Für Talkshow-gestählte Boomer hielt der Montagabend mit der Sendung „Hart aber fair“ ein Déjà-vu-Erlebnis bereit. Das Thema „Kein Aufschwung, Jobs in Gefahr: Wer muss jetzt mehr leisten?“ gehörte schon vor 26 Jahren zu den Dauerbrennern der öffentlich-rechtlichen Polittalkshows „Sabine Christiansen“ und „Berlin Mitte“ mit Maybrit Illner. Bereits um die Jahrtausendwende galt Deutschland als „kranker Mann Europas“. Kurz nach dem Ende der Kohl-Ära und dem Machtwechsel zu Rot-Grün stellte das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ diese brutale Diagnose.
Hohe Arbeitslosigkeit, ein lähmender Reformstau und sinkende Wettbewerbsfähigkeit prägten damals das Bild vom Wirtschaftsstandort Deutschland und beunruhigten die europäischen Nachbarn. Von dem von Helmut Kohls Nachfolger Gerhard Schröder, der sich als wirtschaftsfreundlicher Sozialdemokrat präsentierte, versprochenen Aufschwung war wenig zu spüren. Eine Lage und Stimmung, die der aktuellen Wirtschaftsmisere unter CDU-Kanzler Friedrich Merz frappierend ähnelt. Die Bundesagentur für Arbeit meldet zu Jahresbeginn mehr als drei Millionen Arbeitslose – die höchste Januarzahl seit 2014. Und auch für 2026 ist nach drei Jahren Rezession nur ein Wachstum knapp über der statistischen Nulllinie in Aussicht.
Wer ist schuld, dass der einstige Exportweltmeister abgestürzt ist?
Der als radikaler Reformpolitiker angetretene Merz klagt deshalb über den hohen Krankenstand und die angeblich lasche Arbeitsmoral der „Gen Z“ mit ihrer „Work-Life-Balance“-Orientierung als eine der Ursachen der deutschen Misere. Der CDU-Wirtschaftsrat geht noch weiter und will das Recht auf Teilzeit als Auswuchs einer „Lifestyle“-Mentalität abschaffen. Obendrein, so die Botschaft, sollen die an Kassenleistungen gewöhnten Bürger ihre Zahnarztrechnungen künftig bitteschön selbst bezahlen. Die mit Merz regierende SPD hingegen steuert in eine völlig andere Richtung: Sie will sehr Reiche stärker besteuern und dafür besonders milliardenschwere Erben in die Pflicht nehmen.
Doch wie kommt die Konjunktur am besten wieder in Schwung, wie werden die „Wachstumskräfte entfesselt“, wie es CDU-Wirtschaftsliberale fordern? Braucht Deutschland nach Schröders für die Wirtschaft erfolgreicher, aber für die SPD verheerender Agenda 2010 nun eine Agenda 2030? Und wer ist überhaupt schuld daran, dass der einstige Exportweltmeister so abgestürzt ist? Es ist reichlich Debattenstoff – besonders mit Blick auf fünf Landtagswahlen in diesem Jahr, die Deutschland angesichts des Aufschwungs der in Teilen rechtsextremen AfD nachhaltig verändern könnten.
Mehr als andere Politiker braucht der um seinen Job kämpfende Sven Schulze einen Aufschwung. In der Sendung hat der CDU-Mann, der im Wahlkampf die AfD im Nacken hat, seinen ersten großen Talkshowauftritt als neuer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Und der ehemalige Wirtschaftsminister, der in die großen Fußstapfen seines stets temperamentvollen und auch deshalb so beliebten Vorgängers Reiner Haseloff tritt, machte auf seine ruhige Art dennoch deutlich, wie kontraproduktiv er die von seiner Parteifreundin Gitta Connemann losgetretene „Lifestyle-Teilzeit“-Debatte im Wahljahr findet. „In Sachsen-Anhalt sind die Menschen sehr fleißig. Pauschal zu urteilen, ist total falsch.“ Es sei doch klar, dass Teilzeitkräfte genauso „toll“ arbeiteten wie Vollzeitkräfte. Seine Frau arbeite ebenfalls in Teilzeit, sonst würde „unser Team nicht funktionieren“, bringt Schulze noch die im Wahlkampf meist hilfreiche persönliche Note ein.
„Der Ton macht die Musik“
Auf die spätere Frage von Moderator Louis Klamroth, ob es sein könne, dass die CDU – und damit ist wohl auch Merz gemeint – viele fleißige Menschen vor den Kopf gestoßen habe, antwortet Schulze mit einem kräftigen „Ja!“ und lächelt dabei. Ein kleiner Gefühlsausbruch, der auch Haseloff gefallen hätte. Die Politik müsse, wenn sie Debatten anstoße, sehr darauf achten, sie sachlich zu führen.
Ein inzwischen fast in Vergessenheit geratener Merksatz, dem auch der ehemalige SPD-Generalsekretär und frühere Vollzeitberufspolitiker Kevin Kühnert zustimmte. Pauschal über 82 Millionen Menschen zu reden, gehe an der Wirklichkeit vorbei. Denn: „Der Ton macht die Musik.“
Kevin KühnertdpaWie sehr der SPD ein kluger Linker und schlagfertiger Talkshow-Kombattant wie Kühnert fehlt, wurde an diesem Abend wieder deutlich. Nach seinem gesundheitlich bedingten Rückzug aus der SPD-Spitze ist Kühnert nun in Teilzeit als Lobbyist bei dem Verein „Bürgerbewegung Finanzwende“ in seinem Umverteilungskampf von oben nach unten wie früherwieder medial präsent. Und er stellte zu Recht die Sinnfrage in der Debatte, wie viel die Deutschen arbeiten sollen oder vielmehr müssen, damit die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt: „Wofür sollen wir uns mehr anstrengen?“
Der Union fehle eine „Erzählung“, dass es sich für diese Gesellschaft lohne, sich anzustrengen. Die Union müsse anfangen, eine Geschichte zu erzählen, sagte Kühnert unter dem Applaus des Studiopublikums – die Geschichte von einem Land, in dem es Freude mache, dass Menschen zusammenwirkten und sagten: „Wir arbeiten uns weiter nach vorne.“ Das klang wie eine Wahlkampfberatung eines Linken für die CDU, der auch der Wahlkämpfer Schulze nicht widersprechen mochte.
Auf die schon fast rhetorische Frage Klamroths, ob die CDU mit dieser Debatte punkten könne, antwortete Helene Bubrowski als einzige Journalistin in der Runde mit einer Abrechnung, die auch manche im Konrad-Adenauer-Haus teilen dürften. Das Überraschende sei ja die „Kakophonie“ in der Union, sagte die stellvertretende Chefredakteurin von Table.Media und ehemalige Hauptstadtkorrespondentin der F.A.Z. Sie stimmte Kühnerts Urteil zu, dass man nicht wirklich über ein an sich wichtiges Thema diskutieren könne, wenn es von vornherein „polemisch intoniert“ werde. Mit einer allgemeinen „Wählerbeschimpfung: ‚Ihr seid alle faul‘“ lasse sich kein erfolgreicher Wahlkampf führen. Eine Feststellung, der mit Blick auf die aktuellen Umfragen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg wohl auch die CDU-Spitzenkandidaten Gordon Schnieder und Manuel Hagel zustimmen können.
Von dem Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ persönlich angegriffen
Für die Sicht der Wirtschaft ist an diesem Abend zunächst der mit einem Schuss Stammtisch ausgestattete David Zülow zuständig, der ein Elektrotechnikunternehmen in Neuss mit mehr als 300 Beschäftigten führt. Für ihn ist klar, dass nicht alle im Land „eine Schippe drauflegen müssen“ – und nimmt schon mal Erzieherinnen, Handwerker und Pflegekräfte von der im Einspieler gezeigten Kanzlerschelte aus. Um dann mit dem Finger auf den öffentlichen Dienst zu zeigen, wo aus seiner Sicht viel zu wenig passiere. Er hätte sich gewünscht, dass Merz auf diejenigen gezeigt hätte, bei denen es „Luft nach oben“ gebe: „Und die gibt es.“ Doch welche Personengruppe er damit konkret meinte, wollte er auf die berechtigt neugierige Nachfrage des Moderators dann doch nicht verraten.
Die Sicht einer hart arbeitenden Teilzeitbeschäftigten ohne die von Merz beklagte „Work-Life-Balance“ brachte Sophie Brauer in die Runde ein. Die junge Frau arbeitet als Kindheitspädagogin in einer Kölner Kita und berichtete von Eltern, die ihre kleinen Kinder mehr als acht Stunden in die Einrichtung bringen, nur um länger arbeiten zu können. In ihrem reichweitenstarken TikTok-Kanal hatte sich Brauer sehr über die CDU wegen der „Lifestyle-Teilzeit“-Debatte aufgeregt, von der sie sich persönlich angegriffen fühlte. Dass es sich dennoch lohnt, auch sachlich auf die Nachteile von Teilzeit gerade für Frauen hinzuweisen, war an diesem Abend Helene Bubrowski zu verdanken.
Die als Mutter von zwei Söhnen dennoch Vollzeit arbeitende Bubrowski wies auf einen Aspekt in der Debatte hin, der bei der einseitigen Betonung all der Vorteile von Teilzeitarbeit bisher unterging. Denn viele Frauen mit reduzierter Arbeitszeit und entsprechend geringerem Gehalt tappen in die Teilzeitfalle – verbunden mit dem Risiko von Altersarmut, fehlenden Karrierechancen und finanzieller Abhängigkeit vom Partner. „Manche machen es, ohne viel nachzudenken, und bereuen es später sehr.“
Dann wurde über die Erbschaftssteuer debattiert
Wie schwierig es ist, zusammen mit ihrer Schwester Veronika den 100 Jahre alten Familienbetrieb im bayerischen Erding profitabel und am Laufen zu halten, erzählte Johanna Kamm. Beide hatten zuvor Besuch von Klamroth erhalten, der sich beim Produzieren von bis nach Japan exportierten Gummimatten für Kuhställe auf dem Gabelstapler gar nicht dumm anstellte. Im Kurzdurchlauf, aber für Zuschauer weit anschaulicher als lange Redebeiträge im Studio, zählten die beiden auf, was ihnen das Leben als Unternehmerinnen mit der Verantwortung für rund 100 Mitarbeiter so schwer macht: Überregulierung durch die Politik, hohe Energiekosten und last, but not least, der jüngste SPD-Vorstoß zur Reform der Erbschaftsteuer.
Nach einer Stunde konstruktiver, aber fast zu ruhiger Teilzeitdebatte wirkte der harte Schnitt zum Thema Erbschaftsteuer belebend. Dass ohne eigenen Verdienst erworbene Millionen auf dem Konto auch nicht glücklich machen und zur Last werden können, machte Kai Viehof als neuer Gast in der Runde deutlich. Der bereits zuvor durch eine Schenkung seines Vaters reich gewordene Viehof verzichtete auf sein Erbe, das er lieber in eine Stiftung einbrachte.
Die anschließende Frage Klamroths, ob 13 Milliarden Euro an Steuereinnahmen jährlich bei 400 Milliarden Euro vererbten Vermögens zu wenig seien, brachte den Unternehmer Zülow auf Betriebstemperatur. Es müsse eine freie Entscheidung sein, was mit dem Erbe passiere. Denn der Staat sei immer ein schlechter Unternehmer, zusätzliche Milliarden Erbschaftsteuer „versackten irgendwo“. Eine Anmerkung, die Kevin Kühnert mit milder Ironie abperlen ließ: „Polemik gehört in der Debatte dazu.“ Er verwies kühl auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, das immer wieder die Gerechtigkeitslücke bei der Erbschaftsteuer kritisiert.
Am Ende einer wohltuend sachlichen Diskussionssendung sprach die Jungunternehmerin Kamm ein Schlusswort zu den Aussichten für 2026, das auch Politiker wie Sven Schulze in diesem Wahljahr als Mantra gut brauchen können: „Als Unternehmerin muss ich immer optimistisch bleiben.“

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