Englischer Kriminalroman: Die Fassadenwelt der Barrister

vor 22 Stunden 2

Zwischen der Themse und Fleet Street, dort, wo sie in The Strand übergeht, liegt in London das Quartier „Inner Temple“ rund um die Temple Church. Seit dem vierzehnten Jahrhundert arbeiten dort die Juristen, genauer: die Barrister, die mit Pferdehaarperücke und Robe vor Gericht auftreten. Von manchen heißt es, dass sie Inner Temple kaum und jedenfalls nur ungern verlassen. Eine eigene Welt ist dort auch insofern entstanden, als bei Straftaten die Stadtpolizei in dieser „ancient liberty“ nicht von sich aus ermittelt, sondern die Anwaltskammern bei Bedarf die Fälle selbst in die Hand nehmen.

 „Der Tote in der Crown Row“.Sally Smith: „Der Tote in der Crown Row“.Verlag

In dieser Zone – dem Buch ist eine Karte beigegeben, ohne die sich die Leser im Roman nicht zurechtfänden – und im Jahr 1901 lässt Sally Smith, die selbst fünfunddreißig Jahre lang Kronanwältin in London war, ihren ersten Kriminalroman spielen. Ihr Amateurdetektiv ist Gabriel Ward, ein Zivilrechtler, vor dessen Kanzlei die Leiche des obersten englischen Richters liegt, und zwar barfuß. Da Inner Temple nachts abgeschlossen wird, drängt sich der peinliche Verdacht auf, der Täter komme aus dem Quartier, womöglich selbst ein Barrister, der auf das hohe Amt scharf war. Ward, ein schüchterner, hochintelligenter und sehr rechtsbewusster Charakter, hat eigentlich Besseres zu tun, denn er vertritt gerade einen Verlag im komplizierten Streit um das Urheberrecht an einem Kinderbuch-Bestseller über eine Kirchenmaus.

Das ist neben der Ermittlung des Täters der zweite Handlungsstrang, und wie es sich versteht, schürzt Smith aus beiden einen Knoten. Während ihn Ward zusammen mit einem jungen Constable langsam und mit überraschendem Ergebnis löst, erfahren wir nicht nur viel über das merkwürdige Viertel und das britische Gerichtswesen.

Ward, der die Jurisprudenz liebt, aber viele Juristen nachvollziehbarerweise nicht, stößt auf Hochnäsigkeit und soziale Fassadenpflege, auf Herablassung gegenüber Obdachlosen und gegenüber Frauen selbst dann, wenn sie Schwester oder Gattin sind. Den ersten weiblichen Barrister gab es erst 1922. Das alles tritt ganz unaufdringlich an den Figuren, ihrem Habitus und ihren Redensarten zutage. Es ist ein Vergnügen, dem diskreten Stil der Autorin zu folgen.

Auf Englisch liegt schon ein zweiter Fall mit Gabriel Ward vor („A Case of ­Life and Limb“), ein dritter („A Case of Corpse and Crown“) erscheint demnächst. Wir freuen uns darauf. Denn Sally Smith gehört schon mit ihrem ersten Buch zur Liga der überaus klugen englischen Juristen – wir denken an Cyril ­Hare und Sarah Caudwell –, die einen Weg aus den erschöpfenden Schriftsätzen heraus in die Welt der rätselhaften Verbrechen gefunden haben.

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