Serie „The Rehearsal“: Der Gott der Blamage

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Der amerikanische Politiker Steve Cohen vertritt einen Wahlkreis des Bundesstaates Tennessee im Abgeordnetenhaus in Washington. Er ist derzeit in seiner siebten Legislaturperiode, zählt also zu den Veteranen. Eines der vielen Themen, um die er sich kümmert, sind Maßnahmen zur Verbesserung der Behandlung von Autismus. In dieser Eigenschaft hatte er im Vorjahr ungewöhnlichen Besuch. Der Unterhaltungskünstler Nathan Fielder saß bei ihm im Büro auf der Couch und versuchte, ihn auf ein Problem aufmerksam zu machen, das mit Autismus nichts (oder nur sehr am Rande) zu tun hat. Fielder wollte mithilfe von Cohen einen Auftritt vor dem Subcommittee on Aviation in die Wege leiten, der wichtigsten politischen Instanz für die Regulierung der Luftfahrt. Er kam mit einer Filmcrew und hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass sein Besuch im Rahmen von Dreharbeiten für die Sendung „The Rehearsal“ gedacht war – eine Comedyshow für den renommierten Bezahlsender HBO. Aber in der zweiten Staffel dieser Show bleibt über alle sechs Folgen hinweg unklar, ob sie auch nur im Geringsten ein Interesse hat, lustig zu sein. Denn Nathan Fielder versteift sich auf „aviation safety“. Er möchte das Fliegen sicherer machen. Und er ist bereit, dafür eine Menge auf sich zu nehmen.

Wie es sich in einer Sendung mit dem Titel „The Rehearsal“ gehört, hat Fielder sein Plädoyer vor dem Unterausschuss vorher geprobt. Er hat versucht, sich ein Konzept zurechtzulegen, wie er erklären kann, dass er die größte Schwachstelle im eigentlich ja gut funktionierenden kommerziellen Passagierflugwesen entdeckt hat: die Kommunikation zwischen Pilot und Ko-Pilot. In kritischen Momenten müsste da eigentlich offen und ungeschützt gesprochen werden, die Vorgesetzten müssten ein Interesse daran haben, dass die untergeordneten Kollegen deutlich auf Fehler aufmerksam machen. Aber Fielder wird mit seinem Anliegen schon bei der Probe nicht ernst genommen: „You’re known for pranking.“ – „Sie sind doch der mit den Streichen.“

Die Ausweitung der Fernsehrealität

Nathan Fielder wurde tatsächlich berühmt, indem er „pranks“ organisierte, teils sehr aufwendige Aktionen in einem Bereich des erweiterten Reality-Fernsehens. „Nathan for You“ heißt das Format, in dem er von 2013 bis 2017 eine Art Unternehmensberater gespielt hatte. Die Sender bieten sich ja gern an: Wir renovieren die Wohnung! Wir finden einen Partner! Hauptsache, wir dürfen Kameras mitbringen. Fielder gab den Retter aller überforderten Gewerbetreibenden, und schon damals waren das unvermutete Abschweifen und die schräge Digression sein wichtigstes Prinzip. 2022 folgte die satirische Serie „The Curse“, die man in bester „Seinfeld“-Tradition als eine weitere Sendung „über alles“ bezeichnen könnte. Fielder spielte die Hauptrolle neben Emma Stone, die nach „La La Land“ (2016) in eine ganz andere Preisklasse von Berühmtheit gehört, wodurch natürlich auch sein Prestige stieg. Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber ohnehin schon einen Vertrag mit HBO unterschrieben, der ihm große kreative Freiheiten ließ und der ebenfalls 2022 die erste Staffel von „The Rehearsal“ hervorbrachte.

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Fielder spielt darin einen modernen Gott. Als Showrunner einer HBO-Sendung organisiert er für Menschen, die nervös sind wegen einer bestimmten Aufgabe, eine Möglichkeit, vorher zu proben. In der ersten Folge ist das noch ein relativ harmloses Vorhaben. Ein Mann, der sich regelmäßig mit Freunden in einer Bar trifft, möchte endlich reinen Wein einschenken: Er hat zu Beginn der Bekanntschaft über seine akademische Qualifikation die Unwahrheit gesagt. Er hat ein wenig übertrieben, und nun weiß er nicht so recht, wie er das wieder geraderücken kann. Fielder, der in „The Rehearsal“ sich selbst spielt oder er selbst ist (schon hier beginnen interessante Implikationen), lässt zuerst einmal die Bar nachbauen und engagiert dann Komparsen, die auf den heiklen Dialog vorbereiten sollen. Die Sache geht halbwegs gut, und nun könnte man meinen, dass auch die restlichen fünf Folgen ähnliche Episoden enthalten würden. Doch Fielder setzt konsequent auf Eskalation. Seine nächste Klientin ist eine Frau, die im Unklaren darüber ist, ob sie ein Kind bekommen soll. Sie wünscht sich eine Familie auf Probe. Und zwar bis zur Volljährigkeit. Damit ist die Prämisse geschaffen für ein zunehmend absurderes Spiel mit Rollen, Eventualitäten, Logistiken, bei dem der zugrunde liegende Kontrakt ungefähr so zu fassen wäre: Menschen bekommen vom Fernsehen einen Wunsch erfüllt und stellen sich dabei für ein Projekt zur Verfügung, bei dem das Fernsehen bis in die letzte reflexive Falte sein Vermögen der Realitätsverdoppelung, aber auch des Wirklichkeitsersatzes ausprobieren kann.

Im Multiversum der Optionen

Schon in dieser ersten Staffel bleibt durchweg unklar, auf welcher Ebene Fielder den Ansprüchen seines Berufs zu entsprechen gedenkt. Denn er ist nun einmal – und macht das zwischendurch immer wieder deutlich – ein Comedian. Er soll Leute zum Lachen bringen. De facto tritt er in „The Rehearsal“ aber als ein unausdrücklicher Philosoph auf. Die Idee, das Leben durch zahlreiche Probedurchläufe abzusichern, weist deutliche Parallelen zu der zeitgenössischen, nachinstitutionellen Alltagsreligiosität auf, die von vielen angrenzenden Welten ausgeht und die in einem Multiversum von Optionen zumindest hypothetisch eine Erlösung aus den Schwierigkeiten des Faktischen und der Kontingenz sucht. Fielder gibt eine Art umgekehrten Leibniz. Er macht den Theoretiker der Kompossibilität praktisch, indem er alle erdenklichen Varianten in der einen zugänglichen Welt vorrätig zu machen versucht. Er faltet Leibniz gleichsam nach innen. Dass er sich dabei unlösbare Dilemmata einhandelt, ist einer der Aspekte, in dem eine mögliche Tragikomik von „The Rehearsal“ zu finden ist. Dass er dabei oft auch als Herr Ratlos dasteht, weist zumindest tendenziell in die Richtung der „cringe comedy“, für die er auch steht: eine Komödie der Blamage und der Peinlichkeit.

Wer lacht hier zuletzt? Nathan Fielder fühlt sich in die Atmosphäre im Cockpit ein.Wer lacht hier zuletzt? Nathan Fielder fühlt sich in die Atmosphäre im Cockpit ein.HBO

In einem der größten Momente der ersten Staffel kehrt Fielder nach einer privaten Abwesenheit von einigen Wochen an den Set zurück und muss feststellen, dass in der Probefamilie neun Jahre vergangen sind – ein Umstand, den er mithilfe eines digitalen Zeitrafferspiegels und des Austauschs des Schauspielers zuwege bringt, der seinen „Sohn“ spielt.

Die Abgründigkeit, an die „The Re­hearsal“ methodisch rührt, wird in der zweiten Staffel radikal verstärkt. Denn hier arbeitet Fielder sich an dem Unterschied ab, dass die Landung eines Flugzeuges zwar simuliert, aber nicht geprobt werden kann. Er tut zuerst aber einmal alles, um Piloten darauf vorzubereiten, dass sie sich in der Lage fühlen, sich bemerkbar zu machen („to assert themselves“) oder diese scheinbare Unbotmäßigkeit gut aufzunehmen, wenn man in der Rolle des Verantwortlichen ist. First Officer Blunt (so viel wie: Ko-Pilot Frei-heraus) soll auf Captain Allears (Kapitän Ich-bin-ganz-Ohr) treffen. Was in jedem Leitbild von Mitarbeiterführung als selbstverständlich gilt, ist im Alltag eben doch oft schwierig. Bei seinem Nachdenken über die Verbesserung eines Betriebsablaufs kommt Fielder auf die merkwürdigste Weise vom Hundertsten ins Tausendste, bis am Ende eine Castingshow vor einer Jury aus (echten) Piloten abgehalten wird, ohne dass man so recht weiß, wie das nun wieder zustande gekommen ist.

Von dem Abgeordneten Steve Cohen weiß man, dass Fielder etwa vierzig Minuten bei ihm im Büro saß. In der Sendung dauert die Szene vielleicht vier Minuten. Sie wurde also im Schnitt passend gemacht, und zwar für die Zwecke eines Unterfangens, das anders als etwa der Kollege Borat auf erleichternde Bloßstellung verzichtet. Stattdessen entwirft Fielder sehr konsequent ein Universum, in dem komische Erleichterung auf ewig ausbleibt. Das Einzige, worauf zu hoffen ist, ist die gelegentliche Erleichterung nach einer sicheren Punktlandung, die selbst die routiniertesten Vielflieger noch irgendwo verspüren werden. In der klassischen Religion galt der Satz: Der Mensch macht Pläne, und Gott lacht. In der Religion von Nathan Fielder hat auch Gott nichts mehr zu lachen. Nach dem Ende der Geschichte, der Kunst und aller möglichen anderen wichtigen Sachen geht es nun wirklich ans Eingemachte: an das Ende der Komödie. Nathan Fielder, so viel darf man verraten, hat selbst schon eine Umschulung abgeschlossen.

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