Bad Bunny und Amerika: Trump ist nur eine Phase, Hase

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„Bevor ich Gott danke, sage ich: ICE raus!“: Das Statement des Rappers Bad Bunny in seiner Grammy-Dankesrede hatte das Zeug für eine gute Überschrift, das liegt auf der Hand. Aber nicht nur, weil es emblematisch für eine Popkultur steht, die nun immer hörbarer aufbegehrt gegen das empörende Vorgehen vermummter Paramilitärs mit goldenen Dienstmarken in amerikanischen Städten.

Sondern insbesondere auch, weil man sich angesichts dieses Statements sofort an die berüchtigte Moderation der Golden Globes durch den britischen Komiker Ricky Gervais im Jahr 2020 erinnerte. Der hatte bei der Filmpreisverleihung damals den Ausgezeichneten nahegelegt: „Accept your little award, thank your agent and your god – and fuck off“.

Seine Botschaft: Den Hass umwandeln in Liebe

Erst dem Agenten danken, dann Gott – in dieser Reihenfolge hatte Gervais besonderen Spott über das Wesen der Stars verpackt. Darüber hinaus zielte sein Sarkasmus auf die Unangemessenheit ihrer Reden: Sie hätten aufgrund ihrer Privilegiertheit und ihrer oft geringen Bildung nicht das Recht, die Öffentlichkeit über irgendetwas zu belehren, so der Komiker. Diese Kritik ließ und lässt sich leicht auf andere Zeremonien wie die Oscars oder Grammys übertragen. Was haben wir nicht schon für tränenreiche Peinlichkeiten bei solchen Veranstaltungen bezeugt in den vergangenen Jahrzehnten.

Indem er sein politisches Anliegen noch vor eine religiöse Danksagung stellte, hat der Rapper Bad Bunny zwar vielleicht Gervais widerlegt, aber er hat damit in den, so säkular sie sonst auch scheinen mögen, selbst bei Unterhaltungszeremonien immer noch tief religiösen Vereinigten Staaten gewiss auch viele vor den Kopf gestoßen. Allerdings schloss er einen Dank nach oben ja nicht kategorisch aus, und vor allem ließ er dann so etwas folgen wie eine säkulare Predigt: Wir sind keine Tiere und keine Wilden, sondern Amerikaner, sagte er im Namen aller Einwanderer. Und dann, dass man allen Hass in Liebe umwandeln solle.

Eine Fortsetzung von „West Side Story“?

Bad Bunny wurde 1994 im Inselstaat Puerto Rico geboren, der zum Außengebiet der USA gehört. Auf gewisse Weise ist sein Ausspruch auch eine Aktualisierung des Lieds der Anita im Musical „West Side Story“ (1957): „I like to be in Ame-ri-ca!“. Schon angesichts des Musicals gab es vor Jahrzehnten Streit um die Darstellung Puerto Ricos. Das Werk von Bad Bunny, der Rap-Texte mit Musikstilen wie Reggaeton und Latin Trap verbindet, ist eine künstlerische Fortsetzung dieser kritischen Tradition, auf seinem neuen Album besonders in dem Stück „Nuevayol“, das von puerto-ricanischen Migranten in New York handelt und deren Situation auch satirisch-kritisch reflektiert. Weitere Themen des Rappers, der seit Jahren zu den meistgestreamten Superstars zählt, sind Armut, Drogen, Gentrifizierung und Geschlechterrollen. Er gibt sich genderfluid.

Die Grammy-Verleihung hat, entgegen mancher Darstellungen, weiterhin wenig mit Kunst zu tun, sie bleibt der Inbegriff von Kommerz. Das aber ist entscheidend im Hinblick auf die Botschaft, die Bad Bunny dort gesendet hat – und auf den prestigeträchtigsten Auftritt des Jahres im amerikanischen Showbusiness am kommenden Wochenende: den in der Halbzeitpause beim „Superbowl“-Finale im American Football, bei dem allein in den USA etwa 130 Millionen Menschen zuschauen. Nicht nur, weil er dort auf Spanisch singen wird, ist Bad Bunnys Auftritt seit Monaten umstritten.

Aber die Konfliktlinien verlaufen nicht immer erwartbar. Während manche den Sänger verteufeln, nehmen andere Youtube-Videos darüber auf, „warum Christen die Halbzeitshow von Bad Bunny nicht ignorieren sollten“. Dieser betreibt übrigens auch die gemeinnützige „Good Bunny Foundation“ zur Förderung unterprivilegierter Jugendlicher. Sicher ist: Im 250. Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit bündeln sich in seiner Person und seinem Auftreten viele Fragen zum Wesen der Vereinigten Staaten.

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