Stellen Sie sich vor, es ist ein stinknormaler Arbeitstag, da kreuzt auf einmal Tina Turner auf – gut gelaunt, leger gekleidet – und verstrickt die Kollegen in Small Talk. Weil Sie das Gefühl haben, auch etwas sagen zu müssen, behaupten Sie grundlos, Ihr Lieblingssong sei „Private Dancer“. Was die Interpretin mit Unverständnis quittiert: „Warum gerade dieses öde Lied?“ Worauf Ihnen keine Antwort einfällt. Doch Sie können den Fauxpas wettmachen, denn Turners Manager bittet Sie, der Diva rasch ein Fläschchen Augentropfen zu besorgen. Sie eilen los, doch finden den entsprechenden Flakon plötzlich in Ihrer Jackentasche. Als Sie die Arbeitsräume wieder betreten, fehlt von Turner und ihrer Entourage jede Spur. Sie wachen auf, irgendwo in Dänemark.
An die dreißig Internetforen aus ganz Europa – von Portugal über Tschechien bis Russland –, in denen Nutzer sich gegenseitig ihre Träume schildern, hat der gefeierte Dramatiker Wolfram Lotz („Die lächerliche Finsternis“, 2014) in den vergangenen Jahren durchstöbert, auf der Suche nach solch skurrilen Sequenzen. So wie seine Vorgänger ehedem Volksmärchen und -lieder sammelten, um die kontinentale Seelenlandschaft zu kartographieren, präsentiert Lotz nun eine Anthologie seiner Fundstücke als „Träume in Europa“. Wobei der Nebenakzent des Titels auf der Präposition liegt. Nicht „aus“ Europa stammt die Auswahl, da schwänge zu viel Historisierung mit, nein, „in“ Europa wird geträumt. Manchmal bloß vier Zeilen lang, dann wieder über fünf wirre Seiten hinweg.
Das Cover zum Buch von Wolfram LotzS. Fischer VerlagVon Swingerphantasien und Verflossenen, Promis, kopulierendem Obst und dem eigenen Tod. Von der Schönheit elf einander überlappender Regenbögen, von Zuspruch und Trost. Von Europa eher selten, erstaunlicherweise auch kaum von Gewalt. Ein wiederkehrendes Motiv dagegen sind Versagensängste und familiärer Druck: „Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern. Wir sitzen am Küchentisch, sie schauen mich sehr traurig an und sagen mir, dass sie mich nicht mögen. Ich verstehe sie und versuche sie zu trösten.“
Die eigene Autorschaft versucht Wolfram Lotz spaßeshalber herunterzuspielen, insofern der Buchdeckel seinen Namen nicht nennt. Doch steht die Kollektion merklich unter seiner Regie, entsprechend klassifiziert eine knappe Vorbemerkung die Texte als „bearbeitete Posts“. Aus mehr als einem Dutzend Sprachen mussten die Foreneinträge übersetzt werden, bevor Lotz sie in schnörkelloses Deutsch brachte. Stilistisch hat er die Impressionen einander dabei weit angeglichen, sodass der Eindruck entsteht, sie entstammten dem gemeinsamen Unterbewusstsein einer Schwarmintelligenz. Hinter der man dem Titel gemäß „Europa“ vermuten darf, oder doch eine KI? Immerhin stellte Lotz in seinem Werktagebuch „Heilige Schrift I“ (2022), das immer wieder auf Traumfetzen rekurrierte, bereits eine Frage, die in der Lage ist, das Deutungsvorzeichen zu verändern: „Wovon träumt das Internet?“ Will meinen: „Do Androids Dream of Electric Sheep?“
Nur die Träume selbst geben Auskunft über ihre Urheber
In welchem Umfang nun Passagen gestrichen, hinzugefügt oder neu montiert wurden, obliegt der Mutmaßung. „Träume in Europa“ formuliert keinen Authentizitätsanspruch, folgerichtig fehlen Angaben zu den ursprünglichen Verfassern. Wir erfahren weder ihr Geschlecht noch Alter, etwaige Hinweise streut höchstens der jeweilige Traum selbst. Was Lotz interessiert, ist die Interpretationsoffenheit, die den Träumen spezifische Logik. Als „Fehler, Blasen, Verwerfungen im Gewebe der Wirklichkeit“ hat Clemens J. Setz einmal den Glitch definiert, eine Panne im Programmcode eines Computerspiels, die „Sprünge, Kurzschlüsse, Diskontinuitäten“ produziert: Figuren, die mit Wänden verschmelzen oder deren Gliedmaßen sich physikalisch unmöglich verdrehen. Womit das Level an Weirdness, der beträchtliche Teile der Gegenwartsliteratur mittlerweile huldigen, gut umrissen ist.
Einem Träumer bei Lotz droht die Hinrichtung, weil er verbotenerweise Socken trug, ein anderer wird von seinem beißwütigen MacBook gejagt, während einer Dritten dämmert, dass sie früher Adolf Hitler gewesen ist. Was tief blicken lässt, entbehrt oftmals nicht der Komik, die ihrerseits genüsslich vom Absonderlichen zehrt. Der Verzicht auf eine übergeordnete Erzählinstanz verleiht der Lektüre durchaus seinen Reiz, dennoch wähnt man sich mitunter in einem Ideenreservoir oder Materialsteinbruch. Ein Großwerk hat Wolfram Lotz mit „Träume in Europa“ zwar nicht vorgelegt, da-für aber ein vergnügliches Zwischenstück, ein Büchlein von eigentümlicher Poesie.
Wolfram Lotz: „Träume in Europa“.
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2026. 112 S., geb., 23,– €.

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