Die dunklen Träume des David B.: Augen raus im Totenreich!

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David B. ist Mitgründer des Pariser Verlags L’Association, einer mittlerweile sechsunddreißig Jahre alten gemeinschaftlich verwalteten Unternehmung, zu der sich seinerzeit sieben Autoren zusammengetan hatten, um den etablierten Comichäusern mit ihren schematisierten Programmen etwas entgegenzusetzen. In der Folge krempelte L’Association mit den dort verlegten höchstpersönlichen Geschichten die ganze französischsprachige Comicszene um, aber heute haben sich die einstigen Gesinnungsgenossen teils zerstritten (Jean-Christophe Menu mit den anderen), teils – und zwar größtenteils – publizieren sie aus naheliegenden Gründen (Vertriebsstruktur, Honorare) ihre neuen Werke woanders. Nicht so David B.

Der heißt in Wirklichkeit Pierre-François Beauchard und hat mit einer sechsbändigen Geschichte Furore gemacht, die von 1997 an über sechs Jahre hinweg entstand und den ersten kommerziellen Riesenerfolg des Verlags darstellte. Vordergründig erzählt „Die heilige Krankheit“ von der Epilepsie des Bruders von David B., hintergründig vom Weg ihres Verfassers in die Kunst, und das geschieht in einer derart reichen Kombination von graphischen Elementen aus allen Weltkulturen, dass einem seinerzeit die Augen übergingen. Was David B. da veranstaltete, passte perfekt zur unauslotbaren Phantasiefülle menschlicher Träume, die einen nicht geringen Anteil seiner Geschichte und auch seines zuvor bereits erschienenen Comicwerks darstellen.

Niemals hat er einen dickeren Einzelband gezeichnet

Natürlich wurde auch um seine Mitarbeit bei anderen Verlagen gebuhlt, und einige seiner beeindruckendsten Zyklen nach „Die heilige Krankheit“ sind dann auch bei Dargaud („Les Chercheurs de trésor“, ein nach zwei Alben wieder abgebrochenes Erzählprojekt im Stil orientalischer Märchen) oder Futuropolis („Meilleurs ennemis“, ein dreiteiliger Sachcomic über die amerikanisch-iranische Feindschaft – heute leider wieder brennend aktuell) erschienen. Dann aber ging es L’Association wirtschaftlich schlecht, und David B. kehrte zurück: erst mit einem kleinen Meisterwerk, das aber nicht für ein großes Publikum taugte („Le Mort détective“, 2019), dann Ende vergangenen Jahres mit dem umfangreichsten Einzelband, den David B. je gezeichnet hat: „Monsieur Chouette“, 252 Seiten stark.

Die Comic-Kolumne von Andreas PlatthausDie Comic-Kolumne von Andreas PlatthausF.A.Z.

Und zwar David-B.-Seiten. Sprich: solche, die überborden vor Detailfülle und seitenarchitektonischem Einfallsreichtum. Etliche Akteure treten auf, die man von ihm kennt: Kopffüßler und Yokai, Vogelwesen und Maskengesichter, Gangster und Hieronymus-Bosch-Kreaturen – außer Hayao Miyazaki hat niemand so disparat-delikate Figurenensembles geschaffen, und man fühlt sich wieder zurückversetzt in die Neunziger, als diese Bildsprache neue Welten eröffnete. Zugleich hat ihr Autor aber auch einiges Neues in sein graphisches Portfolio integriert. Etwa Anleihen und Liebeserklärungen an seine Kollegen Edward Gorey oder Charles Burns. Oder an die animierten Paradezüge von William Kentridge. Man könnte auch an Begeisterung des Franzosen für Walter Moers glauben, wenn es zwischen beiden nicht so große Unterschiede beim Fantasy-Verständnis gäbe: Moers setzt auf eine Komik, die bisweilen grausame Züge enthüllt, David B. auf eine Grausamkeit, die gelegentlich komische Aspekte aufweist. Aber die Bewunderung für Gorey haben beide gemeinsam; womöglich ist das ja ein Grund für die wahrgenommene unwahrscheinliche Verwandtschaft.

 Seite 117 aus „Monsieur Chouette“Das erste Bild ist Edward Gorey, wie er im Buche steht, aber dieses stammt aus der Feder von David B., wie vom dritten Panel an klar wird: Seite 117 aus „Monsieur Chouette“L’Association

Worum geht es in „Herr Eule“, dessen Titelfigur auch genauso aussieht: eine Eule im feinen Zwirn. In einer namenlosen Großstadt spricht er eine junge ängstliche Frau auf der Straße an, um sie zu einer Reise ins Totenreich zu überreden, auf dass sie dort ihre Ängste überwinde. Diese namenlose Frau ist zwar nicht die Titel-, aber die Hauptfigur des Comics.

David B. erzählt, als ob er träumte

Sie wird sich ihren Dämonen stellen – und wer David B.s Schaffen kennt, der weiß, dass es deren viele sein werden, alle zudem gezeichnet wie in den Albträumen eines expressionistischen Künstlers. Man wünschte, auch dieser Zeichner würde sich einmal, wie sein seelenverwandter, aber technisch denkender Kollege Marc-Antoine Mathieu, als Illustrator von Kafka versuchen, aber bislang schreibt sich David B. seine Stoffe lieber selbst (oder manchmal auch anderen).

Die Handlung von „Monsieur Chouette“ nachzuerzählen, wäre einerseits vermessen, denn ohne Bilder ist das gar nicht machbar, weil so viele Entwicklungen des Geschehens nur durch optische Veränderungen erkennbar sind, weil sie sich einer rationalen Beschreibung entziehen. Andererseits nähme man der Geschichte ihren Zauber, denn sie gehorcht der Traumlogik, pfeift also auf Plausibilitäten. Das fordert umso mehr Aufmerksamkeit, weil man sich von den gängigen Erwartungen an eine Handlung verabschieden muss. Die bildassoziative Fülle dieses Buchs übertrifft sogar noch die von „Die heilige Krankheit“, ohne aber deren klassische Bildungsromanstruktur zu bieten.

 Seite 195 aus „Monsieur Chouette“Nicht hunderttausend heulende Höllenhunde, aber deren mehrere und teilweise mehrköpfige: Seite 195 aus „Monsieur Chouette“L’Association

Schwarz-weiß ist dieser Band – so wie es alles einmal war, was David B. gemacht hatte, bis bei seinen Arbeiten für Dargaud Farbe gefragt war, aber man hat immer gemerkt, dass dieser Autor in Extremkontrasten dachte, die durch Farbigkeit nur banalisiert werden konnten. Seine Figuren befinden sich in ständiger Mutation, und man darf sich auch ihres Charakters jeweils nicht sicher sein. Aus Freunden können Feinde werden, aus Vertrauten Fremde – ganz wie man es aus den wildesten Wendungen der eigenen Träume kennt.

Wer in der Totenwelt sehen will, muss auf seine Augen verzichten

Zartbesaitet darf man als Leser dieses Buchs nicht sein. Die zerberusartigen Monster kennt man schon aus früheren Graphikzyklen von David B., und sie gereichten jedem Horrorfilm zur Ehre. Seine Hauptfigur büßt nicht nur gleich zu Beginn auf Geheiß Monsieur Chouettes ihren Schatten ein – denn der würde sie in der Totenwelt, wo niemand einen Schatten wirft, verraten -, sie muss sich auch immer wieder die Augäpfel herausnehmen, um in der anderen Welt auch richtig sehen zu können.

Das Cover zu „Monsieur Chouette“Das Cover zu „Monsieur Chouette“L’Association

Am Ende mündet der Ausflug der jungen Frau dank der Hilfe einiger Verbündeter gegen die bissigen Wächter des Totenreichs in einen karnevalesken Aufstand, der im Chaos seiner Bilder die enge Beziehung David B.s zu einem seiner Association-Mitgründer verrät: Patrice Killoffer, dem anderen aus dem Kreis der ursprünglich sieben Verbündeten, der dem Verlag die Treue gehalten hat, wobei Killoffer leider weitaus unproduktiver ist, was Buchpublikationen angeht.

Wenn L’Association aus der anhaltenden Krise, die sowohl aus einem geänderten Publikumsgeschmack als auch aus dem Festhalten am Prinzip, auch die absehbar erfolglosen Projekte von Autoren des Hauses zu verlegen, resultiert, herauskommen will, werden sie weitere Bücher vom Schlag eines „Monsieur Chouette“ brauchen. Obwohl auch dieser Band bislang eher die Kritiker begeistert hat als die Massen. Aber das war bei der „Heiligen Krankheit“ auch so. Die stand am Anfang des Mythos L’Association, schon bevor dann Marjane Satrapi (eine Schülerin von David B.) mit „Persepolis“ kam. „Monsieur Chouette“ wird hoffentlich nicht am Ende stehen, sondern einen Neuanfang ermöglichen.

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