Als der belarussischen Oppositionspolitikerin Maria Kalesnikava 2022 der Aachener Karlspreis zugesprochen wurde, konnte sie ihn nicht persönlich entgegennehmen. Sie saß zu diesem Zeitpunkt schon seit über einem Jahr in Haft. Als im März 2023 im Berliner Maxim Gorki Theater der Band „Zekamerone. Geschichten aus dem Gefängnis“ von Maxim Znak vorgestellt wurde, konnte der Autor ebenfalls nicht teilnehmen.
Er war Teil des Koordinierungsrates um Kalesnikava, Swjatlana Zichanouskaja und Weranika Zepkala und nach der Präsidentschaftswahl ebenfalls verhaftet worden. Und kurz nach der Premiere wurde jeder Kontakt zwischen ihm und seiner Familie unterbunden. Bis zum 13. Dezember 2025, als ein Deal zwischen den USA und Belarus dafür sorgte, dass 124 Oppositionelle aus der Haft entlassen und nach Polen und Litauen gebracht wurden, gab es kein Lebenszeichen von ihm. 1038 Tage wusste man nicht, ob er noch lebte.
Die Literaturnobelpreisträgerin Herta MüllerdpaIm März dieses Jahres wurde Maria Kalesnikava in Aachen nachträglich der Karlspreis überreicht, und am Samstag wurde im Maxim Gorki Theater die Buchpremiere von „Zekamerone“, diesmal in Anwesenheit des Autors, wiederholt. Eine bewegende Veranstaltung, bei der Maxim Znak es sich nicht nehmen ließ, zur Gitarre zu greifen und einen selbst geschriebenen Freiheitssong zum Besten zu geben, bei der Kalesnikava, die am Vortag ihren 44. Geburtstag gefeiert hatte und neben Znak auf der Bühne saß, übers ganze Gesicht strahlte und bei der die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, wie schon bei der ersten Premiere vor drei Jahren, Geschichten aus dem „Zekamerone“ las, jenem Band mit Kurzerzählungen, der noch vor der Kontaktsperre aus dem Gefängnis geschmuggelt werden konnte und in Anlehnung an Boccaccios „Decamerone“ ebenfalls hundert Geschichten umfasst, nur in diesem Fall die Geschichten eines „Zek“, eines Häftlings.
Die Häftlinge bauen die Schneefrau Mascha
Es gebe in belarussischen Gefängnissen selbstverständlich nicht nur politische Häftlinge, erläuterte Znak, sondern auch Diebe und Mörder, und die würden nicht so streng kontrolliert. Einem habe er, als der Mithäftling entlassen wurde, sein Notizheft mitgegeben. Als es dann als Buch erschien, stellte die Moderatorin Alice Bota fest, sei er sicher dafür bestraft worden, worauf Znak nur mit einem leisen Nicken reagierte.
Maria Kalesnikavadpa„Angst haben muss man nicht“, heißt es im Motto des Bandes. Wie das zu erklären sei, wurde er gefragt: Nun ja, schließlich sei man schon im Gefängnis, wovor solle man da noch Angst haben? Außerdem würden Wärter, würde die Direktion Angst förmlich riechen und sie als Angriffspunkt nutzen. Daher sei es besser, Angst gar nicht erst zuzulassen.
Ironischerweise fand die Veranstaltung in der Kulisse für eine Aufführung von Heinrich Manns „Der Untertan“ statt, denn nichts ist Znak, ebenso wie Kalesnikava und Herta Müller, fremder als der Untertanengeist eines Diederich Heßling. Müller las denn auch eine Geschichte, die davon handelt, wie die Häftlinge bei einem Hofgang, es hatte geschneit, eine Schneefrau bauen und sie Mascha nennen, womöglich als Verbeugung vor ebenjener Maria Kalesnikava. Aus Steinen legen sie ihr einen Drachenkamm auf den Kopf und über den Rücken, und auf ihren Bauch drapieren sie ein großes rotes Herz. Als sie fertig sind und der Hofgang beendet ist, fordert der Wärter sie auf, die Schneefrau zu zerstören. Am Ende ist er selbst es, der ihr einen Fußtritt verpasst.
Für Kreativität, für Individualität ist im Gefängnis kein Platz, deswegen, so Müller im nachfolgenden Gespräch, musste die Schneefrau zerstört werden. Aber nicht nur das, ergänzte Znak, der Wärter fürchtet, dass er für eine solche Abweichung von der Ordnung zur Rechenschaft gezogen werden würde. Er war es, der Angst hatte.
Fünftausend Seiten, sagte Znak, habe er in den drei Jahren Isolation vollgeschrieben, alle seien im Gefängnis zurückgeblieben. Doch sein nächstes Buch scheint schon so gut wie fertig, und es trägt ein ebenso vielsagendes Motto, diesmal aus der „Geheimnisvollen Insel“ von Jules Verne. Lass uns nicht als Schiffbrüchige begreifen, sagt da ein Schiffbrüchiger zum anderen, lass uns Kolonisten sein. Diese fröhliche, fast schon irrwitzige Zuversicht strahlen allen Fährnissen zum Trotz auch Maxim Znak und Maria Kalesnikava aus.

vor 2 Stunden
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