Zwanzig Minuten hat Noah Wyle Zeit für ein Interview, ein Einzelinterview, immerhin, fast schon ein Luxus in Zeiten der sogenannten Junkets, bei denen Journalisten mehrerer Medien gleichzeitig die Stars, die ihre Filme promoten sollen, um die Wette befragen. Aber doch viel zu kurz, um irgendeine Art von Beziehung aufzubauen, die nötig wäre, um im Gespräch weiter zu kommen als zu den offensichtlichen Punkten. In diesem Fall also zum Beispiel: Wieso wollten Sie noch mal einen Krankenhausarzt spielen, 16 Jahre nach dem Ende von „Emergency Room“, Herr Wyle? Wie erklären Sie sich den enormen Erfolg? Nervt es, ständig betonen zu müssen, dass Sie kein richtiger Arzt sind? Und könnten Sie notfalls vielleicht doch eine Intubation durchführen?
Zwanzig Minuten, das ist aber fast eine Ewigkeit, im Vergleich zu der Zeit, die die Ärzte in „The Pitt“ für ihre Befunde haben, und so spiegelt das Setting wenigstens die Bedingungen in einer Notaufnahme ganz gut wider, die die Serie so unvergleichlich realistisch zeigt: Lange Anamnesen sind nicht drin, und trotzdem ist es wichtig, sich ein Bild von der Person hinter den Symptomen zu machen.
Wyle, das kann man auf den ersten Blick erkennen, ist auch im echten Leben sofort mindestens so sympathisch und charismatisch wie seine Figur Dr. Michael Robinavitch, der Oberarzt im Pittsburgh Trauma Medical Center, den jeder Dr. Robby nennt. Und immerhin hatte man vorher Zeit, seine Akte zu lesen (54, Sohn einer Krankenschwester, Emmy, Golden Globe und Critics’ Choice Award als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie 2025), kennt seine fernsehmedizinische Vorgeschichte, hat ein paar evidenzbasierte Vermutungen, wie die Antworten ausfallen werden. Und muss sie, um sich ein eigenes Bild zu machen, dann doch vom Patienten selbst hören. Also, Herr Wyle, wieso wollten Sie noch mal einen Krankenhausarzt spielen? Und was hatte die Pandemie damit zu tun?
Kunst als Medizin
„Wissen Sie“, sagt Wyle, und fast klingt es wirklich wie seine Krankengeschichte, „es gibt bestimmte Momente im Leben, in denen Kunst wie Medizin wirkt. Und es gibt bestimmte Momente im Leben, in denen sie sich wie ein unnötiger Luxus anfühlt. Während Corona wusste ich nicht, wie Kunst von Nutzen sein könnte oder wie ich von Nutzen sein könnte. Die Zeit war einer der Tiefpunkte meines Lebens. Ich wollte wieder relevant sein.“ Und dann erzählt er weiter: wie er all diese Briefe von Ersthelfern bekam, die ihm dafür dankten, dass er sie zu ihrer Berufswahl motiviert hat, durch diese Rolle, die er vor 20 Jahren spielte, den Notfallarzt John Carter in „Emergency Room“, 15 Jahre lang, vom unsicheren Medizinstudenten bis zum souveränen Oberarzt. Wie er den Produzenten John Wells anrief und sagte: „Ich muss mir eingestehen, dass dies das Beste ist, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Ich glaube, es gibt noch eine andere Geschichte zu erzählen. Und wenn du sie erzählen willst, melde ich mich freiwillig dafür. Ich möchte, dass diese Gemeinschaft, die sich mit mir identifiziert, das wieder spürt, bei allem, was sie gerade durchmacht.“ Vorläufige Diagnose: Bedeutungsverlust mit ausgeprägtem Helfersyndrom.
Noah Wyle als John Carter in „Emergency Room“United Archives / kpa PublicityWer nun denkt, dass das alles zu anmaßend klingt, muss wissen, dass man den Einfluss von „ER“ auf das amerikanische Gesundheitssystem kaum überschätzen kann. Dass sich die Notfallmedizin von einer Art „Stiefkind-Disziplin“ zu einer angesehenen Fachrichtung entwickelt hat, weil durch die Serie Notärzte „plötzlich cool wurden“, wie Wyle behauptet, wurde sogar durch Studien belegt. „Das Fachgebiet entwickelte sich von einer wirtschaftlichen Belastung für Krankenhäuser zu einem echten finanziellen Motor“, erklärt Wyle. „Dann kam Corona, und all das verschwand. Die Arbeit in einer Notaufnahme wurde fast zu einem Todesurteil, und niemand bewarb sich mehr. Wir haben versucht, wieder für Inspiration zu sorgen.“
Die Wiederbelebung des Fernsehens
Dabei ist „The Pitt“ alles andere als ein Werbespot für das erfüllte Leben heldenhafter Lebensretter. Schon „Emergency Room“ wurde damals für den Mut gelobt, das komatöse Fernsehen wiederzubeleben. Jahre vor den Serien, die man heute heranführt, wenn man nostalgisch vom Beginn des „Goldenen Zeitalters des Fernsehens“ spricht, ab 1994, verabreichte die Serie ihm all jene Mittel, für die man später „Die Sopranos“ oder „The Wire“ lobte: Tempo und Überforderung, Drastik, Witz, Authentizität. Doch im Vergleich zur schwindelerregenden Schocktherapie von „The Pitt“ war das eine gemütliche Wellness-Kur. Von Anfang an überträgt sich in der Neuauflage der Stress auf die Zuschauer, der physische und psychische Druck, die ständige Ablenkung, die Gleichzeitigkeit kritischer Entscheidungen, das Stakkato medizinischer Fachbegriffe und zynischer Selbstschutzmechanismen schlagfertiger Ärzte, alles in Echtzeit, jede 60-Minuten-Folge erzählt eine Stunde Krankenhausalltag im „pit“ – dem Loch.

Immer wieder wurde „The Pitt“ von echten Notfallmedizinern für die Genauigkeit der Abläufe und des technischen Jargons gelobt. Wenn man nicht lernen muss, wie man eine Lumbalpunktion ausführt oder Antibiotika dosiert, könnte einem das eigentlich egal sein, würde sich das nicht auf die Glaubwürdigkeit der Serie übertragen. Auch als Zuschauer will man schließlich dem Personal vertrauen. Statt melodramatischer Musik sind bei „The Pitt“ diese Techno-Lyrik und ihr getriebener Rhythmus der Soundtrack: „Großes Blutbild, CMP, Troponin und D-Dimere / Ein Gramm Calciumgluconat, IV / QRS breit und P-Wellen verändert – Hyperkaliämie / Kalium bei 7,7, Kreatinin 5,6 / Ordne 10 Dosen Normalinsulin und 25 Gramm Glucose an“.
Alle Probleme der Welt im Wartezimmer
„Kompetenz-Porno“ hat Wyle das genannt, das meint er so: „Es spielt keine Rolle, dass Sie verstehen, worüber die Figuren sprechen. Sie müssen nur glauben, dass sie verstehen, worüber sie reden. Die Selbstsicherheit, mit der sie sprechen, ihr unterschiedlicher Bildungshintergrund, ihre unterschiedlichen Erfahrungen, werden zu Hinweisen, an denen sich das Publikum orientieren kann. Es wird nicht manipuliert oder mit Gefühlen gefüttert, sondern kann sein eigenes Urteil fällen. Die Authentizität, nicht nur in Bezug auf die Genauigkeit der Abläufe, sondern auch in Bezug auf das Erleben emotionaler Erfahrungen, ist es, was die Zuschauer wahrnehmen.“
Und trotz der Dichte dieser Darstellung bleibt noch Raum, Figuren zu entwickeln, die Welt jenseits der Notaufnahme zu beschreiben, die im überfüllten Warteraum sitzt und hineindrängt mit all ihren Problemen. Arbeitsunfälle, Opioidabhängigkeit, Impfskeptiker, Schwangerschaftsabbrüche, Waffengewalt, Masern: Jede Krankengeschichte ist immer auch eine Lebensgeschichte, eine Gesellschaftsgeschichte, auch wenn diese immer nur angerissen werden können, ein paar Minuten lang, bis der nächste Notfall kommt, sortiert nach Schwere der Verletzung. Dass man „The Pitt“ dabei immer auch als Kommentar zur aktuellen politischen Situation in den USA lesen kann, ergibt sich gewissermaßen von selbst. Und natürlich werden immer nur die Symptome behandelt, nie die Ursachen.
Wyle bei der Verleihung der Critics Choice Awards am 4. Januar in Santa MonicaAPDabei Haltung zu zeigen, ohne den Zuschauern eine Agenda mitzugeben, ist Wyle, der bei „The Pitt“ auch am Drehbuch mitschreibt, gemeinsam mit „Emergency Room“-Autor R. Scott Gemmill, sehr wichtig: „Der schnellste Weg, jemanden dazu zu bringen, abzuschalten, ist zu predigen.“ Es geht nur über glaubwürdige Charaktere: „Wenn etwas, das in der Gesellschaft geschieht, keinen Bezug zur Figur hat, verfolgen wir es nicht weiter“, sagt Wyle. Als es das Ärzte-Team etwa mit Maskengegnern zu tun bekommt, ist es der sarkastische Assistenzarzt, der die Angehörigen fragt: „Möchten Sie Masken bei Ihrer Operation oder keine Masken? Wir Fachleute sind der Meinung, dass sie das Risiko verringern, aber ich möchte Sie respektieren.“
Die Botschaft wird von Figuren vermittelt. Und klar, gibt Wyle zu: „Ich neige dazu, meine Ansicht etwas witziger zu gestalten.“ Auch weil er sich in der Verantwortung fühlt: „Ein Teil des Problems, mit dem Ärzte während der Pandemie konfrontiert waren, war eine feindselige Bevölkerung, die aktiv die angebotene Hilfe ablehnte, weil sie etwas bei Google gelesen hatte, das sie für wahrer hielt als die Aussagen ausgebildeter Ärzte. Leider holen sich die Leute medizinisches Wissen oft aus Fernsehsendungen.“ Deshalb versteht Wyle „The Pitt“ auch als Mittel gegen Desinformation, wie einst „ER“: „Wir leisteten früher einen guten Dienst für Ärzte in der Notaufnahme. Die konnten zu einem Patienten sagen: Schauen Sie ‚ER‘? Erinnern Sie sich an den Patienten, der Masern hatte?“
Wenn es dabei manchmal so wirkt, als sei das Krankenhaus in „The Pitt“ der letzte Ort in Amerika, an dem noch der gesunde Menschenverstand herrscht, liegt das eher am schlechten Drehbuch, an das sich momentan die Wirklichkeit hält. Wie etwa wollen die Autoren der Serie damit umgehen, wenn ein Krankenpfleger von ICE-Beamten erschossen wird? „Wir haben schon eine ICE-Storyline in der zweiten Staffel“, spoilert Wyle. „Das war ein Thema, das wir ansprechen wollten, weil es bestimmte Orte gibt, die früher als Zufluchtsorte galten, in die die Strafverfolgungsbehörden nicht eindringen konnten, Orte, an denen jeder Zuflucht und Sicherheit finden kann – Kirchen, Schulen, Krankenhäuser. Die waren früher völlig tabu. Das ist heute nicht mehr der Fall.“ Und so waren auch die Ereignisse in Minneapolis sofort Thema: „Es wäre unsensibel von uns, dies in der dritten Staffel nicht als Teil der neuen politischen Realität in Amerika zu berücksichtigen. Es wird eine interessante Diskussion werden, wie wir unsere Figuren darüber sprechen lassen.“
Gern würde man Wyle noch ein paar Fragen stellen, über die kluge Art und Weise, wie in „The Pitt“ Männlichkeit verhandelt wird zum Beispiel, über die spezielle Mischung aus Weichheit und Härte von Dr. Robby, die so stabil wirkt, bis sie irgendwann zusammenbricht, und warum sie so unfassbar gut in den sozialen Medien ankommt. Aber die Assistentin zeigt schon zum dritten Mal an, dass die Zeit zu Ende ist. Der Nächste bitte.

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