Man traut seinen Augen nicht, was und wen die Jury des World Press Photo Award mit dem renommierten Preis für journalistische Fotografie ausgezeichnet hat. Da gibt es eine Bildpaarung, bei der die von Florian Bachmeier stammende Aufnahme eines kleinen, traumatisierten ukrainischen Mädchens und das Foto, auf dem die in Moskau lebende Fotografin Nanna Heitmann einen verletzten russischen Soldaten wie einen Christus inszeniert, direkt miteinander in Beziehung gesetzt werden – als zwei Seiten einer Medaille.
Es gibt eine Homestory, für welche die in Deutschland lebende Fotografin Aliona Kardash ihre Familie in Sibirien besuchte. Sie erzählt unter dem Titel „It Smells of Smoke at Home“ eine (im „Stern“ erschienene) Geschichte, in der ihre Verwandten als Opfer eines Krieges erscheinen, dessen Verursacher nicht benannt wird. In der Fotostory „Protests in Georgia“ des russischen Fotografen Mikhail Tereshchenko sind die Rollen schon klar verteilt: Die Demonstranten, die gegen eine moskauhörige Regierung auf die Straße gehen, sind vermummte, in ihrer Maskierung an Neonazis erinnernde Gewalttäter, die Polizei ist Opfer.
Die Verkehrung von Opfer und Täter
Damit verkehrt der TASS-Fotograf, der die Zerstörung der ukrainischen Stadt Mariupol durch die russische Armee inklusive der Ermordung unzähliger Zivilisten als „Befreiung“ preist, die Wahrheit in ihr Gegenteil (die Polizei ist mit Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen, es gab viele Verletzte, Oppositionelle sind in Haft). So zeichnet die World-Press- Photo-Jury drei Spielarten der russischen Propaganda aus, mit welcher der Angriffskrieg in der Ukraine verbrämt wird: Gleichstellung von Opfer und Täter, Opfererzählung über die Täternation und schließlich die Verkehrung von Opfer und Täter.

Auf die Kritik (nicht nur) ukrainischer und georgischer Fotojournalisten, die unser Autor Christian-Zsolt Varga zusammengetragen und dargelegt hat, hat der World Press Photo Award inzwischen auf Anfrage reagiert. Für die Paarung der Bilder von Florian Bachmeier und Nanna Heitmann entschuldigen sich der World Press Photo Award und die internationale Jury. Es bestehe „ein offensichtlicher Unterschied zwischen dem Leiden eines Kindes unter den Folgen des Krieges und dem Leiden eines Soldaten der Invasionstruppen, die dieses Leid verursachen“, heißt es in der Erklärung.
Die Diskussion über diese beiden Fotos könne „komplex sein“. „Eine sinnvolle Diskussion“ müsse aber „mit der Anerkennung der Realität beginnen, mit der die Menschen in der Ukraine konfrontiert sind“. Wir hätten, sagt die Vorsitzende der internationalen Jury, Lucy Conticello, „diese beiden Fotos nicht als Paar präsentieren sollen, da dies suggeriert, sie sollten nur im Dialog miteinander betrachtet und verstanden werden. Dies führt zu einer übermäßig vereinfachten und falschen Gleichsetzung und verdrängt die Geschichte, die jedes der beiden Fotos für sich allein erzählt. Diese Geschichten weisen zudem nur auf zwei Aspekte des anhaltenden russischen Krieges gegen die Ukraine hin.“

Zur Fotostrecke des russischen Fotografen Mikhail Tereshchenko aus Georgien heißt es, man habe diese „für ihren eigenen Verdienst“ gewürdigt, ohne Ansehen der Person, des Arbeitgebers (die staatliche russische Agentur TASS) und der Ansichten des Fotografen. Mit Tereshchenkos Aussage, Mariupol sei „befreit“ worden, stimme man nicht überein. Dass Russland die Ukraine angriff, die Stadt Mariupol verwüstete und „zivile Ziele wie eine Entbindungsklinik und ein Theater, in denen Menschen Schutz suchten“, bombardierte, seien Fakten, die man (anders als TASS und der Fotograf) nicht bezweifle.
Wie derlei Feststellungen mit der Preisvergabe übereingehen, bleibt indes das Geheimnis der Jury, zu der versierte Journalisten aus der ganzen Welt zählen. Dass die Jury nicht erkennen kann oder will, welche Botschaften sie prämiert, bei einem Preis, um den sich 3778 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern mit insgesamt 59.320 Aufnahmen beworben haben, mag man nicht fassen.