Im Frühsommer 1764 mietet sich ein venezianischer Chevalier für eine Woche in Wolfenbüttel ein, um in der dortigen berühmten Bibliothek Studien für eine Übersetzung der Homerschen „Ilias“ zu treiben. In seiner ein Vierteljahrhundert später begonnenen und erst lange nach seinem Tod erschienenen Lebensbeschreibung, die diesem Chevalier de Seingalt alias Giacomo Casanova (bald auch alias Comte de Farussi) anders als die drei Bände des ins Italienische gebrachten Homer strahlenden Nachruhm sicherte, erinnert er sich an die in Wolfenbüttel in vollständiger Versenkung verbrachten Tage, „ohne einen Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft, durch die Arbeit davon abgehalten, die Gegenwart zu bemerken. Heute sehe ich, dass es nur der Beihilfe einiger kleiner Umstände bedurft hätte, um mich in dieser Welt zu einem wahren Weisen [un vrai sage] zu machen“.
Ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien
Aber selbst wenn es bei Casanova nun einmal nicht auf abgeschiedene Gelehrsamkeit hinausgelaufen war, so war er doch mit gelehrten wie literarischen Terrains auffallend gut vertraut. Der (vermutliche) Doktor beider Rechte bewegte sich sicher in den Welten alter wie neuer Bücher, schrieb auch selbst einige, noch bevor – und während – er in den letzten Lebensjahren als Bibliothekar auf Schloss Dux in Nordböhmen die „Histoire de ma vie“ verfasste und glücklicherweise doch nicht verbrannte. Dass (vermutlich) ihn ein Gemälde mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem Knie darstellt, ist alles andere als bloße Koketterie.
Noch das Gelingen seiner Flucht aus den Bleikammern des Dogenpalasts, die ihn zum europäischen Gesprächsstoff gemacht hatte, verdankte sich ja letztlich Büchern, und ebenso, dass der „Chevalier“ gar keine Hochstapelei dieses Sohns von Schauspielern (unter auffälligem Patronat einer venezianischen Patrizierfamilie) war: Zum Ritter war er durch Papst Clemens XIII. nicht zuletzt geworden, weil er einem römischen Kardinal zu einer bibliophilen Rarität verholfen hatte.
Erotische Eroberungen machen nur ein Drittel der Erinnerungen aus
Die erstaunliche Bildung hoben viele Zeitgenossen an Casanova hervor. Doch gerade an ihr, schrieb der eminente Casanovist James Rives Childs vor vierzig Jahren, sehe die Welt vorbei, halte sich vor allem an den abenteuernden Liebhaber der Frauen. Und wenn es auch stimmt, dass in der „Histoire“, dieser „größten Selbstdarstellung des achtzehnten Jahrhunderts“ (Hans Blumenberg), die Liebesgeschichten deutlich mehr Platz einnehmen als bei anderen Memorialisten, andauernd um erotische Eroberungen, Verwicklungen und Verausgabungen geht es nun einmal selbst in ihr, die bis ins Jahr 1774 reicht, nicht (sondern bloß zu einem Drittel, wie Rives Childs penibel anmerkte). Die biographische Darstellung müsse da ein schiefes Bild zurechtrücken.

Lothar Müller geht vierzig Jahre und einige casanovistische Nachforschungen später sogar noch entschiedener vor. Er belastet sich gar nicht erst mit der Aufgabe einer alle Facetten einbeziehenden Biographie, lässt die nicht enden wollende éducation sentimentale des Erzählers der „Histoire“ beiseite und widmet sich vielmehr dem Typus des Abenteurers, dem Projektemacher und Entrepreneur, dem zuletzt zum Bibliothekar gewordenen Autor Casanova.
Der Abenteurer ist dabei noch am ehesten mit dem Bild verknüpft, das seine erotische Faszinierbarkeit zum Zentrum hat, als ob die Frauen seine Wege bestimmt hätten. Was freilich keiner einigermaßen aufmerksamen Lektüre der „Histoire“ standhält, und Lothar Müller versteht es gut, die gesellschaftlichen Voraussetzungen zu beleuchten, die zu nutzen waren, und die Anforderungen, die dabei umsichtig und mit Geschick erfüllt sein wollten, um das voltigierende Leben eines Mannes wie Casanovas zu ermöglichen.
Dass dieses Leben nur im vorrevolutionären Europa möglich war, dessen geopolitische Neujustierung Casanova nahe an einigen ihrer Akteuren mitverfolgte, macht ihn bei Müller zu einer Figur, die sich vorzüglich eignet, ein achtzehntes Jahrhundert kennenzulernen, zu dem Rives Childs einmal die hübsche Formulierung fand, es sei uns in vieler Hinsicht doch genau so fern und unvertraut wie das Mittelalter. Nicht zuletzt deshalb, weil Casanova eine Figur ist, die sich mit Leichtigkeit durch verschiedene soziale Sphären bewegt, jene der kleinen Trickster etwa genauso kennt wie von Haus aus die weitverzweigte der Schauspieler und Tänzer, jene der aristokratischen Salons wie die der kleinen und großen Höfe, an denen er sein Glück versucht.
Einrichtungen, Usancen und Umbrüche
Das Jahrhundert mit Casanova kennenzulernen, reicht bei Müller von Alltäglichem bis zu den großen politischen Verschiebungen in seiner zweiten Hälfte. Man liest bei ihm über die Rolle der unabdingbaren Empfehlungsschreiben und das ebenso unverzichtbare Instrument der Wechselbriefe im Zahlungs- und Kreditverkehr (die Casanova einige Male in die Bredouille brachten), die Medienstrategie von Katharina der Großen holt die Pariser Aufklärer und vor allem auch Voltaire ins Bild, an dem sich Casanova zeitlebens abarbeitete, das Schicksal Polens als Opfer einer sich herausbildenden neuen Konstellation der Großmächte, dem Casanova eine mehrbändige Darstellung widmete, wird ausführlich dargestellt. Im Anhang findet man einen Auszug aus dieser „Istoria delle Turbolenze della Polonia“, auf die sich auch die aus der Korrespondenz Casanovas gezogene „Feuerschrift“ des Titels bezieht.
Das Vorsprechen beim Preußenkönig und der Zarin sieht sich Müller so genau an wie Casanovas Bericht vom Besuch bei Voltaire. Und wenn es auch mit den von ihm vorgeschlagenen Projekten an den höchsten Stellen nicht klappte, so wie meist, hatte er in Paris mit einer Lotterie zugunsten der École militaire doch für einige Zeit Erfolg (und bestand offenbar auch vor D’Alembert, als er den zugrundeliegenden Kalkül präsentierte), doch nicht mit der dann gegründeten Manufaktur für Stoffmalerei.
So wenig wie der Autor Casanova zu Lebzeiten Erfolge verzeichnen konnte, vielleicht mit Ausnahme der ein Jahr vor der Französischen Revolution herausgebrachten Schilderung seiner Flucht aus den Bleikammern. Aber der vereinsamte verbitterte Mann, der sich literarisch so schön gegen den Weltmann und Erotomanen von einst montieren ließ, das zeigt Müller zuletzt, war der Bibliothekar im böhmischen Norden trotzdem nicht, selbst wenn er in diesen Jahren die Welt zerbrechen sieht, in der er sich so gewandt bewegt hatte. Oder vielmehr, von dieser Auflösung Bericht erhält, seine Ansichten darüber mitteilt, der alten Ordnung noch einmal das Wort redet, was auch Gelegenheit gibt, einige seiner späten Dialog- und Korrespondenzpartner vorzustellen.
Das von Müller für sein Buch gewählte Verfahren verlangt, dass Casanova zwischendurch hin und wieder fast verloren geht, wenn ausgeholt wird, um diesen und jenen Einrichtungen, Usancen und Umbrüchen seiner Welt nachzugehen. Aber die Rückkehr zu ihm gelingt immer, und mit Gewinn für die Kenntnis dieses Autors, um dessen Nachleben – samt mehr oder auch weniger Liebesturbulenzen – man sich auch zum dreihundertsten Geburtstag keine Sorgen machen muss.
Lothar Müller: „Die Feuerschrift“. Giacomo Casanova und das Ende des alten Europa. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2025. 272 S., Abb., geb., 28,– €.