Mitten in der Vorstellung kriegt sie als sehr junge Tänzerin einen Lachanfall auf der Bühne des Pariser Palais Garnier und wird streng bestraft: Das ist die Zeit, in der Claude Bessy groß wird. Zehn Jahre später steht sie im höchsten möglichen Rang auf der Bühne, als Etoile. George Balanchine holt sie nach New York, Gene Kelly nach Hollywood für „Invitation to the Dance“, Serge Lifar und Maurice Béjart lieben ihre Bühnenpräsenz.
Achtzig Jahre liegt der Lachanfall zurück, 93 Jahre alt ist die übermütige, die entschiedene Claude Bessy geworden, ein hohes Alter, wie es viele ehemalige Tänzer, die von Kindheit an in ihrem Beruf arbeiten, erreichen. Ein wenig langweilig sei ihr in den letzten Jahren mitunter gewesen, die Arbeit habe ihr gefehlt, aber davon abgesehen sei es ihr gut gegangen, sagt der Direktor des Bayerischen Staatsballetts, Laurent Hilaire, der sie bereits als kleiner Junge, als ihr Ballettschüler, kennenlernte. Als Ballettdirektor in Moskau holt er sie noch vor wenigen Jahren zu sich, um „Suite en blanc“ einzustudieren, ein Signaturstück französischer Choreographie des zwanzigsten Jahrhunderts von Serge Lifar.
Kein Unterschied zwischen dem Präsidenten und der Concierge
Nicht nur er, eine ganze Generation von Star-Tänzern der Pariser Oper, mit Etoiles wie José Martinez, Sylvie Guillem, Nicolas Le Riche oder Manuel Legris, ist – wie auch viele nach ihnen – durch Frankreichs berühmteste Ballettmeisterin und Lehrerin tief geprägt. Mehr als drei Jahrzehnte, von 1972 bis 2004, leitet Claude Bessy die Ballettschule der Pariser Oper. Sie war, so Hilaire, „eine sehr starke Persönlichkeit und elegant, einfach wundervoll: Sie hatte dieses leuchtend goldblonde Haar, das sie stets hochgesteckt trug. Es interessierte sie nicht, irgendjemand zu beeindrucken. Sie war glasklar ehrlich und fürchtete sich wirklich nie davor, die Wahrheit auszusprechen.“
Sie glaubte nicht an Verzärtelung: Claude Bessy im Januar 1968 in Paris.ullstein bildClaude Bessy, als Claude Jeanne Andrée Durand 1932 in Paris geboren, wird deshalb eine ausgezeichnete Lehrerin, weil sie fest umrissene Ansichten darüber hat, wie technische Schwierigkeiten zu meistern seien. Und wie den Schülern, den ihr anvertrauten Tänzern, die Sicherheit zu verleihen ist, dass sie alles meistern würden, wenn sie nur dem vorgeschlagenen Weg, die Dinge zu tun, folgen. Darin liegt neben ihrem großen Wissen und eigenen tänzerischen Können das Geheimnis ihres Erfolgs und am Ende auch dessen Gefährdung. Eine ihrer früheren Schülerinnen und spätere Etoile, Aurélie Dupont, wirft Bessy und den von ihr engagierten Lehrern Gemeinheit und Kälte vor: „Etwas mehr Zärtlichkeit und Sanftheit hätten uns nicht zu schlechteren Tänzern gemacht.“ Sie habe nie jemanden gedemütigt, ist sich Hilaire hingegen sicher.
Bessy glaubt nicht an Verzärtelung, kann es auch nicht, denn sie ist selbst nicht so groß geworden. Im Alter von zehn Jahren tritt sie in die Ballettschule der Oper ein und wird bereits mit dreizehn Jahren in das Corps de ballet aufgenommen. Sie sei mit Baguette großgezogen worden, sagt sie einmal. Diese Ausstrahlung hat Bessy, nicht eine behütete, bourgeoise Kindheit hat sie geprägt. Sie spricht mit jedem im selben Ton, zum Präsidenten der Republik wie zur Concierge.
1970 ist Bessy die erste Frau, die zum „Maître de ballet“ der Oper ernannt wird. Da kommt das Fernsehen in ihre Garderobe, um sie zu interviewen. Anstatt etwas Nettes anzuziehen und sich gerade an ihren Schminktisch zu setzen, legt sie sich in ihrem schwarzen Leotard rücklings auf ihre Chaiselongue, die Beine neunzig Grad senkrecht an die Toile-de-Jouy-Tapete gelehnt, streckt ihre nackten Füße in der Luft, zieht an ihrer Zigarette und zählt lachend ihre neuen Pflichten auf. Lehrerin zu werden, ist Bessys Antwort auf die Tragik des Tänzerlebens, die Rudolf Nurejew ausrufen lässt: „Warum müssen wir, wenn wir endlich alles Erforderliche wissen, aufhören?“
Am vergangenen Donnerstag ist die mit wahrscheinlich mehr Preisen, Orden und Ehrendoktorwürden als jede andere Persönlichkeit der internationalen Ballettwelt ausgezeichnete Pariserin gestorben.

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