Fotostadt München?: Aura allein wird nicht genügen

vor 18 Stunden 1

Als Akt der Bewusstwerdung war das erste Treffen im November 2024 von vielen Teilnehmern empfunden worden. Die Bestandsaufnahme, was in der Stadt München alles an Fotografiebestand vorhanden ist, wie erstrangig die Sammlungen sind, das rief nach Fortsetzung. Vergangenen Donnerstag traf man sich zum eintägigen Symposium „Fotografie in München II“ in der Pinakothek der Moderne, deren Auditorium sehr gut gefüllt war.

Konzipiert wurde die Zusammenkunft von Sophie Junge (LMU), Franziska Kunze (Bayerische Staatsgemäldesammlungen), Franziska Lampe (Zentralinstitut für Kunstgeschichte) und Kathrin Schönegg (Münchner Stadtmuseum). Im Zentrum standen diesmal Marktperspektiven und das Bemühen, das fotografische Netzwerk der Stadt sichtbar zu machen – um so den Blick auf die „Fotostadt“ München zu schärfen. Wobei man bemüht war, diesen Terminus zu meiden, da sich Düsseldorf und Essen im Rennen um ein vom Bund finanziertes Fotoinstitut diese Etikette aufgeklebt haben.

 Sophie Junge, Franziska Kunze, Franziska Lampe und Kathrin Schönegg (von links)Die Organisatorinnen des Symposiums in der Pinakothek der Moderne: Sophie Junge, Franziska Kunze, Franziska Lampe und Kathrin Schönegg (von links)Franziska Pietsch

Verstecken muss sich München dennoch nicht. Mit der ersten deutschen Fotografie Franz von Kobells von 1837 beginnend, entwickelt sich die Stadt im 19. Jahrhundert zu einem Hotspot des neuen Genres, im Jahr 1900 sind bereits 355 Fotoateliers registriert. München wird zu einem wichtigen Ausbildungsort für künstlerische Fotografie, für technische Entwicklung und zu einem Sitz großer Medienhäuser. 1963 öffnet das städtische Foto- und Filmmuseum, drei Jahre zuvor hatte die stilbildende Zeitschrift „twen“ ihren Redaktionssitz nach München verlegt, wie der Fotohistoriker Hans-Michael Koetzle in seinem die Sechzigerjahre hell ausleuchtenden Eröffnungsvortrag nachzeichnete.

Wie ist das Leben als Privatsammler?

Vertreter von Museen berichteten über Bestand und Umgang ihrer Fotografiebestände, darunter Lenbachhaus, Graphische Sammlung, Architekturmuseum, NS-Dokumentationszentrum, Forum Queeres Archiv, Archäologische Staatssammlung. Neuerdings ist alles fünfzig Jahre her: Rüdiger Schöttle und Carol Johnssen rekapitulierten ihre Arbeit als Galeristen seit der Zeit, als in den Siebzigern der Siegeszug der Fotografie begann, Jo van de Loo tat dies als Vertreter der mittleren Generation. Tilman von Mengershausen skizzierte die wackelige Zukunft des digitalen Kunstdrucks, Ludwig Neumayr und Igor Vrdoljak vom nichtkommerziellen Ausstellungsraum Austin Space hielten die Fahne der Independent-Szene erfolgreich hoch.

 Dietmar Siegert (links) und Lothar SchirmerSammlerlegenden im Nostalgie-Fieber: Dietmar Siegert (links) und Lothar SchirmerFranziska Pietsch

Eva Felten, Dietmar Siegert und Lothar Schirmer, die alle drei wichtige Schenkungen an Münchner Museen gemacht haben, gaben Auskunft über ihr Leben als Privatsammler, wie es begann und warum es nie endet. So gab Schirmer an, den letzten Ankauf einer Fotografie am Tag vor der Veranstaltung getätigt zu haben. Der achtzigjährige Verleger sparte wie gewohnt nicht mit Ansagen („Fünfzig Prozent der Malerei in Maastricht ist gefälscht“), und er war auch von drei Moderatorinnen nicht einzubremsen.

Eine konkrete ökonomische Einordnung lieferte Dirk Boll vom Auktionshaus Christie’s Deutschland. So wurde deutlich, dass die Gattung Fotografie auf dem Kunstmarkt eine vergleichsweise junge Erscheinung ist – 1971 veranstaltete Sotheby’s die erste Auktion mit Fotografie in New York, in Deutschland folgte Lempertz fünf Jahre später. Auf dem Kunstmarkt stagniere das Genre seit zwanzig Jahren, so Boll, inflationsbereinigt seien die Umsätze sogar deutlich rückläufig. Als Indiz für Bedeutungsschwunde könnte der Umstand herhalten, dass amerikanische Museen wie das MoMA oder das Whitney dazu übergehen, ihre Fotobestände in die allgemeine Sammlung einzugliedern.

Auf Bolls Feststellung, es werde darauf ankommen, ob man künftig „neue Käufer bezirzen“ werde können, waren die Reaktionen verhalten. Trotz der Renaissance der analogen Fotografie herrscht aktuell eine gewisse Verunsicherung. Die Zukunft gehöre der Handyfotografie, auch was die Rezeption von Bildern angeht, war von verschiedenen Seiten zu hören. Die Veranstalterinnen trieb immer wieder die Frage um, wie man künftig mit digitalen Beständen umgehen wird, wie diese zu konservieren seien. Anderes kam nicht zur Sprache, etwa die finanzielle Seite privaten Sammelns, die Preisgestaltung von Galerien, wie man eine Sammlung konzipiert. Der Elefant im Auditorium blieb die Frage nach der künftigen Rolle der KI, das für die Fotografie existenzielle Thema wurde weiträumig umschifft. Vielleicht etwas für den dritten Durchgang.

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