Was Widerstand bedeutet: Wir müssen beim Unmöglichen anfangen

vor 7 Stunden 1

Der Begriff „Dissident“ war einmal reserviert für diejenigen, die sich der kommunistischen Diktatur entgegenstellten. Hat sich die Be­deu­tung dieses Begriffs verändert? Oder anders gefragt: Wem oder was setzen wir Widerstand entgegen?

Als wir 1989 Zeugen des Tiananmen-Mas­sakers von Peking wurden, schien in China die Geschichte rückwärtszulaufen. Während Exilschriftsteller der Sowjetunion und Osteuropas in ihre Heimat zurückkehrten, begann für uns chinesische Schriftsteller das Exil. Der Albtraum wiederholt sich in den vergangenen Jahren auf bizarre Weise, wenn der Kriegsverbrecher Putin selbstgefällig über die roten Teppiche schreitet, die ihm in China, Indien oder den USA ausgerollt werden. In meinen Augen watet er da durch das Blut der Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz, die 1989 von Panzern niedergewalzt worden waren.

Nur ein ganz normales Jahr

Eine der fatalen politischen Kampagnen der KP Chinas in den Fünfzigerjahren nannte sich „Der große Sprung nach vorn“. Die Welt nach dem Kalten Krieg ließe sich in Abwandlung dieser Parole treffend mit „Der große Sprung zurück“ beschreiben. Die geistige Krise der Menschheit ist heute wesentlich gravierender als zur Zeit des Kalten Krieges. Seit dem Zusammenbruch des ideologischen Diskurses offenbart sich hinter den Illusionen vom Ende der Geschichte oder der Globalisierung eine erschreckende Realität – Totalitarismus und Kapitalismus gehen heute stillschweigend Hand in Hand. Kommunisten sind Kapitalisten, Kapitalisten sind Kommunisten, Ideologien sind austauschbar. Die Menschen unterwerfen sich aus freien Stücken der Kontrolle des Denkens. Der Fortschrittsgedanke ist zu einer Farce verkommen; um reich zu werden, wirft man sämtliche moralischen Prinzipien über Bord. Wer keine idealistische Vision mehr kennt, befriedigt nur noch seine unmittelbaren Eigeninteressen. Die Verbindung von Egoismus, Zynismus und Profitgier zeichnet ein hässliches Bild der Welt.

Yang Lian ist Schriftsteller und lebt im Exil in Berlin und London.Yang Lian ist Schriftsteller und lebt im Exil in Berlin und London.Imago

Mein Gedicht „1989“ endet mit der Zeile „Dies alles ist nur ein normales, ein ganz normales Jahr“. Wenn wir angesichts des Tiananmen-Massakers so geschockt waren, als hätten wir noch nie zuvor ein Massaker erlebt, dann müssen wir uns fragen, was dann mit den Opfern der Kampagne gegen die Rechtsabweichler war, was mit den vielen Unschuldigen, die während der Kulturrevolution ermordet wurden? Hatten wir sie längst vergessen? Wenn wir uns das Vergessen erlauben, wer garantiert dann, dass unsere ­Tränen über die letzte Katastrophe nicht einfach nur unsere Erinnerungen fortwaschen, bis der nächste Schock kommt?

Durch Selbstbefragung die Welt hinterfragen

Staunend sehen wir zu, wie die bösen Big Brothers der Welt Allianzen schmieden und demokratische Systeme zu profitgetriebenem Lobbyismus verkommen, ohne dass dem ein Riegel vorgeschoben werden könnte. Auch die Idee des Widerstands verändert sich ständig und wird flexibel interpretiert: Die einen bedienen sich der Parolen des Kalten Krieges nur, um einen kommerziellen Hype daraus zu machen. Andere entdecken mit erstaunlichem Eifer die „Heimat“ wieder, der sie einst als Exilanten den Rücken gekehrt haben, scheren sich nicht darum, dass sie ihren eigenen Prinzipien untreu werden, und zeigen sich begeistert von der angeblichen Effizi­enz, gar der „Menschlichkeit“ autokratischer Systeme. Selbst die sensible Kunst der Poesie vermeidet bewusst, sich mit den Machtspielen der Welt zu befassen. Taubheit und Aphasie machen uns zu bloßem Schaum.

Unser Gefühl von Verlorenheit hat vor allem mit dem Verlust unserer klassischen Vorstellung von Demokratie zu tun. Was wir bislang mit aller Selbstverständlichkeit als gut funktionierendes Regelwerk der Demokratie aufgefasst haben, kann allzu leicht untergraben und zur Zerstörung der Freiheit instrumentalisiert werden. Demokratie hängt inzwischen als großes Fragezeichen über unseren Köpfen. Vielleicht taugen Trumps bizarre Possen wenigstens dazu, uns zum Nachdenken über die Frage „Was ist Demokratie?“ zu zwingen. Aber geht es nicht genau darum? Demokratie bietet keine dauerhaften, unumstöß­lichen Lösungen; sie tastet sich im ständigen Diskurs über sich selbst voran, ist ein Prozess mit offenem Ausgang. Sich als Dissident zu begreifen, beruht darauf, sich selbst zu hinterfragen, durch Selbstbefragung die Welt zu hinterfragen.

Ein Zeugnis unseres Selbstvertrauens

Das bringt uns zurück zum Wesen des Widerstands. Widerstand sollte sich nicht allein gegen äußere Macht richten, sondern auch gegen die eigene geistige Dekadenz, denn genau diese geistige Kapitulation des Einzelnen schafft Möglichkeiten für totalitäre Kontrolle. Wenn wir das Denken aufgeben, überlassen wir dem Totalitarismus das Feld. Wer sich heute als Regimekri­tiker begreift, muss der aktive andere sein, der seine Energie aus ständiger Selbstbefragung bezieht – ich frage, also bin ich – und bewusst der eigenen Trägheit widersteht, unabhängig davon, ob das unmittelbare Vorteile mit sich bringt.

Das lässt mich wieder an George Orwells Roman „1984“ denken, 1949 erschienen, aber weit davon entfernt, Propagandawerkzeug des Kalten Krieges zu sein. Er ist eine Auseinandersetzung mit jeder Form totalitären Denkens und kann als Blaupause dienen, um offenzulegen, was die Big Brothers von heute zu kaschieren suchen. „Er liebt den großen Bruder“, heißt es über die Figur Winston Smith im letzten erschreckenden Satz des Romans, und diesen Satz habe ich zum Titel eines meiner jüngsten Essays gemacht (Bilder und Zeiten vom 12. Juli 2025). Die Erkundungen des Bösen finden nicht woanders statt, an einem fernen Ort, sondern direkt unter unseren Füßen und in uns selbst. Ganz gleich wo in der Welt sich die Katastrophen ereignen, sie legen unweigerlich die Wurzeln der düsteren Abgründe der menschlichen Natur frei. Das Unmögliche ist vollkommen normal und schlichtweg real. Indem wir es miterleben und begreifen, werden wir uns bewusst, dass wir in einer Sackgasse gelandet sind und mit gewaltiger Anstrengung wieder von vorn anfangen müssen. Dieser Prozess bedeutet nicht den Zusammenbruch der Zivilisation; er zeugt von unserem Selbstvertrauen und kann zu einem Markenzeichen der modernen Zivilisation werden.

Ich möchte im Wesentlichen auf zwei Aus­sagen hinaus: Es gibt kein Paradies, aber wir müssen Widerstand gegen jede Art von Hölle leisten. Und: Wir müssen beim Unmöglichen anfangen. Mit Orwells Meisterwerk vor Augen, das die Illusionen der Utopien zerstört und gleichzeitig die Bedeutung der Würde des Menschen und des ­Wesens der Zivilisation betont.

Aus dem Chinesischen von Karin Betz.

Yang Lian ist Schriftsteller und lebt im Exil in Berlin und London. Jüngst erschien von ihm die Essaysammlung „Im Einklang mit dem Tod“ (PalmArt).

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