann sich nicht eine Woche später glaubwürdig als Mauerblümchen inszenieren. Die Botschaft an alle vom Influencerdasein träumenden Jugendlichen lautet: überlegt euch gut, in welche Rolle ihr schlüpft, denn ihr werdet sie nie wieder los.
Trotzdem ist „Requiem for Selina“ kein moralisierendes, didaktisches Lehrstück über das „böse“ Internet. Und die Serie bietet auch keine Rettung durch die Liebe. Dass der verträumt wirkende Schriftsteller Nikolaj (Pål Sverre Hagen) und Selina, die noch nie ein Buch gelesen hat, heimlich ein Paar werden, ist ohnehin kurios. Sehr amüsant ist der Moment, als Selina bei einer Lesung zu einer Kollegin Nikolajs sagt, ihr Blog sei im Grunde das digitale Äquivalent zu Karl Ove Knausgårds Literatur. Denn wie Knausgård schreibe ja auch sie über ihr eigenes Leben. Besser lässt sich der Abgrund zwischen Selinas Hybris und der Realität nicht auf den Punkt bringen. Dabei spürt Selina längst die Leere.
Die sechsteilige Serie Requiem for Selina läuft Dienstag, 3. Februar, ab 23.05 Uhr in der ZDF-Mediathek und ab 22.35 Uhr bei ZDFneo.

vor 19 Stunden
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