Porträt von Alexander Estis: Ein Souverän der literarischen Flucht nach vorn

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Alexander Estis, von Beruf Schriftsteller, hat noch nie einen Roman geschrieben. Hätte er es, wäre er vielleicht bekannter, als er es jetzt ist. Andererseits wäre Estis in jenem Fall wohl kaum er selbst. Denn dass er mit 39 Jahren noch keinen Roman vorgelegt hat, ist allem Anschein nach nicht dem Zufall geschuldet – und liegt auch nicht an Ideenlosigkeit. In einer Miniatur für die Zeitschrift „Sinn und Form“ hat Estis die Enthaltsamkeit von der großen Form einmal selbst satirisch thematisiert. Keinen Roman zu schreiben, sei die schwierigere und mithin verdienstvollere Tätigkeit, als das Gegenteil zu tun, erfährt man hier. „Unzählbar sind die Anleitungen, wie man einen Roman schreibt, keine einzige rät, wie man sich dessen enthält. (. . .) Wie miserabel, wie langweilig, langatmig und gleichartig sind die meisten Romane; dagegen wieviel Varianten hervorragend unverfasster Romane!“ Auch an der Frist erkenne man, welches Werk das größere sei: „Es mag noch so viele Jahre dauern, einen Roman abzuschließen – keinen Roman zu schreiben nimmt ein ganzes Menschenleben in Anspruch.“

Freilich wäre es naiv, den leibhaftigen Alexander Estis mit den mannigfaltigen Erzählstimmen gleichzusetzen, die seine Texte tragen. Allerdings kommt in obigem Zitat eine Haltung zum Ausdruck, die vom Werk durchaus gestützt wird: Langatmig oder langweilig ist darin tatsächlich nichts. Estis hat sich der Kurzprosa verschrieben: Er verfasst Miniaturen, Glossen, Aphorismen, bündige Parabeln – oft in satirischem Ton, oft ausnehmend absurd, wobei Komik und Tragik nah beieinanderliegen. Selten sind Estis’ Texte länger als ein paar Buchseiten, oft bestehen sie nur aus wenigen Sätzen.

Der Kranich taucht ins Bierglas ein

So lautet eine Erzählung, die mit „Auflösung“ betitelt ist: „Gegenüber ereignete sich eine Haushaltsauflösung. Die Wohnung wurde immer leerer, ein Gegenstand nach dem anderen verschwand, eine Erinnerung, eine gedankliche Verbindung nach der anderen, bis sozusagen auch die Wohnung selbst hinausgenommen war und nur nackter Raum blieb.“ Der Text entstammt der 2022 erschienenen Miniaturen-Sammlung „Fluchten“. In ihm zeigt sich eine Bewegung, die paradigmatisch ist für Estis’ Auseinandersetzung mit dem titelgebenden Topos: Innerhalb weniger Sätze wird eine zunächst nicht ungewöhnlich erscheinende Situation derart zugespitzt und ins Absurde getrieben, dass ein erzählerischer Endpunkt erreicht ist.

Die Figur Brigitta K. rettet sich in „Fluchten“ vor einer palavernden Freundin, indem sie Stadt, Kreis und Land für immer verlässt. Ullrich verwandelt sich – so scheint es zumindest einen Augenblick lang – in einen Kranich und taucht ein in sein Bierglas. Eberhard Schmonz, ein Schriftsteller, dem es trotz seiner ausgedehnten Schreibaufenthalte in kleinstädtischen Cafés nicht gelungen ist, dort ebenfalls einkehrende „Chailattestudentinnen“ zu bezirzen, flüchtet sich in eine einsame Autorenexistenz auf dem Land. Ironischerweise folgen dem Instagram-Kanal @lonelyschmonz, auf dem er sein neues Leben inszeniert, vor allem Studentinnen aus Großstädten. Die Fluchten, die sich in dem kleinen Buch ereignen, sind vielgestaltig. Deutlich wird bei alledem: Die schriftstellerische Phantasie weiß immer einen Ausweg.

Wer Fremdsprachen spricht, ist im Vorteil

Ein wenig erinnern die Miniaturen in ihrer sorgfältig komponierten Absurdität an die Kafkas Kurzgeschichten. Allerdings ist Estis’ Sprache facettenreicher, man stößt hier auf viele Wörter und Wendungen, die nichts mit der funktionalen Kühle Kafkas zu tun haben. Mitunter wirkt das wie verstaubt oder hochgestochen: „Es mochte noch hingehen“, „Kalamität“, „Säkulum“, „tändelig“, „Adoration“, „Purgation“. Wer Fremdsprachen spricht, ist bei der Lektüre im Vorteil. Man könnte diese Art des Schreibens leicht als bildungsbürgerliche Distinktionsgeste verstehen – und sicher läge man damit auch nicht ganz falsch.

Doch Estis’ Schreiben geht darüber hinaus. Vor allem zeigt sich darin eine uneingeschränkte Lust an der Sprache, daran, die subtilsten Unterschiede in Klang, Konnotation und Bedeutung immer wieder aufs Neue auszuloten. Und besonders, wenn Estis sich wie im Mini-Heft „Bugs“ (2024) zeitgenössischen Phänomenen wie Internetsucht, Cancel Culture oder Onlinedating nähert, offenbart sich das subversive Potential eines leicht anachronistischen Ausdrucks: Diese Sprache ermöglicht Distanz – und schafft damit eine Grundbedingung für Erkenntnis.

Nachdenken über Putin und die russische Gesellschaft

Dass Alexander Estis derzeit auch als Journalist in Erscheinung tritt, liegt am ihn unmittelbar betreffenden Welt­geschehen. Er wurde 1986 in Moskau geboren, seine Familie ist jüdisch und hat Wurzeln in der Ukraine. 1996 siedelte er als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland über. Der Ukrainekrieg versetzte ihn in Wut und Ohnmacht, wie er im Vorwort der kürzlich erschienenen Essaysammlung „Schergenstaat Russland“ schreibt: Einige Familienmitglieder, deren Vorfahren oder sie selbst dem sogenannten „Holocaust durch Kugeln“ entrinnen konnten, lebten noch immer in der Ukraine. Von dort aus wurde sein Vater nach Russland evakuiert. Estis, der sich bis zu Kriegsbeginn „nie primär als Journalist, vielmehr als Schriftsteller, höchstens als Feuilletonist fernab des Tagesgeschehens“ verstanden hatte, fing nach dem russischen Angriff an, russische Pressemeldungen zu übersetzen, um sich aus seiner Schockstarre zu lösen. Wenig später verfasste er Essays über den Macht­apparat Putins und die russische Gesellschaft.

Mit dem Massaker der Hamas an israelischen und internationalen Zivilisten am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gazakrieg kam ein weiteres Betätigungsfeld hinzu: Unter anderem initiierte Estis gemeinsam mit der Schriftstellerin Slata Roschal eine in der F.A.Z. publizierte Textreihe von „Stimmen junger deutsch-jüdischer Literatur zum 7. Oktober 2023“. Auf Lesungen sammelten die daran beteiligten Autorinnen und Autoren Spenden für den israelisch-palästinensischen Freundschaftsverband „The Parents Circle – Families Forum“.

Satiren aus der Welt der aschkenasischen Juden

Der brutale Krieg in der ­Ukraine dauert an; der nie überwundene Hass auf Jüdinnen und Juden hat seit dem Gazakrieg global Hochkonjunktur – zuletzt materialisierte er sich im Massaker von Bondi Beach in Australien. In der „Süddeutschen Zeitung“ reagierte Estis darauf mit lyrischer Wucht: „Ihr seid nur sicher zwischen den Gründen, zwischen den Minuten, zwischen drüben und dort, zwischen irgendwann und jemals, zwischen vielleicht und womöglich, zwischen weg und hinfort, zwischen Pogrom und Pogrom. Juden der Welt! ‚Nie wieder‘ ist nie.“ Hatte es irgendwann einmal Alexander Estis, den intervenierenden Journalisten, und Alexander Estis, den verspielt-eskapistischen Satiriker gegeben, so nehmen sich jüngere literarische Texte explizit politisch aus. Oder politische Texte literarisch?

In jedem Fall weist auch Estis’ neueste literarische Veröffentlichung, „Am Anfang war Schmonzes“, einen nicht überlesbaren politischen Gehalt auf. Die hier versammelten Satiren lassen das aschkenasische Judentum in deutscher Sprache lebendig werden – und damit eine Kultur, die in Europa von den Nationalsozialisten nahezu komplett ausgelöscht wurde. Estis flicht allerlei jiddische Vokabeln in seine Texte ein, und sein dialektischer Witz wirkt zuweilen viel zu warm für hiesige Gefilde. Dass dieser Humor schon allein dadurch, dass er jüdisch ist, in Deutschland Sprengstoff birgt, ist dem Autor bewusst: „Man weiß nicht, ob man über einen jüdischen Witz lachen darf, und selbst wenn man das weiß, weiß man bisweilen trotzdem nicht, wann. Allerdings weiß man all das erst im Nachhinein nicht, vorher hat man ohnehin schon gelacht, denn bei einem jüdischen Witz müssen alle lachen, sogar wenn sie im Nachhinein nicht hätten lachen dürfen.“

Wenn Estis in diesem Ton von der ­meschuggenen Mischpoche erzählt, wie es ein Goj niemals könnte, dann ist ­das nicht nur formidabler Klamauk, sondern auch eine Selbstbehauptung in einem Land, in dem Jüdinnen und Juden – das zeigt nicht zuletzt der dramatische Anstieg antisemitischer Straftaten in den letzten Jahren – keineswegs sicher sind.

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