Eltern-Kolumne „Schlaflos“: Hin ging es überraschend gut

vor 22 Stunden 2

Fünf Minuten. So lange dauert es, in meine Turnschuhe zu schlüpfen, den Schal zweimal um meinen Hals zu wickeln, die Mütze aufzusetzen und mit meiner Tasche die zwei Stockwerke hinunterzugehen, um die Wohnung zu verlassen. Zeitaufwand konnte ich früher zuverlässig einschätzen. Seit zwei Jahren ist das anders. Seit zwei Jahren ist Jona da.

Dass Kinder das Leben verändern, haben schon unzählige Menschen aus allen möglichen Perspektiven aufgeschrieben und ich habe (zu) viele davon gelesen. Trotzdem lag ich vergangene Woche mit meinem Sohn etwa 20 Meter vor unserem Hauseingang auf dem Bürgersteig und schaute in den Himmel. Nicht, weil das ein so schöner, verbindender Moment gewesen wäre, sondern weil ich (mal wieder) etliche Dinge falsch eingeschätzt hatte.

Amelie Dilling

lebt mit Sohn (Jahrgang 2024) und Mann (Jahrgang 1990) nahe dem Dreiländereck von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen. Beide arbeiten Vollzeit und gelten damit als Beispiel gelungener Vereinbarkeit. In der Praxis klappt das bedauerlicherweise selten so gut: Wer ständig müde ist, endlose To-do-Listen schreibt und dabei noch glücklich sein will, fühlt bei ihr sicher mit.

Bild: F.A.Z.

Die Wetter-App zeigte an diesem Vormittag fünf Grad an, durch das Wohnzimmerfenster schien die Sonne in mein Gesicht, und Jona hatte seit ein paar Tagen ein Laufrad. Das Ziel: der Basketballplatz am Wasser. Ich hatte Snacks geschnitten, die Trinkflasche aufgefüllt und Windeln eingepackt. Dabei erinnerte ich Jona immer wieder, dass wir gleich das Haus verlassen, um mit dem Laufrad zu fahren. Er war begeistert. Ich hatte meine Jacke bereits angezogen. Jetzt nur noch er:
„Nein.“
„Aber du willst doch draußen Laufrad fahren.“
„Ja.“
„Draußen ist es kalt.“
… (und so weiter)

Eine halbe Stunde Aufbruch

Letztlich rannte ich ihm etwa zehn Minuten durch die Wohnung hinterher. Für ihn war es ein Spiel, für mich eine Geduldsprobe. Ich bot an: selbst anziehen. Ich helfe. Oder Ablenkung, damit ich ihm die Jacke überstreifen kann. Wie so oft war ich kurz davor, es einfach sein zu lassen. Spaß, Trauer, Wut. Ein Zweijähriger durchlebt innerhalb kürzester Zeit ein Potpourri an Emotionen.

Irgendwann schafften wir es ins Treppenhaus. Ich, vollbepackt mit Laufrad und zwei Taschen und Jona (zumindest) voll angezogen. Jona kann die Treppen schon wunderbar allein laufen. An diesem Vormittag hatte er aber keine Lust. Er lief drei Stufen hinunter, dann wieder hoch, setzte sich auf die Treppe und grinste mich an. So wuchs der Zeitaufwand des Hausverlassens von den ehemals fünf Minuten (vor Jona) auf eine halbe Stunde.

Erst wirkte es sogar perfekt

Bis zu besagtem Basketballplatz mussten wir zwei Straßen überqueren und dann noch wenige Meter gehen. Das funktionierte überraschend gut. Auf dem leeren Basketballplatz drehte Jona zwei Runden, anschließend schaute er einem älteren Kind dabei zu, wie es mit seinem Vater Körbe warf – dann rieb er sich die Augen und gähnte. Also, ab nach Hause.

Ein kurzer Ausflug, dachte ich, aber dafür habe ich ein müdes Kleinkind: perfekt. In etwa zehn Minuten sind wir sicher zu Hause, dann macht er seinen Mittagsschlaf und ich habe ein bisschen Zeit für mich. Ein Trugschluss.

Als hätte ich ihn nicht verstanden

Jona legte sein Laufrad auf den Boden und streckte die Arme gen Himmel: „Arm!“ Ich hatte also zwei Taschen, ein Laufrad und ein Kind, das nicht mehr gehen wollte. Was ich nicht hatte: einen Kinderwagen. Ich hatte keine Lust gehabt, den Kinderwagen zu schieben, und gleichzeitig aufzupassen, dass er mit dem Laufrad nicht auf die Straße fährt. Abermals hatte ich eine Situation falsch eingeschätzt. Dieser Basketballplatz, der ist doch nicht so weit weg, dachte ich. Wir waren doch nicht so lange dort, dachte ich. Dann läuft er eben, wenn er keine Lust mehr auf das Laufrad hat.

Ich erklärte ihm also, dass ich das nicht alles gleichzeitig tragen kann. Dass ich die Taschen und das Laufrad nehme, aber er laufen muss. Dass es gar nicht so weit ist. „Schau mal, von hier sehen wir doch schon unseren Häuserblock!“ Keine Chance. Jona streckte energischer die Arme nach oben, als hätte ich ihn beim ersten Mal nicht richtig verstanden. Bis zur ersten Kreuzung schleppte er sich widerwillig. Wir warteten an der Ampel. Meinen Daunenmantel hatte ich bereits geöffnet, der Schweiß lief zwischen meinen Schulterblättern hinunter. Jona schaute mich mit müden Augen an. Die Taschen und das Laufrad zogen mich nach unten, die Hitze stieg mir in den Nacken. Ich war erschöpft – aber noch schlimmer: die Gedanken. „Bitte, bitte, lass uns einfach schnell über die Straße kommen.“

Er kann ja sonst niemanden bitten

Die Fußgängerampel schaltete auf Grün. Jona wollte erst nicht laufen, dann rannte er mitten auf die Straße und warf sich schreiend auf den Boden. Ich versuchte, ihn auf den Gehweg zu schieben. Die Fußgängerampel schaltete auf Rot. Ich packte das Laufrad auf die Schulter, die Taschen auf den anderen Arm und hob Jona hoch. Es waren nur etwa zehn Schritte, die ich ging, bis ich auf dem Bürgersteig ankam – und mich die Situation wortwörtlich in die Knie zwang. Da lag ich nun also, neben Jona, den Taschen und dem Laufrad, etwa 20 Meter vor unserem Hauseingang. Wir schauten in den wolkenlosen Himmel. Jona wurde ruhig.

Ich fühlte mich kraftlos, hilflos. Dann fragte ich mich, wie es meinem Sohn wohl geht. Er ist das erste Mal mit dem Laufrad unterwegs gewesen. Das war anstrengend. Er ist müde, wollte nicht mehr laufen. Jona wollte auf meinen Arm, weil seine Kräfte aufgebraucht waren. Ich sagte nein, also fühlte er sich sicher auch hilflos. Er kann ja sonst niemanden bitten.

Das Mitgefühl ist beidseitig

„Ich wusste nicht, dass das so anstrengend für dich ist. Nächstes Mal nehmen wir den Kinderwagen mit“, sagte ich mehr zu mir als zu ihm und fragte: „Bist du müde?“
„Ja“, antwortete er, krabbelte auf meinen Bauch, legte den Kopf auf meine Brust und sagte: „Mama, auch platt.“ Tja.

Ich weiß nicht mehr, wie ich uns und die ganzen Sachen wieder in unsere Wohnung bekommen hatte, aber auf diesen Vormittag folgte ein sehr ausgiebiger und erholsamer Mittagsschlaf. Jetzt habe ich eine neue Faustregel: Wenn ich „nicht so weit“ denke, nehme ich den Kinderwagen. Und wenn meine Rechnung nicht aufgeht, korrigiere ich sie schneller.

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