Klassiker der Architektur: Ein Haus wie eine Stadt

vor 2 Stunden 1

Das Haus sieht immer noch so aus, als sei es gerade hier gelandet. In einem Viertel mit viel Geld und Zuckerguss und mit vielen Villen, die nach Sanierung schreien. Ein entschlossen kantiger, der geraden Linie huldigender Querriegel mit einem selbstbewussten Riesenbullauge in der schnörkellosen Fassade. Dabei steht die Villa Beer seit bald hundert Jahren in Wien-Hietzing, und die hochgestimmte Fachwelt rechnet den Bau zu den Meisterwerken der zweiten Wiener Moderne – auf Augenhöhe mit Mies van der Rohes Villa Tugendhat oder Le Corbusiers Villa Savoye.

Im Jahr 1929 beauftragt das jüdische Unternehmerpaar Julius und Margarete Beer, Mitinhaber einer Gummifabrik, die Firma Haus und Garten der Architekten Josef Frank und Oskar Wlach, kompromisslose Modernisten mit politischem Impetus, mit Planung und Bau. Die Beers wünschen sich ein Gebäude, in dem sie ihrer Leidenschaft für Musik das angemessene gesellschaftliche Parkett bieten können. Nach nur einem Jahr Bauzeit zieht die Familie Beer im September 1930 ein, bald darauf wieder aus, weil sie die Kreditraten für das Anwesen mit rund 650 Quadratmetern Wohnfläche und einem riesigen Grundstück nicht bedienen können. Es war wohl eine Nummer zu groß geplant.

 Die Empore mit dem Bösendorfer FlügelTreppenschwung und Blickachse: Die Empore mit dem Bösendorfer FlügelHerta Hurnaus

Die Villa wird vermietet, die Beers ziehen doch wieder ein und wieder aus, ­wenige Jahre später verlieren sie ihren gebauten Traum an die finanzierende Versicherungsgesellschaft. Nach dem „Anschluss“ 1938 gehen die Beers ins Exil. Da ist Josef Frank, Sohn ungarischer Juden, schon seit vier Jahren weg, er geht 1934 mit seiner schwedischen Frau in deren Heimat. Dort arbeitet er nicht mehr als Architekt, sondern verlegt sich auf Möbel- und Stoffdesign, nach Wien kehrt er nie mehr zurück. Während Frank zu einem bis heute verehrten Gestalter aufsteigt, bleibt der 1938 in die USA geflohene Wlach dort erfolglos, er stirbt 1957 verarmt in New York, Frank überlebt ihn um zehn Jahre.

In den Anfangsjahren bewohnen die Villa Beer als Zwischennutzer immer wieder Prominente – darunter der Opernsänger Richard Tauber, der Tenor Jan Kiepura nebst Familie und Privatsekretär Marcel Prawy, die Schauspielerin Marta Eggerth –, aber in der Nachkriegszeit wird aus den Plänen der Stadt Wien, den Bau öffentlich zugänglich zu machen, nichts. Die Besitzer wechseln, das Haus vergammelt, steht am Ende mehr als ein Jahrzehnt lang leer. Das ändert sich, als Lothar Trierenberg vor fünf Jahren auf eine Gedenktafel für den Architekten Josef Frank stößt, als er im Haus Wiedener Hauptstraße 64 ein Büro mietet.

Blick ins Esszimmer, das Schachbrett-Parkett besteht aus vier HolzartenBlick ins Esszimmer, das Schachbrett-Parkett besteht aus vier HolzartenHerta Hurnaus

Er schlägt nach, sucht und findet die Villa mit der Adresse Wenzgasse 12 – und mit ihr eine neue Bestimmung im Leben. Zwanzig Jahre lange hatte Trierenberg im Ersten „das möbel“ geführt, eine Mischung aus Designmöbelladen und Kaffeehaus, und gerade eben in andere Hände übergeben. Er gründet eine gemeinnützige GmbH, tauft sie Villa Beer Foundation, kauft die Liegenschaft für fünf Millionen Euro, findet in Christian Prasser einen Architekten. Fünf Jahre später, und nachdem Trierenberg weitere 9,5 Millionen Euro in Sanierung und Umbau gesteckt hat, ist das Haus nun zur Wiedereröffnung bereit. Die Stadt Wien hat sich mit überschaubaren 500.000 Euro beteiligt, das Bundesdenkmalamt mit 200.000. Künftig will die Stadt die Betriebskosten bezuschussen.

Der siebenundfünfzigjährige Trierenberg, ein großer schlanker Mann mit grau meliertem Bart und gewinnendem Wesen, entstammt einer oberösterreichischen Unternehmerfamilie, die als Papierhersteller vermögend wurde. Bis heute sitzt er im Aufsichtsrat der Delfort Group. Er kann es sich also leisten, und er tut es mit frohgemuter Bescheidenheit. Er habe das „mit Freude gemacht“, sagt er bei der Vorstellung des Baus Anfang voriger Woche. Künftig soll in der Villa Beer für die Interieurs „Berühren erlaubt!“ gelten.

Vorhänge nach einem Original-Entwurf von Josef Frank, die Bakelit-Lichtschalter auf weißem Glas kommen als Nachbau aus dem 3-D-DruckerVorhänge nach einem Original-Entwurf von Josef Frank, die Bakelit-Lichtschalter auf weißem Glas kommen als Nachbau aus dem 3-D-DruckerStefan Huger

Die Schwierigkeit für den Architekten Christian Prasser und die Landschaftsarchitektin Maria Auböck, das Anwesen auf den Stand von 1930 zurückzuführen, lagen weniger im Rückbau – die Villa wurde mehrfach umgebaut, der britische Geheimdienst nutzte die Villa, zeitweise bewohnten sie fünf Parteien. Das Problem ist die mangelhafte Überlieferung, es fehlen Pläne und Fotografien. Auch die Urheberschaft ist lückenhaft belegt, Trierenberg geht davon aus, dass Frank der federführende Mann war, weil er täglich auf der Baustelle erschien. Schließlich war die Villa der größte private Auftrag, den das Büro je hatte.

Das 27 Meter lange Gebäude spielt im Inneren mit Zwischengeschossen, allein der Keller hat drei Höhenniveaus. Da die Hauptküche im Erdgeschoss eine große Raumhöhe haben sollte, schrumpften die darüber liegenden Räume für das Dienstpersonal. Also brauchte es zwei Stufen, um sie zu erreichen. Die Treppenhäuser sind in ihrer Dimension unterschiedlich, dafür hatte das Personal einen Speisenlift sowie ein vollwertiges Badezimmer mit Wanne, und die Einbauschränke waren im ganzen Haus die gleichen.

Markantes Rundfenster Richtung Straßenseite, die Sofas sind zeitgenössisch, folgen aber dem Farbentwurf der ArchitektenMarkantes Rundfenster Richtung Straßenseite, die Sofas sind zeitgenössisch, folgen aber dem Farbentwurf der ArchitektenStefan Huger

Außen wie innen wählen Frank und Wlach nicht Weiß als Farbe der Moderne, sondern Beige. Eine mit Pinsel auf­getragene Leinfarbe, die je nach Lichteinfall alle möglichen Zwischentöne ­annimmt. Die gesamte von Frank ent­worfene Inneneinrichtung wurde, soweit noch vorhanden, erhalten, darunter Lampen, Einbauschränke, Fußböden. Am Rand des Fischgrätparketts in den Wohnräumen sind Löcher zu sehen, dort war der Spannteppich befestigt. Die Bakelit-Lichtschalter auf weißem Glas wurden mittels 3-D-Druck nachgebaut und technisch auf heutigen Stand gebracht. Als aufwendig erwies sich Rekonstruktion der vierzig damals neuartigen Metallfenster mit 216 Flügeln, deren Kondensatrinnen von nachfolgenden Generationen nicht verstanden wurden.

Die Beers schlafen in getrennten Zimmern, im Kinderzimmer wird ein Gummiboden in der „Statement-Farbe Grün“ (L. Trierenberg) verlegt, der die Zeit gut überstanden hat, weil er mit anderen Belägen abgedeckt war. Die großen Durchgänge der Repräsentationsräume haben keine Türen, sondern raumhohe Vorhänge mit Stoffen nach Entwürfen von Josef Frank, die bis heute bei Svenskt Tenn lieferbar sind.

 Die Stiege für das PersonalOhne Parkett, aber trotzdem stilvoll: Die Stiege für das PersonalHerta Hurnaus

„Es braucht für jede Stimmung einen Ort“, so das Credo Josef Franks, der sich auch mit Architekturtheorie beschäftigte. Er hatte in dem Aufsatz „Das Haus als Platz und Weg“ (in der Zeitschrift „Der Baumeister“ von 1931) das Raumprogramm von Häusern mit jenem von Städten verglichen: „Ein gut organisiertes Haus ist wie eine Stadt anzulegen mit Straßen und Wegen, die zwangsläufig zu Plätzen führen, welche vom Verkehr ausgeschaltet sind, so daß man auf ihnen ausruhen kann.“

Der Zugang zur Villa Beer fällt so aus, als müsste man sich durch das Stadttor quetschen, er ist nicht luftig und hell, sondern niedrig und dunkel. Umso größer die Geste, wenn man ihn hinter sich hat: Der Blick geht durch das ganze Gebäude auf einen hohen Glaserker und weiter in den Garten auf eine Robinie aus der Bauzeit. Zwei weitere große Robinien wurden zur Straßenseite hin gepflanzt. Bezüge allerorten.

Der Erker mit Blick auf eine hundertjährige RobinieDer Erker mit Blick auf eine hundertjährige RobinieHerta Hurnaus

Überhaupt sind Blickachsen eine Spezialität von Frank und Wlach. Zur Rechten das Esszimmer, mit seinem spektakulär schönen Schachbrettparkett aus Eiche, Ahorn, Palisander und Mahagoni, dahinter die Küche, über eine Treppe geht es in ein Zwischengeschoss, auf dem wieder wie damals ein Bösendorfer steht. Die Klänge des Flügels fließen durch alle Räume, beschallen das Wohnzimmer, das einen Kamin mit seitlichem Abzug und eine große Fensterfront zum großzügigen Balkon mit Gartenblick hat.

Die Kunsthistorikerin Katharina Egghart, zuletzt am MAK tätig, leitet die Villa Beer, und sie wird es nicht als Hausmuseum, sondern als Begegnungsort positionieren. Es wird ausdrücklich keine digitale Präsentation geben. „Wir wollen unsere Besucher kennenlernen“, sagt Egghart. Einmal jährlich wird ein Symposion organisiert, Wissenschaftler können für Arbeitsaufenthalte hier wohnen, das Haus wird für Konzerte und „künstlerische Interventionen“ geöffnet, im Fokus auch das jüdische Leben in Wien. Der Keller beherbergt in der ehemaligen Garage künftig den Eingangsbereich samt Museumsshop, Garderoben, Toiletten und einem kleinen Hörsaal für Veranstaltungen. Unter der Terrasse wurde Platz für eine klimatisiertes Archiv geschaffen.

Im Dachgeschoss gibt es eine große, nach Osten ausgerichtete „Sonnenbadterrasse“, dahinter drei Gästezimmer nebst einer kleinen Küche, die man im „Mid Century“-Stil mit Möbeln und Stoffen von Josef Frank ausgestattet hat, und die man entsprechend hochpreisig mieten kann. Für Führungen kann man sich bereits jetzt anmelden, am 8. März beginnt der neue Lebensabschnitt für die Villa Beer dann offiziell.

Gesamten Artikel lesen