Dimitré Dinevs Riesenroman: Allein Sex hat metaphysischen Gehalt

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Man stelle sich vor: Irgendwo in Österreich, weit von den heißen Rädern der Geschichte entfernt, stehen ein sowjetischer und ein amerikanischer Militär zusammen mit einem bulgarischen Hund und dessen Besitzer, einem Wehrmachtssoldaten, der die eigene Hinrichtung wundersam überlebt hat. Die Kugel im Kopf des Deutschen hat ihm das Gedächtnis genommen und die Fähigkeit gegeben, eine andere Identität anzunehmen. Das ist in diesen Zeiten viel wert. Die Männer lassen den Hund gegen andere kämpfen und wetten, wer gewinnt. So entsteht eine verbotene Verbrüderung. Man kann herumrechnen, wie viele Fügungen für diese Mischung zusammenfallen müssen.

Wer heute mit soziologischem Bewusstsein von der Polykrise spricht, bezeichnet die Gegenwart geflissentlich als besonders irre. Dass es in der Geschichte unmittelbar zuvor drunter und drüber ging, ist da schnell vergessen. Es war eben tatsächlich das „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm): Ob das Unbegreifliche nun in Krieg, Totalitarismen und Zivilisationsbrüchen selbst liegt oder in deren seltsamer Synchronizität – vor allem in den Erinnerungen der Menschen, die sie erlebten, Schlag auf Schlag –, steht dahin.

13 Jahre hat er an diesem Roman geschrieben

Dimitré Dinev wurde 1968 im bulgarischen Plowdiw geboren. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs lebt er in Wien, rund tausend Kilometer flussaufwärts, befreit vom bulgarischen Kommunismus, einem der härtesten im Ostblock. Schon in seinem Debüt „Engelszungen“ von 2003 geht es um die Irrungen, Wirrungen von Menschen in der europäischen Geschichte. Im Falle Bulgariens ist das für eine deutschsprachige Leserschaft, die (wenn überhaupt) oft desinteressiert gen Süd­osten blickt, besonders verdienstvoll. Mehr als zwanzig Jahre hat er auf einen neuen Roman warten lassen und rund 13 Jahre, so heißt es, daran geschrieben.

 „Zeit der Mutigen“. Roman.Dimitré Diev: „Zeit der Mutigen“. Roman.Kein & Aber

Das Ergebnis ist ein knapp 1200 Seiten langes Monumentalwerk. Fast ein ganzes Jahrhundert handelt es ab, vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Es geht um drei Familien, Bulgaren, Roma und Österreicher, und um ihre Wege durch das extreme Europa ihrer Zeit und zueinander. Denn die Erzählung entsteht durch die Bricolage dieser Biographien, und tatsächlich hängen alle miteinander zusammen. Schon diese Konstellation hatte den Roman für den Österreichischen Buchpreis prädestiniert, den Dinev vergangenes Jahr auch gewann. Und zwar verdient.

Er überlebt mit seiner Kugel im Kopf

Die Handlung beginnt 1912: Eva will sich in der Donau umbringen, der Soldat Alois hält sie davon ab. Später lernt sie den Fischer Xaver kennen. Ihre Tochter Angela – mittlerweile tobt der Faschismus – heiratet in eine ­Bäckerfamilie, und der Schwiegersohn Helmut zieht als begeisterter Nazi in den Krieg, aus dem er nicht wiederkehrt. Das gleiche Schicksal stand Leopold Gruber bei seiner Erschießung in Bulgarien bevor, aber er überlebt mit seiner Kugel im Kopf – fortan als Medscho.

Zusammen mit der Schäferin Neda zeugt er Wichra, die später eine Agentin des bulgarischen Geheimdienstes wird und noch später zur Krankenschwester Jowa, die ihren Vater pflegt. Dieser ist, jetzt als Meto, unter Helmuts Identität nach Österreich gekommen und Angelas Mann geworden. Dann gibt es da noch den Rom Barko, der erst im bulgarischen Straflager Belene einsitzt, wo er sich einer Gruppe von Anarchisten anschließt, und später mit seiner Familie sesshaft wird. Alle diese Figuren leben auch in ihrer eigenen Vergangenheit: Jeder ist das Kind seiner Zeit, aber vor allem seiner Eltern.

Alle Figuren zu Trägern des Humanismus machen?

Ein solch riesenhaftes Netzwerk zu bändigen, ohne dass es nach allen Seiten ausfranst, ist ein fast größenwahnsinniges Unterfangen. Dinev gelingt es, vor allem dank seiner Motive: In der Donau wollte sich Eva einst das Leben nehmen und fand an ihrem Ufer dann aber einen Grund zum Weiterleben. Der Fluss wird zum Leitmotiv, zum Ort, wo die Figuren Rat suchen.

Allerdings fallen auch die Schwächen des Romans ins Auge. Obwohl der Autor ein riesiges Ensemble an Figuren entwickelt (einmal sagt Eva über jemanden, seinen Namen habe sie vergessen – ich auch!, denkt der Leser), will er sie alle zu Trägern des Humanismus machen: Jeder hat seine Schrulle. Neda ringt, Xaver schweigt, und Metos Sohn Bruno spricht auf Partys am liebsten mit dem Personal. Alle verbindet ihr Außenseitertum. Eine Gesellschaft, in der diese Figuren stehen, gibt es kaum; sie grenzen sich immer von ihr ab. Die Macht ist ihnen verdorben, gleich ob sie als Priester, korrumpierter Kommunist oder Nazi-Mitläufer erscheint.

Reduktion auf den Trieb

Vor allem aber geht es um Sex, quälend viel, und zwar in einem solchen Überfluss, dass man nicht nonchalant darüber hinweglesen kann. Der Trieb scheint das Movens jeder Tat zu sein, seine Ausführung von voyeuristischem Interesse für den Erzähler. Das ist mal nur lästig, in schmandigen Dialogen („Ich bin gerade von oben bis unten ein einziger Schwanz“), oft grotesk, wenn Neda ihrem Trennungsschmerz von Meto mit einer Penisattrappe aus Holz begegnen will, bisweilen pietätlos: Auch ein KZ-Überlebender überlegt beim Todesmarsch nur, wie er seine „männliche Würde“ wiederherstellen kann. Allein Sex hat metaphysischen Gehalt.

Darüber verblüfft zu sein, ist keine Prüderie, eher ein Befremden über diese Engführung. Es passt auch nicht zum sonst kindlichen Blick des Erzählers. Man kann nur mutmaßen, wie viel Potential der Autor durch diese Fixierung verloren hat, anscheinend als Pose für einen kompromisslos verstandenen Naturalismus.

Kommunistische Apparatschiks in grauen Anzügen

Ohnehin hat Dinev keine Angst vorm Stereotyp. Das genügt dem Roman mal zu seinem performativen Humanismus, wird oft aber auch zur Plattitüde: in manch ungelenkem Dialog, der im besten Fall schelmenhaft daherkommt, oft aber kitschig und gewollt, in manchen erwartbaren Wendungen und Figuren, wie der des Hippies Ronny, der im Badezimmer Camus liest und nach Indien reisen will und später zum SPÖ-Kommunalphilister geworden ist, oder denen der zweitrangigen kommunistischen Apparatschiks mit gelben Zähnen und grauen Anzügen. Auch ist unvermeidbar, dass es bei dieser Polyphonie bisweilen fahrig und repetitiv wird, wenn über alle Nebenschauplätze und Figuren die Erzählung zusammenzuführen ist.

Manches im Roman wirkt kolportageartig, und auch der Erzähler mit seinem ausladenden Gestus scheint – ein bisschen wie der ganze Text – liebevoll aus der Zeit gefallen. Er zeigt für den Leser auf vieles mit dem Finger: ein Aphoristiker auf der Schwelle zum Tassenspruch, ein Meister des „denn“, worauf wahrheitstrunken eine Weisheit folgt, die beim zweiten Lesen manchmal gar keine ist. Diese Marotten hätte es nicht gebraucht, denn die Länge verlangt dem Leser schon genug ab.

Melodram und Mystik

Vordergründig scheint der Roman eine mustergültige historische Fiktion zu sein. Sich denjenigen aus der mittleren oder letzten Reihe der Mitlebenden zuzuwenden und so die Mächtigen der ersten Reihe und „die Geschichte“ (die im Singular wohlgemerkt) in den Hintergrund zu stellen, ist ein alter literarischer Hut. Das kennt man von Walter Scott, Lew Tolstoi oder Henryk Sienkiewicz.

Der Text muss sich so auch an aus­erzählten Tropen der europäischen Zeitgeschichte abarbeiten, am Konflikt der Achtundsechziger-Generation und deren Nazi-Eltern, am Eisernen Vorhang oder an Denunziantentum im Totalitarismus. Das Zeitalter der Extreme herrschte aber auch in der mentalen Peripherie der Europäer, im bulgarischen Kommunismus, im Leben der Roma oder auf den osteuropäischen Transformationswegen.

Dinev kann meisterhaft Kreise schließen, und dafür wird man ihn bewundern, denn hier funkelt seine Erzählung am hellsten. Man sieht ihm gerne nach, dass es vielleicht zu viele Kreise sind. Virtuos geht er auch mit Melodram und Mystik um, etwa in Xavers Krakenzahn, der unsichtbar macht. Der weiteste Kreis schließt sich am Ende: Evas Urenkelin – auch Eva – blickt zusammen mit „Tante Jowa“ auf das Österreich der Gegenwart, auf Ausländerfeindlichkeit und Anti­humanismus. Wie eitel alles scheint, wenn jeder eigentlich in einem vorigen Leben ein anderer war.

Dimitré Dinev: „Zeit der Mutigen“. Roman. Kein & Aber, Zürich 2025. 1152 S., geb., 38,– €.

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