Das vergangene Jahr bescherte Iran gleich mehrere Krisen. Trumps erneuten Einzug ins Weiße Haus, damit einhergehend die Wiederbelebung der von ihm so bezeichneten Politik des maximalen Drucks sowie den zwölftägigen Krieg Israels und der USA, in dessen Folge der Snapback-Mechanismus ausgelöst und alle UN-Sanktionen erneut verhängt wurden und das wirtschaftlich bereits am Boden liegende Land eine totale See-, Banken- und Öl-Blockade hinnehmen musste. Darauf folgten Hyperinflation, Arbeitslosigkeit und die Abwertung der Landeswährung. Wenn dann noch Korruption und ineffiziente Regierungsführung hinzukommen, bedarf es wahrlich keines weiteren Ereignisses, um ein Land an den Rand des Untergangs zu treiben.
In Iran streitet man sich um die Einnahmen aus den Ölverkäufen. Während die Menschen im Land sagen, das Geld müsse zum Wohl der Bevölkerung und in die Entwicklung des Landes investiert werden, sagt das Regime: Mischt euch in diese Dinge nicht ein, sonst bestrafen wir euch hart. Wir führen Gottes Befehle aus! Die Islamische Republik Iran sieht sich in göttlicher Mission und hält nicht nur das eigene Volk, sondern auch die Länder im Westen und in Westasien für Störenfriede, die sie an der Erfüllung dieser Mission hindern.
In mehr als 70 iranischen Städten gab es Konflikte mit der Polizei
Am Morgen des 28. Dezember 2025 schlossen Händler in einer Einkaufspassage für Mobiltelefone ihre Läden, weil heftige Dollar-Schwankungen ihnen das Geschäft unmöglich machten. Wenig später folgten Handy-Anbieter in einer Teheraner Hauptstraße dem Beispiel ihrer Kollegen, woraufhin es in ganz Teheran kein Mobiltelefon mehr zu kaufen gab. Im Tagesverlauf schlossen sich Verkäufer von Haushaltswaren und Oberbekleidung dem Protest an, und tags darauf gingen Menschen in der Hauptstadt und in weiteren Städten gemeinsam mit den Geschäftsleuten auf die Straße, aus Protest gegen unerschwinglich hoch gewordene Lebenshaltungskosten auf Grund des Dollar-Rekordhochs. Binnen kürzester Zeit kam es landesweit in mehr als 70 Städten zu Zusammenstößen mit Polizeikräften.
Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan 2016 in KölnPicture AllianceDie wurden am 8. und am 9. Januar so heftig, dass Tausende Demonstranten durch gezielte Schüsse von Polizisten und Milizen zu Tode kamen und diese Proteste zu den blutigsten der vergangenen Jahre machten. Dass die Regierung darauf mit solchem Blutvergießen reagiert, hat die Gesellschaft fassungslos gemacht und in tiefe Trauer gestürzt. Die Zahl der Todesopfer liegt, manchen Quellen zufolge, bei 16.000 bis 20.000. Augenzeugenberichte, Feldforschung und Bilder von aufgetürmten Leichen lassen jedenfalls auf sehr hohe Zahlen schließen.
Sieht man von den breiten Protesten im Dezember 2017 und im November 2019 ab, so sind die jüngsten Proteste die Fortsetzung der Bewegung, die bereits im September 2022 mit der Parole „Frau, Leben, Freiheit!“ globalen Widerhall fand und nun eine weitere blutige Phase erreicht hat. Wobei die Parole „Dschawid Shah!“ („Ewig lebe der König!“) zu denen zählt, die in den vergangenen 47 Jahren sowie in den Monaten kurz vor dem Sturz des Schahs kaum jemand im Land auszusprechen wagte, selbst wenn sie der eigenen Überzeugung entsprach, weil man sich andernfalls von der großen Mehrheit der Menschen Vorwürfe eingehandelt hätte.
Da die Islamische Republik Proteste nicht als natürlichen Bestandteil gesellschaftlichen Lebens anerkennt, hat sie sie mit ihrem gesamten Repressionsapparat zurückgedrängt. Nach jedem Rückschlag aber brechen die Proteste umso heftiger neu aus. Weil Antworten auf die unterdrückte Wut der Menschen ausbleiben, weil ihre seelischen Wunden unbehandelt weiter schwelen. Dieses Regime wurde den Menschen schon vor Jahren unerträglich. Es verfügt über ein Netzwerk aus Nutznießern, die es zu legendärem Reichtum gebracht, die Verfügungsgewalt über alle sensiblen Bereiche im Land und mafiöse Strukturen eingeführt haben, durch die sie alle Schaltstellen in der Wirtschaft kontrollieren. Und weil sie allein ihren eigenen Profit im Sinn haben, wandert aller Reichtum des Landes entweder in ihre eigenen Taschen oder er wird verschwendet.
Schah-Herrschaft und Theokratie ähneln einander
Die wirtschaftlichen Zahlen sind erschütternd. Im vergangenen Jahr wuchs die arme Bevölkerung um fünf Millionen Menschen, von den insgesamt 90 Millionen Menschen leben nun 36 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Zwischen den vierzehn Millionen Toman Mindestlohn, die ein Arbeiter zur Verfügung hat, und den als Armutsgrenze festgelegten 40 Millionen Toman besteht eine beachtliche Diskrepanz. Die Oligarchen in Wirtschaft und Politik sind so mächtig, dass keine Regierung ihnen die Stirn bieten kann. Die rückläufige Wirtschaftsleistung reiht Iran im Jahr 2025 laut Internationalem Währungsfonds weltweit auf Platz drei ein.
Iran, Teheran: Von der Nachrichtenagentur des iranischen Parlaments zur Verfügung gestelltes Handout zeigt Irans Parlamentspräsident in einer Sitzung des Parlaments mit Abgeordneten, die aus Solidarität mit den Revolutionsgarden Uniformen der Elitestreitmacht tragen.dpaIm letzten Jahr der Schah-Herrschaft hing, nach Ansicht der fortschrittlichen Kräfte im Land, die Akzeptanz und Legitimität jeder politischen Kraft davon ab, wie stark sie die Schah-Diktatur ablehnte. Welche Ideologie oder Denkschule eine politische Kraft jeweils vertrat oder worin ihre Gegnerschaft jeweils wurzelte, war nur zweitrangig. Das Ergebnis war der Aufstieg des Ayatollah Khomeini als unermüdlichem Kämpfer. Ein weiteres Resultat solch politischer Naivität war, dass Freiheit und Republik, Hauptforderungen der Revolution von 1979, bald nur noch Worthülsen waren.
Allen, die die Ereignisse genau verfolgten, wurde sehr schnell klar: Die Islamische Republik Iran ist, von ihrem anti-westlichen Wesen abgesehen, die Fortsetzung der Schah-Monarchie, weil sie auf autokratischer Alleinherrschaft basiert und niemandem Rechenschaft schuldet. Angesichts dieser bezeichnenden Ähnlichkeit mag es irrelevant sein, dass die Schah-Regierung säkulare Züge hatte, während die andere auf Ideologie und Religion basierte. Der Schah stand über dem Gesetz, genau wie der Wächter des islamischen Rechts. Der Schah hatte Bewunderer, die ihn als irdischen Wesen übergeordnet, gar als Heiligen sahen, während die Anhänger der Gegenseite wiederum diese als in göttlicher Mission unterwegs wissen.
Trotz aller Propaganda, die die Islamische Republik gegen die Schah-Monarchie ins Feld führte, war seit Bestehen dieser Republik ernsthafte Kritik an der Alleinherrschaft des Schahs nie möglich, weil der Hinweis auf die Konzentration von Macht in den Händen einer Person sofort die religiöse Führerschaft der Islamischen Republik ins Visier gerückt hätte, für die das Regime dieser Republik, dem niemand glaubt, niemand vertraut, über das lauteste Sprachrohr verfügt. Die Unglaubwürdigkeit ergab sich aus der Tatsache, dass das Regime alle seine Gegner – Monarchisten, Nationalisten, Linke und Befürworter eines westlichen Säkularismus – rundweg ablehnte und verachtete. Das Narrativ, das die Islamische Republik über Irans zeitgenössische Geschichte verbreitete, wurde allmählich so fragwürdig, dass man das Gegenteil von allem Gesagten für richtig hielt.
Wie soll es in Iran weitergehen?
In Iran schlummern, aufgrund verdeckter Gegensätze und Unterschiede, unerwartete Ereignisse und komplizierte Konflikte. Noch sind sie nicht zutage getreten. Sobald sie ausbrechen, werden sie bedeutende politische Entwicklungen anstoßen.
Erstens bestehen zwischen den aktuellen Machtfraktionen unterschiedliche Ansichten über die Art der Regierungsführung, die aber über den Rahmen des islamischen Systems noch nicht hinausgehen. Zweitens vertreten die Menschen, die auf die Straße gehen, unterschiedliche Ansichten, haben aber im Wunsch nach Einheit gegenüber dem gemeinsamen Feind Abgrenzungen und Rangordnungen bisher vermieden. Und drittens bestehen Unterschiede in den Reihen der politischen Opposition. Die werden sich erst manifestieren, wenn die künftige politische Ausrichtung des Landes sich abzeichnet.
Dieses am 08. Januar aufgenommene soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen.dpaIrans Regierung zeigt starke Verschleißerscheinungen, hat aber die Phase der völligen Erschöpfung noch nicht erreicht. Wenn es soweit ist, werden die Regierungsfraktionen Flügelkämpfe ausfechten. Wenn die Opposition aus dem Ausland nach Iran zurückkehrt, sich organisiert und auch die Opposition im Land aktiv wird und die Kräfte der Straße sich den jeweiligen Flügeln zuwenden, wird sich erweisen, wie stark jede dieser drei Kräfte Einfluss auf die Ausprägung der künftigen politischen Struktur des Landes nehmen wird.
Bedingt durch die massive Repression existiert derzeit kaum etwas, das sich außerhalb der engen Strukturen des offiziellen Systems als Opposition bezeichnen ließe. In der modernen iranischen Geschichte galten jedoch, von den Monarchisten abgesehen, drei Kräfte stets als bedeutsam, weil sie politische Entwicklungen beeinflusst haben. Nämlich die Nationalisten, die Religiösen und die politische Linke. Es versteht sich von selbst, dass die Religiösen, angesichts der schweren, grausamen Erfahrungen, die die Islamische Republik den Menschen beschert und so die Säkularisierung der Gesellschaft herbeigeführt hat, entweder nie wieder eine Chance bekommen oder auf Irans politischer Bühne zumindest langfristig keine Rolle mehr spielen werden.
Sie können in Iran auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken, insbesondere auf die Verstaatlichung der Ölindustrie im Jahr 1951 und mit ihr auf ein Ereignis, das den Zorn des altersschwachen britischen Imperialismus hervorrief und eine Rachsucht entfachte, die nur gestillt wurde durch den Sturz der Regierung Dr. Mosaddeghs, dem Kopf der Bewegung zur Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie.
Die Operation Ajax hat man dem Schah nie verziehen
Den Staatsstreich zum Sturz dieser Regierung im Sommer 1953 (Operation Ajax), von CIA und MI6 geplant und durchgeführt, hat man dem Schah nie verziehen. Es ist der schwerste Vorwurf, den Politiker ihm im Laufe der Revolution gemacht haben. Er hat sich diesen Vorwurf jedoch nie zu eigen gemacht und fremde Einmischung entschlossen verfolgt. Ein Thema, das nach der Veröffentlichung vertraulicher CIA-Dokumente offenbar wurde. Da sich nach dem Putsch und während der 25 Jahre der autokratischen Schah-Herrschaft die Verstaatlichung der Ölindustrie nicht rückgängig machen ließ, bezeichneten US-Beamte sie als sinnlos, und der Schah unterdrückte Nationalisten und Linke, während er den Religiösen freie Hand ließ, mit denen er sich gegen die Sowjetunion einig sah; auf diese Weise wurde einer Theokratie der Boden bereitet.
Schah-Sohn Pahlavi will im Iran „Agent des Wandels“ seindpaKurz gesagt, hat niemand den Mullahs so effektiv an die Macht verholfen wie der Schah. Und auch heute wäre, falls die USA und Israel es wagen, sich in Irans innere Angelegenheiten einzumischen und einen Regimewechsel herbeizuführen, die jetzige Regierung der Hauptverursacher dieser Einmischung und allein verantwortlich für die sich aus ihr ergebenden weitreichenden Folgen.
Die Regierung hatte mehrere Gelegenheiten, ihre Fehler zu korrigieren. Die ließ sie ebenso ungenutzt verstreichen, wie sie wohlmeinende Warnungen in den Wind schlug, die die Nation unterwegs in eine Sackgasse sahen. So wurde der Weg für aufflammende, blutige Proteste frei. Die Nationalisten, unter ihnen zahlreiche Anhänger der westlichen Kultur, sind zurzeit nicht kohärent organisiert. Dennoch wuchs in den vergangenen zwei Jahrzehnten insbesondere in der jungen Generation die Wertschätzung für nationale Symbole, Traditionen und Bräuche, als Reaktion auf die Herabwürdigung des Nationalismus in der Islamischen Republik.
Vor der Islamischen Revolution genoss die Tudeh-Partei als bedeutendste und älteste linke Organisation aufgrund ihrer Loyalität zur Sowjetunion, ihrer Ablehnung von Mossadegh, letztlich der Nationalisierung der Ölindustrie und ihrer Befürwortung der Abspaltung der Provinz Aserbaidschan von Iran, nur geringes Ansehen in der Bevölkerung. Zu Beginn der 1970er Jahre kamen andere Strömungen auf, die den Ruf der iranischen Linken wiederherstellten. Zwei dieser Bewegungen waren bewaffnet, nämlich die Fedajin und die Mudschahedin. Indem aber weite Teile der linken Strömungen sich für die Errichtung der Islamischen Republik aussprachen, setzten sie ihren Ruf erneut aufs Spiel und trugen viel dazu bei, dass die Menschen sich wieder von ihnen abwandten. Beide Gruppen zerfielen und haben heute in der Bevölkerung keine nennenswerte Basis mehr.
Was ist mit linkem Gedankengut?
Seitdem hat sich kein Ersatz, keine Gruppierung gefunden, die linke Strömungen repräsentieren könnte. Unbestritten bleibt, dass die aus linkem Gedankengut entstandene Idee der sozialen Gerechtigkeit in der gebildeten Stadtbevölkerung nicht wenige Anhänger hat.
Das iranische Königtum, dank des Heldenepos des großen Dichters Ferdowsi aus dem elften Jahrhundert christlicher Zeitrechnung zu ewigem Ruhm und Glanz gelangt, blickt auf eine lange Geschichte zurück und erweckt heute eine Sehnsucht und Nostalgie, die im düsteren, von der Islamischen Republik geschaffenen Text, seit Jahren und insbesondere während der jüngsten Protestbewegungen wie ein kostbarer Edelstein erscheint. Dass es sich um eine Fälschung handeln könnte, kommt den Menschen nicht in den Sinn, oder sie messen dieser Möglichkeit keine Bedeutung bei. Andererseits sollte nicht unerwähnt bleiben, dass zwei von Saudi-Arabien finanzierte Fernsehkanäle seit Jahren ein überaus einseitiges Ersatz-Narrativ über die 37 Jahre währende Herrschaft der Pahlavi-Dynastie verbreiten, das Teile der Gesellschaft beeinflusst hat.
Zugleich hat die Islamische Republik Iran, als Antithese zur Monarchie, für so viel Ernüchterung, Frustration und Wut unter den Menschen gesorgt, dass nicht wenige sich offen und beharrlich die Monarchie zurückwünschen. Was manchen Menschen allerdings Sorgen macht, ist die Tatsache, dass die einfachen Leute nichts über die neuere Landesgeschichte wissen. Und dass dieses Unwissen in nicht allzu ferner Zukunft einen hohen Preis fordern könnte.
Nach dem CIA-Putsch gegen die Mossadegh-Regierung und der Rückkehr des Schahs an die Macht übertrug sich die Ablehnung gegen ihn von den Eliten auf die Bevölkerung und erreichte im letzten Jahr seines politischen Lebens einen plötzlichen Höhepunkt. Die Gegner der Islamischen Republik fanden sich zunächst in der städtischen Mittelschicht, die ihren Widerstand angesichts der wirtschaftlichen und politischen Notlagen kontinuierlich auf die gesamte Gesellschaft übertragen haben. Die jüngsten Proteste deuten auf eine unumkehrbare Situation hin und stellen die Gesellschaft zugleich vor eine schicksalhafte Alternative. Historisch gesehen geschah das, was Venezuela erlebt hat, unmittelbar vor unserer Nase. Trump erklärt, die Islamische Republik werde einen schweren Schlag erleiden, wenn sie die Proteste im Land unterdrückt. Mike Pompeo, ehemaliger US-Außenminister, beteuert, der Mossad sei in Teheran. Was bedeuten diese Worte wirklich?
Der Sohn als unumstrittener Anführer?
Reza Pahlavi, Sohn des Schahs, sieht sich unverhohlen als unumstrittener Anführer der Opposition und rechnet mit der Unterstützung durch die USA und Israel. Zugleich ignoriert er offen alle, die in 47 Jahren Islamischer Republik aus politischen Gründen inhaftiert oder hingerichtet wurden und tut so, als stünden alle Menschen in Iran geschlossen hinter ihm. Damit bringt er die Bewegung von vornherein in ernsthafte Gefahr. Ob die Sorge um einen Ausweg aus der misslichen Lage heute uns daran hindert, uns um die Folgen für morgen zu sorgen?
Iran ist ein unruhiges Land und hat in seiner jüngeren Geschichte harte Lektionen gelernt. Seine letzten vier Regenten wurden abgesetzt und ins Exil geschickt: Mohammad-Ali Shah 1909, sein Sohn Ahmad Shah 1925, Reza Shah 1941 und sein Sohn Mohammad-Reza Shah 1979. Die jüngere Landesgeschichte erzählt uns zugleich viel darüber, wie fremde Mächte, allen voran die Engländer, Regierungen an die Macht gebracht und wieder abgesetzt haben. Ist die Einmischung von CIA und MI6, die Mohammad-Reza Schah an die Macht verholfen haben, als Wiederholung der Geschichte denkbar, in der der Sohn jenes Schahs mit Hilfe der US-Amerikaner den Thron besteigt? Wenn fremde Hilfe die Achillesferse iranischer Politiker ist, welches Ende wird das Königtum dann nehmen?
Es gibt kein Zurück mehr
Die iranische Regierung hat aus mehreren Gründen keine Überlebenschance mehr; ihr regionaler Einfluss reicht von Gaza bis Libanon, Syrien und Irak. Um ihn geltend zu machen und auszuweiten, hatte sie Milliarden von US-Dollar investiert, ist nun aber ernsthaft geschwächt. Zudem hat die Regierung, angesichts des skandalösen Ausmaßes an nie da gewesener tödlicher Gewalt gegen Demonstranten, den Rückhalt der Mehrheit der Bevölkerung verloren und einen Punkt erreicht, an dem es für sie kein Zurück mehr gibt. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass man nicht nur in Iran, sondern sogar weltweit darüber nachdenkt, dass die Zeit gekommen ist, die Islamische Republik hinter sich zu lassen und sogar Spekulationen über die Zeit danach anzustellen.
Manche sagen, Iran könnte es ergehen wie Syrien, andere wünschen sich eine Einmischung von außen, wieder andere sehen, optimistisch und voller Überzeugung, Iran nach dem Sturz der Islamischen Republik zu einem Paradies auf Erden werden. Doch die Vielfalt und der Pluralismus der iranischen Gesellschaft, eine komplexe Mischung aus unterschiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten, Glaubensrichtungen und Denkweisen, bergen Gefahren und Herausforderungen für die Zukunft des Landes und mahnen viele Menschen zur Vorsicht. Zudem hat die Regierung durch ihre harten, unablässigen Unterdrückungsmaßnahmen der Gesellschaft jegliche Möglichkeit zu rationalem Denken und Handeln genommen.
Es besteht also auch die Gefahr, dass eine organisierte Massenbewegung mit großer sozialer Dynamik die Bühne betritt und die politische Tendenz hin zu Freiheit und Demokratie in Richtung einer populistischen Führung lenkt. Es bleibt uns wohl nur, uns der Zeit danach zu stellen.
Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich.
Amir Hassan Cheheltan lebt in Teheran. Sein jüngster Roman, „Die Rose von Nischapur“, erschien bei C. H. Beck.

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