„Tatort“ aus Berlin: Die nicht mit dem Wolf tanzt

vor 2 Tage 1

Drohnen haben durch den Krieg ihre Unschuld verloren. Von den zivilen Exemplaren, die fürs Fernsehen fliegen, aber darf man immer wieder fasziniert sein – etwa beim letzten Fall von Corinna Harfouch als „Tatort“-Kommissarin Susanne Bonard. Da kommt der Wolf nach Berlin zurück. Im Halbdunkel erkundet er am Teufelsberg sein neues Revier. Die Kamera (Moritz Anton) zeigt ihn ganz nah und zeigt ihn von fern, schwebt elegant über die Wälder und deutet an, dass in diesem „Tatort“ vor allem das Atmosphärische zählt. Er spielt lange im Grünen und als Kontrast in einem privat gebauten Betonbunker in der Stadt.

Was hat man nicht vor Kurzem noch über Prepper gelacht. Jetzt beneidet man allmählich die Menschen, die das nötige Kleingeld für Schutzräume haben. Es sind dieselben, die für das Ende bezahlbaren Wohnens in Berlin verantwortlich sind.

Der Wolf läuft in „Gefahrengebiet“ deshalb einem Obdachlosen über den Weg, und wenn es stimmt, was die Spurensicherung später vermutet, beißt er ihn tot. Die Arbeit der Kommissare Bonard und Karow (Mark Waschke) wäre demnach zuständigkeitshalber erledigt.

„Der Wachtmeister wollte mir nicht glauben“

„Tatort“-Autoren dürften indes nicht dazu neigen, die 1600 Wölfe, die sich in Deutschland fröhlich vermehren, als bedrohliche Monster zu zeigen. So denken eher Hundebesitzer wie jene Dame, die den Wolf am Teufelsberg einige Tage vor dem Leichenfund erblickte und Alarm schlug: „Der Wachtmeister wollte mir nicht glauben, und jetzt haben wir den Salat.“ Nein, es muss einen anderen Grund für den Tod des armen Manns geben – und sei es, dass Corinna Harfouch in ihrer Rolle vor ihrem Ausstieg noch einmal Bäume umarmen möchte. Ihre Ermittlerin Susanne Bonard, die bei der ersten Begegnung mit Karow 2023 noch Dozentin an der Polizeiakademie war, steht in „Gefahrengebiet“ unmittelbar vor der Pension.

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Geschafft sieht sie aus – und entscheidet sich nach dem Blick auf den Toten spontan, zur Selbstfindung im Wald zu bleiben. Eine Wildnispädagogin mit akademischen Weihen, Professor Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle), ist zufällig im Nachbargebüsch. Bonard erliegt ihrer spirituellen Ausstrahlung mit einem Schlag. Wenn das Recherche sein sollte, versteckt sie es gut.

Das Märchen vom bösen Wolf, geschrieben von Mira Thiel, die als Autorin und Regisseurin für den Horrorkeller-„Tatort: Der Tag der wandernden Seelen“ verantwortlich war, wird zur Meditation: Bonard lernt das Stöckchenfischen, baut sich ein Laubbett und singt bei anbrechender Dunkelheit ein Mutmachlied gegen die Angst vor der Nacht, vor dem Wolf, vor der Pension oder der Möglichkeit, bei einer hackebeilschwingenden Mörderin gelandet zu sein. „Der alte Wolf wird langsam grau“ heißt der Schlager Hans Blums, von Tim Neuhaus (Musik) mit Technoklängen verrührt. Wir hätten schlotternd Prokofjew gesummt.

Die Kommissare (Mark Waschke, Corinna Harfouch) am Fundort der Leiche.Die Kommissare (Mark Waschke, Corinna Harfouch) am Fundort der Leiche.rbb/Conny Klein

Karow singt nicht. Er ist genervt in der Großstadt zurück. Die Aussicht, abermals einer stabilisierenden Partnerin verlustig zu gehen, lässt ihn fast so schwermütig werden wie im Solo-Fall „Das Opfer“ nach dem Tod von Nina Rubin. Rettende Wärme (Instinkt versus Rationalität) findet er ausgerechnet bei einem Schüler der Waldläuferin: dem wohlhabenden Prepper Noah Farrell (Nils Kahnwald). Er lebt in einem Hightech-Bunker mitten in der Stadt. Von der Pflanzenzucht bis zur KI-generierten Aussicht ist an alles gedacht.

Es wird viel geredet in diesem dunklen „Tatort: Gefahrengebiet“. Aber künstlerisch ansprechend ist dieser Abschied der 71-jährigen Corinna Harfouch, die „nicht noch im Rollstuhl“ ermitteln will und daher früh kundtat, nur wenige Geschichten drehen zu wollen. Ihre Präsenz hat alle sechs Fälle geadelt.

Nun wächst die „Tatort“-Unruhe weiter. Seit 2024 gingen Franziska Weisz (Julia Grosz) nach acht Jahren in Hamburg, Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) nach zehn Jahren Franken, Karin Gorniak (Karin Hanczewski) nach neun Jahren in Dresden, Klaus Borowski (Axel Milberg) nach 22 Jahren in Kiel, Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) nach zwei Jahrzehnten in Münster, und auch für Rosa Herzog in Dortmund, Leitmayr und Batic in München und Fellner und Eisner in Wien ist demnächst Schicht. Zeitenwende überall. Man kann nur die Finger kreuzen, dass es in Berlin, wo Waschke als Karow einen guten Job macht, einen Plan für Bonards Nachfolge gibt.

Der Tatort: Gefahrengebiet läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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