Unternehmen im NS-Staat: Hitlers willige Profiteure

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Wie verstrickt waren deutsche Großunternehmen in den Holocaust? Seit dem Ende des Kalten Krieges ist zur empirisch gesättigten Beantwortung dieser Frage ein eigenes Forschungsfeld entstanden, befeuert durch die Öffnung lange verschlossener Unternehmensarchive. Es ist Peter Hayes auch vor dem Hintergrund der immer schwerer zu überschauenden Fachliteratur hoch anzurechnen, dass er mit seinem neuen Buch „Geschäfte im Schatten des Holocaust“ die immer umfangreichere Literatur auf weniger als zweihundert Seiten zusammenfasst.

Seine Kernthese: Die größten deutschen Wirtschaftsunternehmen waren tief verstrickt in die Verbrechen des Nationalsozialismus, allerdings nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern in erster Linie aus Opportunismus, Konformismus und Pragmatismus.

Die Rolle der hundert größten Unternehmen im Holocaust

Diese These ist einerseits als Absage an die lange von marxistisch inspirierten Historikern vertretene Deutung der deutschen Großindustrie als „Steigbügelhalter“ Hitlers zu verstehen, andererseits aber auch als Zurückweisung der apologetischen Selbstdeutungen von Unternehmen in der frühen Bundesrepublik.

 „Geschäfte im Schatten des Holocaust“Peter Hayes: „Geschäfte im Schatten des Holocaust“C.H. Beck

Hayes, mittlerweile emeritierter Professor für Geschichte an der Northwestern University, gehört zu den weltweit führenden Experten zu diesem Thema. In früheren Studien untersuchte er die Rolle des Chemie- und Pharmakonglomerats IG Farben in der NS-Zeit, in einer weiteren Studie die Selbstbereicherung der Degussa-Bank an jüdischem Eigentum. Sein neuestes Buch baut auf diesen früheren Studien auf und bietet eine chronologisch geordnete Darstellung darüber, welche Rolle die hundert größten deutschen Unternehmen und Banken im Holocaust spielten.

In einem längeren Prolog („Pfadabhängigkeiten“) schildert er die krisenhaften Erfahrungen der Zwanzigerjahre als prägend. Viele Unternehmen, die vor dem Ersten Weltkrieg sowohl technologisch als auch kommerziell enorm erfolgreich gewesen waren, wurden durch den verlorenen Krieg und die Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik, insbesondere die Große Depression nach 1929 (aber auch durch rückwärtsgewandte Strategien), stark beeinträchtigt.

Ideologische Überzeugung war nicht vonnöten

Anders als in der älteren Literatur immer wieder insinuiert wurde, stellt Hayes klar, dass diese Krisen die deutschen Großunternehmer nicht zwangsläufig zu Parteigängern der Nationalsozialisten machten. Sicherlich habe es einzelne Sympathisanten in den Chefetagen gegeben, anders als die Großgrundbesitzer hätten die Unternehmer als soziale Gruppe aber kaum zum Aufstieg Hitlers beigetragen. Viele von ihnen hätten der NS-Ideologie eher ablehnend gegenübergestanden.

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 versetzte die deutschen Großunternehmen aber in eine neue Lage: Einerseits stand die verhohlene Drohung der Verstaatlichung nicht-kooperativer Unternehmen im Raum. Andererseits kam das Regime den Interessen von Unternehmen – etwa durch die Abschaffung der Gewerkschaften – sehr entgegen und wurde in der Phase der Wiederaufrüstung zu ihrem wichtigsten Kunden.

Auch Wettbewerbsdruck habe eine Rolle für die Annäherung von Großunternehmen an das NS-Regime gespielt. Das zeigte sich bereits in der Zeit der „Arisierungen“ – also den Zwangsverkäufen jüdischer Unternehmen zu Schleuderpreisen. Wenn sich etwa eine Firma weigerte, ein jüdisch geführtes Unternehmen zu übernehmen, hatte sie zu befürchten, dass ein Konkurrent dies stattdessen tun würde.

Kooperation mit dem NS-Regime wurde belohnt

Hayes kehrt mehrfach zu der Frage zurück, wie antisemitisch die Leiter von Großunternehmen tatsächlich waren, und kommt zu dem Befund, dass nicht Antisemitismus, sondern Gewinnstreben die treibende Motivation für ihr Engagement bei der Enteignung von Juden und später im Holocaust war.

Adolf Hitler begutachtet den ersten Wagen vom Typ Käfer, der 1936 nach den Entwürfen des Automobilkonstrukteurs Ferdinand Porsche (M, ohne Kopfbedeckung) gebaut wurde.Adolf Hitler begutachtet den ersten Wagen vom Typ Käfer, der 1936 nach den Entwürfen des Automobilkonstrukteurs Ferdinand Porsche (M, ohne Kopfbedeckung) gebaut wurde.picture alliance / DB dpa/dpa

Der ökonomische Wiederaufschwung Mitte der Dreißigerjahre wurde von den Wirtschaftseliten gefeiert. Als das NS-Regime sich auf den Krieg vorbereitete, verabschiedete es Pläne, die der Großindustrie eine klare Wahl boten: Ein Unternehmen konnte durch Kooperation profitieren oder durch Nicht-Kooperation Schaden nehmen. Mit der Annexion Österreichs und des Sudetenlandes boten sich zudem neue Betätigungsfelder, an der neuerlichen Welle an „Arisierungen“ in den annektierten Gebieten beteiligte sich die Wirtschaft abermals.

Eindrücklich schildert Hayes, wie sich deutsche Unternehmen in den ersten Jahren der Diktatur mit dem Regime „koordinierten“ und ihre Vorstände „entjudeten“ und dann nach 1937/39 versuchten, aus den Möglichkeiten des nationalsozialistischen Eroberungskrieges Kapital zu schlagen. Dies beinhaltete auch die brutale Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiter und von KZ-Häftlingen.

Versicherungsgeschäfte im Holocaust

In ihren schlimmsten Momenten versicherten deutsche Unternehmen Fabriken in Ghettos und Lager gegen Risiken (Allianz), schmolzen geraubte Edelmetalle – inklusive Zahngold – ein (Degussa), bauten die elektrischen Systeme für Auschwitz-Birkenau (AEG) und lieferten Krematorien für die Vernichtungslager (Topf & Söhne). Anders als bei den „Arisierungen“, so Hayes, waren die Gewinne durch die Beteiligung am Holocaust überschaubar. Vielmehr ergab sich im Laufe der Zeit ein System der gegenseitigen Abhängigkeit.

Bei der Tagung der Reichsarbeitskammer in Augsburg zeichnet Rudolf Heß in einer Halle der Messerschmittwerke Ferdinand Porsches Betrieb als nationalsozialistischen Musterbetrieb aus.Bei der Tagung der Reichsarbeitskammer in Augsburg zeichnet Rudolf Heß in einer Halle der Messerschmittwerke Ferdinand Porsches Betrieb als nationalsozialistischen Musterbetrieb aus.Picture Alliance

Er illustriert dies am Beispiel der Tochtergesellschaften von IG Farben, die enorme Summen für die Entwicklung von „Buna“ (synthetischem Gummi) ausgaben, das Zwangsarbeiter im Unterlager Auschwitz-Monowitz produzieren sollten. Die Zwangsarbeiter, die beim Bau dieses Komplexes starben, kamen auch deshalb um, weil die Unternehmensleitung von früheren Investitionen profitieren wollte. Das Regime wiederum unterstützte die Bemühungen der IG Farben, weil die alliierten Blockaden Deutschland vom Zugang zu den Rohstoffen für Naturkautschuk abgeschnitten hatten.

Die deutsche Niederlage im Mai 1945 warf vor diesem Hintergrund auch die Frage auf, inwieweit die deutsche Wirtschaftselite zur Rechenschaft gezogen werden müsse. Ein besonders aufschlussreiches Kapitel verfolgt unter dem Titel „Nachspiel“ die verschiedenen Nachkriegsprozesse gegen Unternehmensleiter, ihre fast vollständige Rehabilitierung nach der oft kurzen Haft und die langjährigen Bemühungen der Großunternehmen, ihre Verstrickungen mit dem NS-Regime zu verschleiern, indem sie unabhängigen Historikern den Zugang zu Archiven verweigerten. Die sogenannte „Nürnberger Verteidigung“ („Ich habe nur Befehle befolgt“) fand laut Hayes ihre Entsprechung in der unternehmerischen Formel: „Ich habe nur versucht, meinen Job zu behalten.“

Erklären heißt nicht entschuldigen. Hayes verharmlost nicht, was deutsche Großunternehmer getan haben. Egal aus welchen Gründen deutsche Unternehmer die Wirtschaftspolitik mitgetragen und aktiv unterstützt hätten, ob nun aus ideologischer Überzeugung oder rein pragmatisch-opportunistischen Erwägungen – ihr Handeln habe so oder so tödliche Konsequenzen gehabt. Dieser Befund der quasi ideologiefreien Beteiligung an einigen der schlimmsten Verbrechen des Nationalsozialismus ist fast verstörender als die lange verbreitete Annahme, deutsche Großunternehmer hätten den Aufstieg Hitlers und seinen Vernichtungskrieg aus tiefer Überzeugung unterstützt.

Peter Hayes: „Geschäfte im Schatten des Holocaust“. Deutsche Großunternehmen im Dritten Reich. Aus dem Englischen von Martin Richter. C.H. Beck Verlag, München 2026. 268 S., geb., 38,– €.

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