„Das da ist mein Onkel!“, ruft ein Mann im Publikum, als sich auf der Leinwand im Museum of Modern Art Andy Warhols Partner John Giorno im Bett räkelt. „Mein Dad“, sagt eine Frau. Viele Zuschauer lachen. Gezeigt wird an diesem Abend neu aufgetauchtes Videomaterial von Andy Warhol, das noch nie veröffentlicht wurde.
„Falls Sie jemanden darauf erkennen, Familie, Freunde, unterbrechen Sie gern an Ort und Stelle“, hatte Filmkurator Josh Siegel bei der Begrüßung gesagt. Nur halb im Scherz: Denn manch einer, der auf den Videos zu sehen ist, ist bis heute nicht identifiziert. Warhol drehte im Laufe seines Lebens mehr als 600 Filme. Oft war er selbst hinter der Kamera, sonst waren es häufig Danny Williams oder Billy Name. Bis heute lagern viele Rollen Film von Warhol in Museumsarchiven, die nicht ausgewertet sind.
Menschen, die sich mit Schokolade und Bananen necken
Das Material, das im Kinosaal des Museums vor etwa vierhundert Menschen gezeigt wird, ist schwarz-weiß und stumm. Aber die U-Bahn, die unter der 53. Straße hindurchdonnert, dröhnt so oft genau im richtigen Moment, dass es ein oder zweimal Applaus dafür gibt. Zu sehen ist Rohmaterial aus Filmen wie „Sleep“, „Kiss“ und „Couch“, außerdem gibt es Szenen von Partys in Warhols „Factory“ und verwackelte Aufnahmen einer Fahrt mit den Bandmitgliedern von Velvet Underground nach Ann Arbor zu sehen.
Wer erkennt sich hier, fragt der Kurator das Publikum. Einige können seine Frage beantwortenMuseum of Modern Art/Andy Warhol MuseumDen Auftakt bildet der junge schlafende Mann. Dann geht es weiter mit zum Teil lustigen Szenen, Outtakes, Zeitzeugnissen. In einer Szene, die ursprünglich für Warhols „Dracula“ von 1974 bestimmt war, liegt ein Mann zwischen zwei Frauen. Während die eine eine Banane isst, füttert und neckt ihn die andere mit einer Packung Hershey’s Schokolade.
Dann sitzt eine junge Frau auf einer Couch und sieht einer anderen dabei zu, wie die den Torso einer Schaufensterpuppe hin- und herträgt und neu positioniert. Bei einem Stehempfang ist Richard Serra zu sehen, doch die Szene erzählt so gut wie nichts. Anders die Augenblicke bei einer „Factory“-Party: der Kameramann hat gewechselt, auch Warhol ist ein paar Mal zu sehen, viele Menschen tanzen, die Anziehungskraft dieser Gruppe und dieses Ortes wird augenfällig.
In seiner Welt ist alles möglich: Auch schnelle Küsse werden große Kunst, wenn Warhol draufhältMuseum of Modern Art/Andy Warhol MuseumEinen solchen Bestand haben MoMA-Kuratorin Katie Trainor und Greg Pierce vom Andy Warhol Museum in dessen Geburtsstadt Pittsburgh erschlossen, nachdem sie auf eine Kiste unbekannten Inhalts gestoßen waren: 45 Rollen 16-Millimeter-Film. Warhol, der 1987 im Alter von 58 Jahren starb, hat diese Videos selbst nicht gesehen, denn sie wurden erst jetzt entwickelt.
Minutenlange Blicke ohne Emotionen
Warhol war von seinem damaligen Assistenten Gerard Malanga mit Filmemachern wie Jonas Mekas zusammengebracht worden. Dadurch entwickelte er im Laufe der Sechzigerjahre ein starkes Interesse an der Filmproduktion, wollte zeitweise vor allem Bewegtbild machen. Das Attentat von Valerie Solanas auf Warhol im Juni 1968 bildete auch in dieser Beziehung einen Wendepunkt: Fortan delegierte der Künstler viele Aspekte des Filmemachens, vor allem an seinen Freund, den Regisseur Paul Morrissey.
Zuvor waren bereits Filme wie „Sleep“, „Eat“, „Blow Job“ und „Empire“ entstanden. Warhol zog alltägliche Tätigkeiten in manchen Filmen für mehrere Stunden in die Länge, wies alle Erwartungen an Narrativ, Spannungsbogen oder Sinnproduktion zurück. Daran erinnert auch die Serie „Screen Tests“ (Probeaufnahmen), der die nun veröffentlichten Ausschnitte einige neue Teile hinzufügen.
Junge Menschen, darunter der Schauspieler Dennis Hopper und Freunde Warhols wie Naomi Levin und Sally Kirkland, blicken den Betrachter minutenlang ohne erkennbare Emotionen an. Nach und nach beginnt man, sich auf die Details ihrer Gesichter, Mikroveränderungen des Ausdrucks zu konzentrieren. Der Zuschauer kann seine eigene Reaktion darauf beobachten – Langeweile vielleicht, oder Ungeduld.
Selten wurde so leidenschaftlich mit dem Medium Film experimentiert
Warhol streckte viele seiner Aufnahmen durch Verlangsamung. Die Langeweile war der Punkt, der Zuschauer sollte sich diesem unfreundlichen Element aussetzen. Man könnte wirklich ein- oder zweimal kurz wegnicken bei den „Screen Tests“. Hellwach sind die meisten Zuschauer im MoMA dagegen, als die Outtakes aus den diversen expliziten Filmen, die Warhol machte, dran sind. Da onaniert ein muskulöser junger Mann, während er ab und an in einen Apfel beißt, einmal herausfordernd in die Kamera schaut.
Hier wird nichts der Vorstellung überlassen. Das vermeintlich Obszöne, das Geschlechtsteil in der einen Hand, der Apfel in der anderen, die freundliche Ruhe des Mannes gegenüber sich selbst, alles wird gewöhnlich. Warhol drehte in den Sechziger- und Siebzigerjahren etliche solche Filme und kürzere Videos, oft auch über Männer, die schwul waren wie er selbst – zu einem Zeitpunkt, als Homosexualität in vielen Teilen des Landes kriminalisiert, auf jeden Fall aber sozial stigmatisiert wurde. Die größere sexuelle Freiheit, für die diese Jahrzehnte im Nachhinein stehen, kam erst durch soziale und politische Kämpfe voran, Warhol und seine Filme waren ein Teil davon. Sein „Blue Movie“ von 1969 war der erste sexuell explizite Film, der breit in die regulären Kinos kam.
Sex zeigte Warhol in den im MoMA präsentierten Ausschnitten dennoch vor allem zwischen Männern und Frauen – in dieser Serie ist es ein gestellt ungestellter Dreier zwischen einer Frau, einem schwarzen und einem weißen Mann, ebenfalls nichts verhüllend. Der Künstler als Pornograph also? Sicher, doch vor allem forderte Warhol so die Sehgewohnheiten heraus und zeigte eine Alternative zur Stigmatisierung von Sex. Diese Filme – so wie sie sind – zu zeigen, das geht zumindest im New Yorker Museumskino auch weiterhin ohne Zensur, auch in Amerika im Jahr 2026.

vor 11 Stunden
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