Die Junge Deutsche Philharmonie präsentiert sich zu ihrem 50. Jubiläum in Berlin

vor 23 Stunden 1

Es zeichnet den generösen Jubilar aus, dass er nicht nur Geschenke entgegennimmt, sondern seine Gäste selbst beschenkt. Insofern ist die Junge Deutsche Philharmonie, die in dieser Saison ihren 50. Geburtstag begeht, die Großzügigkeit selbst, wenn sie auf ihrer Frühjahrstournee eine selten zu hörende Kostbarkeit der Neuen Musik in den Konzertsaal bringt: Luciano Berios „Sinfonia für acht Stimmen und Orchester“. Gerade kam das Orchester von Konzerten in Italien zurück, wo man weniger Lust auf solcherlei Präsente hat, selbst dann nicht, wenn das Stück von einem Sohn des Landes komponiert wurde. 

Antonín Dvořáks Cellokonzert mit dem Solisten Kian Soltani wurde dort als Ersatz präsentiert. In der Berliner Philharmonie aber spielt das Studentenorchester vor stark verkauftem Saal ein Programm, dessen ältestes Stück 1913 uraufgeführt wurde: Igor Strawinskys „Sacre du printemps“. Immer schon hat sich die Junge Deutsche Philharmonie mit ihrem Einsatz für die zeitgenössische Musik hervorgetan, ihre Pflege ist in den Satzungen des Vereins festgeschrieben, in dem das Ensemble organisiert ist.

Der Wert der Sprache liegt im Klang

Für Berios „Sinfonia“ braucht es die Mitwirkung von acht Sängern, die in diesem Fall aus dem Rias-Kammerchor stammen. Mit Mikrofonen ausgestattet singen sie, sprechen, rezitieren Texte von Claude Lévi-Strauss und Samuel Beckett. Was genau sie sagen, ist weniger wichtig. Der Wert der Sprache liegt in ihrer Klanglichkeit, die Berio gekonnt und gewitzt mit Klängen der Orchesterinstrumente vermischt. Mal erscheint der Gesang als Nachhall des Geschehens im Orchester, mal schwingt in den Instrumenten ein Impuls nach, der von den Sängern gesetzt wurde, mal verbinden sich beide Sphären zu funkelnden Klangskulpturen.

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Die Strahlkraft von Berios Klangerfindungen, ihre Delikatesse, ergibt sich auch aus der Verwendung der Dissonanz: nicht um den Hörer zu erschrecken, sondern um einen klanglichen Mehrwert zu erzeugen. Aus der Reibung der Töne schlägt diese Musik ­Funken wie für eine Wunderkerze. Der dritte Satz des gut halbstündigen, fünfsätzigen Werkes ist ein Stück von atemraubender kompositorischer Virtuosität: eine Klangcollage, in der Passagen aus unterschiedlichen Werken miteinander verwoben werden. 

Die Getriebenheit aus dem dritten Satz von Gustav Mahlers 2. Symphonie überlagert sich mit der elementaren Bewegtheit aus Claude Debussys „La Mer“, dazwischen juchzen Walzermomente aus Maurice Ravels „La Valse“ auf, dann breiten sich wieder lichthelle Klang-Zirren aus, wie sie Berio so meisterhaft zu bilden versteht. Der Satz endet, ganz Desillusionierung des Kunstwerks, mit dem gesprochenen Dank eines Sängers an den Orchesterleiter: „Thank you, Mister Roderick Cox!“

Roderick Cox ist Musikdirektor in Montpellier

Der Dirigent, seit dieser Spielzeit Musikdirektor der Oper in Montpellier, führt das Studentenorchester präzise durch das komplexe Stück. Später bei Strawinskys „Sacre“ paart sich Formbewusstsein mit bemerkenswertem Sinn für Flexibilität. Was aus dem Orchester heraus an musikalischer Phantasie angeboten wird, und das ist viel, greift er auf, lässt bei solistischen Passagen die Zügel locker, um dann wieder mit spitz ausfahrendem Ellbogen scharfe Akzente zu setzen. Ähnlich wie bei Berio zeigt sich die kultivierte Barbarei des „Sacre“ als formklares Spiel der Farben, das mit Empathie für Nebenstimmen und frei von allem orchestralen Geprotze vorgetragen wird.

Man ist geneigt, darin einen Ausdruck zu sehen für das demokratische Moment, das dieses Orchester seit 1974 prägt. „Eigenständige, gestaltungswillige Musikerinnen und Musiker“ sollen aus dem Orchester hervorgehen, sagt der Geschäftsführer Maximilian von Aulock im Gespräch mit der F.A.Z., Möglichkeiten zur Gestaltung gebe es – im Unterschied zu anderen Studentenorchestern – traditionell viele. Konzertprogramme werden ebenso eigenständig entworfen, wie sich die Studenten an der Auswahl der Dirigenten beteiligen.

Organisationsmodell und Geist des Orchesters haben Schule gemacht: Aus der Jungen Deutschen Philharmonie gingen zahlreiche Ensembles hervor, darunter das Ensemble Modern, das Ensemble Resonanz und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Zehn Jahre lang war Jonathan Nott dem Orchester als fester Gastdirigent verbunden (er übernahm von Lothar Zagrosek), im Herbst soll ein Nachfolger verkündet werden. Er wird mit einem Klangkörper zu tun haben, dessen Selbstverständnis und Programmatik vielleicht noch nie so wichtig waren wie heute.

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