Er hatte sich dem Schwierigsten und dabei Reizvollsten verschrieben: der Arbeit am Klang und dem Schreiben über Musik – als Dirigent und Musikgelehrter, als Zeitzeuge und Sprachkünstler. Er, der vielfach, unter anderem mit dem Sigmund-Freud- und dem Siemens-Musikpreis Geehrte, hatte mich ausgezeichnet mit dem Seltensten: später Freundschaft. Noch jetzt, zuletzt, Ende März, bei meinem Besuch in Weimar, hatte er mir sein letztes Buch überreicht. Eigens kam er dafür noch in mein Hotel, begleitet von seiner sonst in Kanada als Kulturanthropologin wirkenden Tochter Caroline. Wir sprachen von seinen Plänen für den Sommer, zu denen eine Aufführung von Beethovens drittem Klavierkonzert mit András Schiff gehören sollte.
Nein, gebrechlich wirkte er nicht, zuversichtlich eher, entschlossen geradezu, dem Schicksal, Beethoven gemäß, zwar nicht gerade in den Rachen zu greifen, aber ihm doch, der Kunst zuliebe, Paroli zu bieten.
Ein, zwei Sätze mit Peter Gülke, und man befand sich mitten in den klassischen Höhen und abgründigen Tiefen von Weimars Kulturgeschichte. Oft sprachen wir über die Frage, wie sich über Musik schreiben lässt, etwa über das Werk Franz Schuberts (über das Wanderermotiv, dazu Gülkes Interpretation der „Unvollendeten“ mit den Brandenburger Symphonikern) und Anton Bruckners (die Sechste, über die er als dessen „keckste“ unvergleichlich geschrieben hatte und die er noch einmal dirigieren wollte).
Der Musikwissenschaft und ihrem Jargon stand er besonders kritisch gegenüber. Dass Hörgenauigkeit mit Klangpoetik verbunden sei, blieb ihm gerade im Schreiben über Musik wichtig. Darin traf er sich mit Alfred Brendel und Wolfgang Rihm, aber auch mit Dietrich Fischer-Dieskau und Aribert Reimann, denen er Nachrufe gewidmet hat, die zum Wertvollsten dieses Genres gehören.
Der Pädagoge am Dirigentenpult
Peter Gülke war nie um ein Augenzwinkern verlegen. Sein subtiler Humor spiegelte sein mit Leichtigkeit getragenes souveränes Urteilsvermögen. Dabei war er, was seine immensen künstlerischen und schriftstellerischen Leistungen anging, von einer entwaffnenden Bescheidenheit. Dazu passte die sanft-thüringische Tonfärbung seiner Stimme. Man hört sie, wenn man seine Texte aufmerksam liest, ob es sich um Reflexionen über Schönbergs Klavierstücke und Bergs Violinkonzert handelt oder über Betrachtungen zur bildenden Kunst am Beispiel Caspar David Friedrichs oder Lyonel Feiningers.
Der 1934 in Weimar geborene Gülke wirkte in seinen letzten Jahren in der DDR als Generalmusikdirektor der Staatskapelle Weimar, entschied sich aber 1983 nach einem Gastspiel in Hamburg für den Verbleib in der damaligen Bundesrepublik Deutschland. Dass er deswegen Frau und Tochter zunächst in der DDR zurücklassen musste, bedeutete ein schweres Opfer, das der Familie abverlangt wurde. Ob danach als Generalmusikdirektor in Wuppertal, Professor für Dirigieren an der Staatlichen Hochschule für Musik sowie an der Universität Basel und nicht minder als Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker – stets verstand er das Dirigieren auch als eine pädagogische Herausforderung. Dirigentenallüren suchte man bei ihm vergebens. Eher verstand sich Gülke als erster Diener der Musik, zu dessen Schülern neben vielen anderen auch Kirill Petrenko gehörte.
Als Interpret und (Musik-)Schriftsteller war Peter Gülke ein Stilist von selten erreichten Graden. Aufnahmen seiner Konzerte und das überreiche Schrifttum, das er hinterlassen hat, tröstet etwas über diesen menschlichen Verlust hinweg, über die Pein der Vergangenheitsform, mit der fortan über Peter Gülke zu handeln ist. In einem seiner Briefe findet sich der Satz „Mir gelingt’s nicht, mich prominent zu finden.“ Es war das Einzige, was andere für ihn übernehmen mussten. Am Sonntagmorgen ist er, drei Tage vor seinem 92. Geburtstag, gestorben.

vor 2 Stunden
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