Wohl keine Kartell-Einwände: Die Berlusconis ziehen bei Pro Sieben Sat.1 durch

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Berlusconi ante portas: So hieß es noch vor ein paar Tagen, als sich die Holding Media For Europe (MFE) anschickte, die Mehrheit bei Pro Sieben Sat.1 zu übernehmen. Jetzt ist es Gewissheit. Der bislang zweitgrößte Anteilseigner, die tschechische PPF Group, hat sich selbst aus dem Rennen genommen und sein Aktienpaket von 15,7 Prozent den Italienern angeboten. Damit kommt Media For Europe auf mehr als 50 Prozent und hat bei Pro Sieben Sat.1 endgültig das Sagen.

Wolfram Weimer bittet zum Gespräch

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und Pier Silvio Berlusconi, Vorstandsvorsitzender der MFE, haben also etwas zu besprechen. Weimer will in den nächsten Tagen ein Gespräch mit dem ältesten Sohn des verstorbenen Medienmagnaten und früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi führen. „Die mögliche Übernahme“ von Pro Sieben Sat.1, hatte Weimer Ende Juli gesagt, „würde das mediale Machtgefüge unseres Landes beeinflussen“. Ein „Eigentümerwechsel darf nicht zu einer Einschränkung der journalistischen Unabhängigkeit führen. Medienmacht ist niemals neutral – wer sie kauft, trägt politische Verantwortung“.

Politische Verantwortung zu tragen, darauf verstand sich Silvio Berlusconi bekanntlich, allerdings nicht in dem Sinn, den Weimer meint. Berlusconi senior war Medienmagnat und Ministerpräsident, das eine bedingte das andere. Sein ältester Sohn hat solche medienmachtpolitischen Ambitionen bislang noch nicht an den Tag gelegt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Als Unternehmer freilich müsste er sich davor hüten, aus Pro Sieben Sat.1 eine Parteisendergruppe zu machen. Politik, Information, Journalismus rangieren dort unter ferner liefen, es geht vor allem um Unterhaltung und darum, im Vierkampf der in Deutschland maßgeblichen Sendergruppen nicht den Anschluss zu verlieren – an ARD, ZDF und RTL. Damit tut sich das mit rund 1,5 Milliarden Euro Nettoschulden belastete Pro Sieben Sat.1 schwer genug.

Hier ruhen alle Hoffnungen auf dem werbefinanzierten Portal Joyn, das ein umfassendes Kanalangebot versammelt, zuletzt aber damit auf sich aufmerksam machte, dass es sich die Mediatheken von ARD und ZDF in einer Weise einverleibte, die die öffentlich-rechtlichen Sender auf die Zinne und vor Gericht trieb. Die Super- oder Metamediathek, die Joyn auch mit den beitragsfinanzierten Inhalten im Sinn hatte, nahm solchermaßen nicht Gestalt an.

Wie sieht eine paneuropäische Sendergruppe aus?

Wie passt das schwierige nationale Geschäft zu den Plänen einer paneuropäischen Sendergruppe? Auf den ersten Blick gar nicht. Auf den zweiten kommen einem die Synergien in den Sinn, die Einsparungen, die Pier Silvio Berlusconi mit der Übernahme von Pro Sieben Sat.1 heben will. 418 Millionen Euro in vier Jahren sollen es sein. Das erscheint sehr optimistisch, zumal die deutsche Sendergruppe in den vergangenen Jahren schon heruntergespart worden ist.

 Giorgia Meloni im Jahr 2021 im Gespräch mit Silvio Berlusconi (rechts) und Matteo Salvini (links).Koalitionäre: Giorgia Meloni im Jahr 2021 im Gespräch mit Silvio Berlusconi (rechts) und Matteo Salvini (links).Reuters

Schaut man auf das größere Bild, gewärtigen wir gerade ein gewaltige tektonische Verschiebung in der deutschen Medienlandschaft: ARD und ZDF verwandeln sich in gigantische, beitragsfinanzierte Streamingplattformen, die Berlusconis übernehmen Pro Sieben Sat.1, und RTL kauft den Abosender Sky und will mit dem Bezahlportal RTL+ in der ersten Liga der Streamer mitspielen. Mit 11,5 Millionen Abonnenten, sagte der Bertelsmann- und RTL-Chef Thomas Rabe der F.A.Z. (29. August), befinde man sich „in Schlagdistanz“ zu den internationalen Playern. Bei rund 300 Millionen Abonnenten weltweit, die Netflix für sich reklamiert, ist diese Distanz freilich ein großer Schlag. Dabei hätte Bertelsmann, das einen Großteil seiner Geschäfte in den USA macht, mit Senderfusionen in Frankreich und in den Niederlanden gern vorgemacht, was die Berlusconis nun mit Pro Sieben Sat.1 vollziehen. Die Pläne scheiterten jedoch an den nationalen Kartellvorgaben.

Das ist im Fall von Pro Sieben Sat.1 nicht zu erwarten. Das Bundeskartellamt hat keine Bedenken angemeldet, und auch die von den Landesmedienanstalten beschickte Kommission zur Ermittlung der Konzentration (Kek) scheint keine Einwände zu haben, wie unsere Nachfrage ergibt. Die Kek hat sich mit MFE und Pro Sieben Sat.1 zuletzt im Juli befasst, nun wird sie es abermals tun, sie wartet aber erst einmal den Ablauf der Aktienübernahmefrist am 1. September ab. Es bestehe „diesbezüglich ein enger Austausch mit der in diesem Fall zuständigen bayerischen Landesmedienanstalt, der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM)“, heißt es.

Deren Chef, Thorsten Schmiege, sagt auf F.A.Z.-Anfrage: „Rein rechtlich ist eine vorherrschende Meinungsmacht durch den Einstieg eines Investors, der bislang auf dem deutschen Medienmarkt nicht aktiv ist, nicht zu befürchten. Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (Kek) hat die letzten Beteiligungserhöhungen von MFE im Juli geprüft und ist zu diesem Ergebnis gelangt.“ Im Juli war das Aktienpaket der Berlusconis bei Pro Sieben Sat.1 zwar noch kleiner als jetzt, ihr beherrschender Einfluss war da aber schon deutlich. Will heißen: Aus „Berlusconi ante portas“ wird „Berlusconi intra muros“.

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