Münchner Museumsskandal: Die Dialektik der bayerischen Aufklärung

vor 22 Stunden 1

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit – die man durch Erteilung von Arbeitsaufträgen für andere nach Belieben vermehren kann, wenn man Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst ist und damit Oberaufseher über das gesamte freistaatliche Museumspersonal. Markus Blume, einst als CSU-Generalsekretär der Abteilungsleiter Attacke im Parteiapparat, behielt im Staatsamt den Angriffsmodus bei und rief eine „Museumsoffensive“ aus. Damit schien zunächst nicht mehr gewollt als ein Werbefeldzug; als Kommandeur wurde der frühere Münchner Kulturreferent Anton Biebl eingestellt, der moralische Eroberungen in einem zu moderneren Zerstreuungen abwandernden Publikum machen sollte.

Bis vorgestern konnte man Biebl für einen General ohne Truppen halten. Da requirierte der Staatsminister kurzerhand das „Kunstareal“ der Landeshauptstadt und setzte Biebl zum kommissarischen Generaldirektor der Bayeri­schen Staatsgemäldesammlungen ein. Er wird möglicherweise der letzte Generaldirektor des Museumsverbunds bleiben, in dem der staatliche Kunstbesitz auf die drei Pinakotheken und fünfzehn weitere Staatsgalerien verteilt ist. Die bayerische Kunstverwaltung erlebt eine Revolution von oben.

„Die letzten Wochen genutzt, um aufzuklären“

Dieser Operationsmodus hat in Bayern Tradition seit der Begründung des Königreichs in napoleonischer Zeit. Der Nimbus der bayerischen Bürokratie stammt aus dieser Epoche, in der die Beamtenschaft durch das Entwerfen und Durchsetzen von Reformen als Agentur der Aufklärung auftrat. Aufklärung dient jetzt auch als Rechtfertigung für die von Blume in Gang gesetzte Umwälzung.

An den Anfang seiner Mitteilungen auf der Pressekonferenz in der Pinakothek der Moderne setzte Blume einen Arbeitsbericht in Gestalt eines zeithistorischen Abrisses, der mit dem 20. Februar 2025 einsetzte, dem Tag, als die „Süddeutsche Zeitung“ einen Artikel mit der Überschrift „Alarmstufe Rot“ veröffentlichte. „Am Anfang vor sechs Wochen standen schwere Vorwürfe. Deshalb haben wir die letzten Wochen genutzt, um aufzuklären, um viele Gespräche zu führen, um uns ein Bild von der Lage zu machen, um richtig auch von falsch zu trennen und hoffentlich an vielen Stellen an die Stelle von einem ‚möglicherweise‘ ein ‚gesichert‘ setzen zu können.“

Forschungsergebnisse wurden nicht zurückgehalten

Für die Vorsicht als Hintergrundprogramm der hier beschriebenen Aufklärung scheinen sich militärische Metaphern zu verbieten. Wer den Fortschritt seiner Erkenntnis an den Status seiner Aussagen zurückbindet, möchte keine verbrannte Erde hinterlassen. Der Aufklärer Blume konnte eine Erfolgsmeldung nach den skeptischen Maßgaben des Kritischen Rationalismus präsentieren: eine Falsifikation. „Gesichert wissen wir heute, dass der Kernvorwurf nicht richtig war.“ Die roten Markierungen in einer der „SZ“ zugespielten Objektliste standen nicht für eindeutige Raubkunstfälle.

Blume bedankte sich bei der „SZ“ dafür, dass sie den Artikel in der Online-Fassung inzwischen korrigiert hat. Anwälte von Rückgabeanspruchstellern hatten unter Verwendung der durch Indiskretion nach außen gelangten Arbeitsmittel der museumsinternen Provenienzforscher den Pinakotheken vorgeworfen, Forschungsergebnisse zurückzuhalten. Auch diesen Vorwurf bezeichnete Blume vor der Presse als widerlegt.

 Ex-Generaldirektor Bernhard MaazEr musste gehen: Ex-Generaldirektor Bernhard Maazdpa

Obwohl sich der Skandal als Fehlalarm herausgestellt hat, muss der seit zehn Jahren amtierende Generaldirektor Bernhard Maaz nun seine Stelle räumen und hat die Aufklärung gerade erst begonnen. Blume kündigte die Einsetzung von nicht weniger als fünf Kommissionen und anderen Gremien an, die weiter „schonungslos aufklären“ und zu gegebener Zeit Vorschläge zum Umbau der Museumslandschaft ausarbeiten sollen. Die „Vertrauenskrise“ ist nach seiner Einschätzung „nicht beendet“, weil „neue Vorwürfe“ aufgetaucht sind. Diesmal nicht in der Zeitung oder dort jedenfalls nicht so, dass sie Außenstehenden hätten auffallen können.

In Blumes Worten wurden mindestens einige dieser Vorwürfe „platziert“, das heißt dort hinterlegt, wo der Minister und seine Beamten im Zuge ihrer Untersuchungen von ihnen Notiz nehmen mussten. Sie betreffen „die innere Verfasstheit“ der Staatsgemäldesammlungen. Erst auf Nachfrage wurde in der Pressekonferenz deutlich, dass ein sachlicher Zusammenhang der neuen Vorwürfe mit dem ursprünglichen Gegenstand des Skandals nicht besteht. Ob die jetzt aufgedeckten Organisationsprobleme zu fehlerhafter Behandlung von Raubkunstsachen geführt haben, nannte Blume eine offene Frage. Im Ministerium wurde eine Untersuchungskommission gebildet, als deren Leiterin eine frühere Staatsanwältin ins Haus geholt wurde. „Die Gründe der internen Untersuchung sind im Wesentlichen andere als welche, die mit Provenienzforschung und Restitutionsempfehlungen zu tun haben.“

Im Ministerium will man nichts gewusst haben

Nicht ohne Risiko für den Minister ist die spezielle Dialektik der von Amts wegen betriebenen Aufklärung. Die ministeriellen Ermittler sahen sich mit einer Überfülle von Informationen zu Sachverhalten konfrontiert, von denen man im Ministerium nichts gewusst haben will. „Vermutungen, Hinweise und sehr starke Hinweise“ betreffen ein „Konvolut von Bereichen“. Als nur noch pro forma tentatives, in der Wirkungsabsicht dramatisches Gesamtbild malte Blume ein „mögliches Organisationsversagen“ an die Wand.

Welche Bereiche der Museumsdienstgeschäfte betroffen sind, erfuhr die Öffentlichkeit nicht vom Minister, sondern aus dem Radio. Stefan Koldehoff, dem Kunstredakteur des Deutschlandradios, liegt Aktenmaterial zu neunzehn Vorwürfen vor. Es geht um Fehlverhalten von Aufsichtspersonen, eingeschlossen sexuelle und rassistische Belästigung, aber auch um Überwachung von Mitarbeitern unter Missbrauch von Kameras. Personalführung ist eine Kernaufgabe der Organisationsleitung. In der Museumsarbeit ist kaum etwas so heikel wie die Rekrutierung und Beaufsichtigung des Aufsichtspersonals.

Warum hat Blume, der ständig „Transparenz“ verspricht, nicht einmal allgemein gesagt, worum es geht? Stattdessen hat er in melodramatischem Stil seine persönliche Betroffenheit vorgeführt. „Was mir in den letzten Wochen bekannt wurde, an manchen Stellen auch von Hinweisgebern, das lässt mich nicht ruhig schlafen.“ Er will „dafür sorgen, dass hier wieder Ordnung einkehrt“, und sieht darin „eine Herkulesaufgabe“. Obwohl Augias dem heroischen Ausmister eine fürstliche Belohnung versprach, ging er nicht als Aufklärer in die Geschichte ein. Die Verfasstheit seiner Stallungen lag in seiner Verantwortung.

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