Bilder von vermeintlichen Leonardos, Michelangelos, Rembrandts oder dergleichen, die in der hoffnungsvollen Erwartung eingehen, als Meisterwerke authentifiziert zu werden, gehören zum täglichen Brot in Auktionshäusern. Die digitale Abbildung der Rötelzeichnung eines Fußes, deren Besitzer sie in einem Onlineformular für Bewertungsanfragen mit dem Namen Michelangelo gekennzeichnet hatte, schien der Zeichnungsexpertin Giada Damen bei Christie’s in New York jedoch unbedingt verfolgenswert zu sein, als sie Anfang vergangenen Jahres auf ihrem Bildschirm erschien. Sie machte sich zum Besitzer, der anonym bleiben möchte, in Nordkalifornien auf. Er hatte das Blatt von seiner Großmutter geerbt.
Aus der Sammlung eines Diplomaten
Deren Herkunft aus der Familie des im Dienst des dänischen Hofes stehenden Schweizer Diplomaten Armand François Louis de Mestral de Saint-Saphorin, der sich im 18. Jahrhundert als Sammler von Zeichnungen und Drucken hervortat, gehört zu den Indizien, die die Identifizierung als bisher unbekannte Studie für den rechten Fuß von Michelangelos Libyscher Sibylle an der nordöstlichen Seite seines Deckengemäldes in der Sixtinischen Kapelle in Rom bekräftigten.
Auf dem bloß 13,5 mal 11,5 Zentimeter messenden, wohl 1511/12 in der zweiten Phase der Arbeit an dem Deckenfresko entstandenen Ausschnitt eines größeren Blattes erkundet Michelangelo mit kühnen Schraffuren die Gewichtsverlagerung der im Aufstehen begriffenen Sibylle auf die Zehen des ausgestreckten rechten Fußes. Für die Zuschreibung spricht vor allem der Bezug zu Michelangelos Blatt mit Studien zur Anatomie der Sibylle im New Yorker Metropolitan Museum. Auf einer in den Uffizien befindlichen Kopie dieser Rötelzeichnung ist auch der rechte Fuß in der gleichen Pose verzeichnet. Obwohl Christie’s mit Ausnahme von Paul Joannides die Michelangelo-Experten nicht nennen darf, soll die Fachwelt der Zuschreibung der am 5. Februar in New York mit einer vorsichtigen Schätzung von 1,5 bis zwei Millionen Dollar zum Aufruf kommenden Entdeckung beipflichten.
Vergleichsblatt aus dem Metropolitan Museum in New York: Studie Michelangelos für die libysche SibyllePicture AllianceAls potentieller Käufer wird Leon Black, Sammler vieler Zeichnungstrophäen, vermutet. Sein Name fällt freilich auch in Zusammenhang mit Rembrandts Zeichnung eines jungen Löwen (siehe nebenstehenden Artikel), der einen Tag früher das reichhaltige Zeichnungsangebot bei Sotheby’s anführt. Dieses umfasst den qualitätvollen, von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert reichenden Nachlass von Diane Nixon, einer passionierten Sammlerin alter Schule, die als großzügige Mäzenin der Grafikkabinette unter anderem der National Gallery in Washington, des British Museum und der Morgan Library geschätzt war.
Star bei Sotheby's: Rembrandts Zeichnung „Young Lion Resting“Sotheby'sSicheren Geschmack und ein geschultes Auge verrät die hochkarätige Fülle des von Fra Bartolommeo über Giovanni Battista Tiepolo, Carel Fabritius und Jean-Antoine Watteau bis hin zu Adolph von Menzel und Max Liebermann reichenden Bestandes, der die Wände von Nixons New Yorker Wohnung zierte. Die hohen Taxen der rund 130 Lose reflektieren nicht nur die Qualität, sondern auch die Preise, die sie zwischen den Neunzigerjahren und 2016 zahlte. Es wird sich zeigen, ob der heutige Markt sie trägt.

vor 1 Tag
2





English (US) ·