Dass die Welt aus den Fugen ist, kennt man als Diagnose von Hamlet, der in William Shakespeares gleichnamigem Drama seine liebe Not mit dem Lauf der Dinge hat. In „Gegen die Zeit“, der neuen Folge des Wiener „Tatorts“, kann man jetzt sehen, was es bedeuten könnte, wenn sich Zeit und Raum tatsächlich aus den Fugen lösen.
Menschen sind dann plötzlich in völlig unmöglichen Augenblicken an Orten, an denen sie eigentlich gar nicht sein können. Die Kommissare schauen zum Beispiel zu, wie ein Mann ermordet wird – und ermitteln am nächsten Tag nichts ahnend in dieser Causa. Sie werden Zeugen von Ereignissen, denen sie, ginge es faktenbasiert zu, überhaupt nicht beiwohnen dürften.
Der vorletzte Fall des bewährten Duos
In der Regie von Katharina Mückstein, die mit Hermann Schmid auch das Drehbuch geschrieben hat, verschwinden die Grenzen zwischen Logik, Wahrscheinlichkeit und gebrochener Realität mit geradezu beiläufiger Selbstverständlichkeit. Die Geschichte, die wohlkalkuliert ruhig und bei aller Empathie dezidiert sachlich erzählt wird, bleibt trotzdem intakt und wird mit ein paar unvermuteten Perspektiven angereichert. Die Schauspieler kommen gut mit den überraschenden Situationen zurecht, weil diese in jeder Hinsicht überzeugend in die Story integriert sind.
Der vorletzte Fall des bewährten Duos Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser als Moritz Eisner und Bibi Fellner führt in ein abgelegenes Haus nahe Wien. Dort ist eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft untergebracht. Sie ist die letzte Zuflucht für die fünf männlichen Jugendlichen aus schwierigen Milieus, mit Migrationshintergrund und krimineller Vergangenheit, ehe sie auf der Straße oder im Gefängnis landen. Fürs gedeihliche Zusammenleben sind feste Regeln bindend. Wer dagegen verstößt, fliegt sofort raus. Darauf besteht der Heimleiter mit aller Konsequenz.
Haben es nicht leicht, sind aber auch gefährlich: Oki (Yacouba Diabate), Femi (Ayo Aloba) und Simon (Augustin Groz).ORF/Petro DomeniggEines Nachts liegt er erschlagen auf der Straße; der Zögling Cihan, mit dem er Streit hatte, ist verschwunden. Die anderen Klienten, wie sie hier heißen, haben aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen kein Interesse, mit der Polizei zu sprechen. Wie bezwingt man diese geballte Abwehr und gewinnt das Vertrauen der abweisenden Jungs?
Es ist eine Herausforderung, bei der man sich darüber freuen kann, wie blendend eingespielt Eisner und Fellner sind und wie sie mit Gefühl und Härte, mit Schelte und Einfühlung schließlich die Wahrheit ans Licht bringen. Nicht hoch genug gelobt werden kann die Besetzung der Jugendlichen, die sehr unterschiedlich gezeichnet sind und mit ihrer subtilen Mischung aus Opfer und Täter überzeugen. Sie können einem leid tun, aber sie sind auch gefährlich. Haben sie beim reichsbürgerhaften Nachbarn wirklich das Auto und die Wände mit Farbe besprüht und die Grashaufen auseinandergefetzt? Die Bilder beweisen dies, doch sind sie echt?
Man sieht immer wieder eine andere Realität, als die Personen behaupten. Wer lügt, Mensch oder Maschine? Famos schafft Katharina Mückstein eine seltsam schwebende Atmosphäre, in der es kaum Gewissheiten gibt. Alles fließt und spaltet sich auf. Selbst die Kommissare finden wenig Halt in diesem undefinierten Niemandsland von Sein und Schein. Obendrein verliert ihre Mitstreiterin Meret, ansonsten fein austariert von Christina Scherrer, kurz die Nerven. Als sie den von Alperen Köse großartig verkörperten Cihan auf einer schäbigen Brache in Wien verfolgt und er ein Messer zückt, bringt sie ihre Pistole in Anschlag. Er weiß, da hat er keine Chance, und wirft das Messer weg – und sie lässt ihn einfach wegrennen, zutiefst beschämt von der Erkenntnis, dass sie fast ein Kind angeschossen hätte.
Gelacht wird in dieser Folge bloß einmal, dafür schallend – als nämlich einer der Jungs die Namen seiner Pflegeeltern, Hanna und Mark, nennt und Fellner sie irrtümlich für die Namen seiner Katzen hält. Man erfährt viel über die belasteten Biographien der schwer erziehbaren Jugendlichen, ohne dass sich nur ein Hauch von Elendsromantik einschleichen würde. Katharina Mückstein beherrscht souverän die Ausdrucksskalen und entwirft für alle Mitspieler beredte Bilder, die auf ihre Art mehr zeigen als gesagt wird. Das Ende, mit kluger Engführung und intensiver Spannung vorbereitet, ist überraschend. Bei Shakespeare würde Hamlet sagen: Der Rest ist Schweigen. Es passt auch hier.
Der Tatort: Gegen die Zeit läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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