„Vernau“-Krimi im ZDF: Ein Anwalt geht clubben

vor 1 Tag 1

Schwarze Schwäne sind extrem selten. Deshalb diente „Black Swan“ Nassim Nicholas Taleb in seiner Kritik der Zukunftsforschung als Metapher für ein folgenreiches Ereignis jenseits aller Wahrscheinlichkeit, das aus Furcht vor dem Unerwarteten in der Regel im Nachhinein zu erklären versucht wird. Wer sich vor dem Unerwarteten fürchtet, kann natürlich auch einfach deutsches Fernsehen schauen: Unvorhersehbares ist hier so selten wie Schwaneneleganz.

Bislang: platte Dialoge, dürftige Plots, schmale Charaktere

Da sind selbst kleine Ausreißer schon bemerkenswert. Mit einem solchen hat man es zu tun, wenn eine seit Jahren durch platte Dialoge, zusammengeschusterte Plots und eindimensionale Charaktere hervorstechende Reihe rund um den Berliner Anwalt Joachim Vernau mit einem Mal die Flügel spreizt.

Lebten die Vernau-Filme bislang davon, dass man Jan Josef Liefers und Stefanie Stappenbeck, die seine Anwaltskollegin Marie-Luise spielt, trotz der hanebüchenen Drehbücher gern zuschaute, hat man es nun – kaum dass die seit einer Weile von Regisseur und (Mit-)Autor Josef Rusnak verantwortete Reihe sich von den Romanvorlagen gelöst hat (es heißt nur noch „Nach Motiven der Romane von Elisabeth Herrmann“) – mit einer interessanten Protagonistin und einer einigermaßen konsistenten Story zu tun, gerade weil darin Lüge auf Lüge folgt.

Jetzt: dicht, verwickelt, anspielungsreich

Vor allem aber erzählt Rusnak nicht nur dicht und verwickelt, sondern auch sicher im Motivischen. Da ist natürlich das Leitmotiv, Tschaikowskis „Schwanensee“, jene Liebestragödie über eine verzauberte Prinzessin und ihre böse Doppelgängerin, das inhaltlich und musikalisch variiert wird (bis hin zur Technovariante). Doch auch Bezüge zu Talebs Theorem und zu Filmen wie „Der talentierte Mr. Ripley“ (1999) oder Darren Aronofskys Horrordrama „Black Swan“ (2010) finden sich.

 Stefanie Stappenbeck als Anwältin Marie-Luise.Ohne sie stünde Vernau wie stets auf verlorenem Posten: Stefanie Stappenbeck als Anwältin Marie-Luise.ZDF und Conny Klein

Eröffnet wird „Der schwarze Schwan“ mit einer Spiegelung des Auftakts des letzten Vernau-Films, „Versunkene Gräber“: War damals Marie-Luise neben einer Leiche aufgewacht und wurde des Mordes verdächtigt, passiert dasselbe diesmal Vernau. Im Rückblick wird die Vorgeschichte nachgereicht: Der schwerkranke und schwerreiche Brauereibesitzer Robert Halstenberg (Walter Kreye) hatte Vernau engagiert, weil er seine Tochter Juliane (Rike Schmid) noch einmal sehen wollte. Diese hatte sich drei Jahrzehnte zuvor nach Fernost abgesetzt und den Vater nur hin und wieder um Geld gebeten. Unlängst kam sie zurück nach Berlin. Erneut fragte sie den Vater um Geld, allerdings wieder per Postkarte.

Auch die Geldübergabe erfolgte nach konspirativem Muster, aber hier kam Vernau ins Spiel. Dass es ihm so leichtfiel, die scheue Juliane zu stellen, hätte ihn vielleicht misstrauisch machen sollen, aber beim Anblick schöner Frauen verlor er immer schon seinen Scharfsinn. Schnell wird klar, dass diese schillernde Person, die wie Natalie Portmans Figur in „Black Swan“ die Unschuld des weißen Schwans mit der dunklen Entschlossenheit des Gegenparts zu vereinen scheint, mit Vernau spielt. Und gern spielt er mit, gibt den unerschrockenen Beschützer („Willkommen in meiner Welt“), erreicht dann aber überhaupt nichts.

Beim Abliefern des Geldes, das Juliane wiederum einem Nachtclubbesitzer schuldete, kam es zu den tödlichen Schüssen und Vernaus Knockout: der Startpunkt einer Serie unvorhergesehener Ereignisse mit ziemlich vielen Toten. Danach sucht der des Mordes verdächtige Anwalt aus eigenem Antrieb nach der wieder untergetauchten Juliane, denn sie ist seine einzige Entlastungszeugin.

DSGVO Platzhalter

Es muss etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein in den Neunzigerjahren, das mit Julianes reicher Familie, mit dem Ballett (Juliane tanzte), mit ihrer damals an einer Überdosis gestorbenen Freundin Sandra (auch sie tanzte) und mit mehreren Pionieren der elektronischen Musik aus dem Umfeld der Love-Parade zu tun hat. Nur was? Es gelingt Rusnak, die sich immer wieder andeutenden und doch nur vorläufigen Antworten auf diese Frage in atmosphärisch stimmige Szenen aufzulösen. Auch der Humor ist oft ein szenischer, wenn etwa Alexander Wipprecht als DJ Orion beim Mauerpark-Rave vor drei traurigen Tänzern ausrastet. Vergangener kann nicht wirken, was einmal ein Zukunftsversprechen war.

Einen Emmy gewinnt „Der schwarze Schwan“ wohl immer noch nicht, aber die Doppelgesichtigkeit von Erinnerung – hinter der Verklärung das Grauen – kommt gut zum Ausdruck. Traum und Albtraum lagen in der anarchischen Clubszene der Neunziger eben nah beieinander: Love in the Air, Drogenenthemmung im Alltag. Da wir uns in einem modernen Märchen befinden, das letztlich von Liebe, Neid und Ehrgeiz handelt, macht es nichts, dass die Glaubwürdigkeit der Geschehnisse nicht allzu hoch ist.

Vernau driftet durch diese Handlung wie eine im Sturm losgerissene Boje, aber er entwickelt das, was Taleb empfiehlt: eine schockresiliente Haltung durch Risikostreuung. Wer allen alles zutraut, bleibt sogar lässig, wenn er selbst hinter Gittern landet. Und auch Vernaus Resümee im Sinne Tschaikowskis passt eigentlich immer: „Nicht jedes Märchen hat ein Happy End, egal, wie schön die Musik ist.“

Rechtsanwalt Vernau: Der schwarze Schwan läuft am Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

Gesamten Artikel lesen