Kinofilm „Eden“: Die Insel des jüngsten Gerichts

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Eskapismusfantasien gehen gern mit der Wunschvorstellung von unberührter Natur einher, in der die Menschen friedlich mit Tieren und Pflanzen zusammenleben. Dass die Realität deutlich harscher aussieht, muss Familie Wittmer in Ron Howards „Eden“ ziemlich schnell feststellen. Im Winter 1932 haben Heinz, seine Frau Margaret und ihr kranker Sohn Harry die lange Schiffsreise Richtung Galapagos-Archipel auf sich genommen. In der Zeitung haben sie vom selbsternannten Philosophen und früheren Arzt Friedrich Ritter gelesen, der auf der Insel Floreana den Traum vom Aussteigerleben verwirklicht hat und obendrein die Multiple Sklerose seiner Lebensgefährtin Dora Strauch mit frischer Luft und streng pflanzlicher Diät heilen konnte.

Letzteres stellt sich als Übertreibung heraus. Dora bewegt sich mit Gehstock durch das Pflanzenbeet und bedenkt die Neuankömmlinge nur mit einem abwehrenden Kopfnicken. Ritter reagiert ebenso verhalten auf die enthusiastischen neuen Nachbarn. Von den Zeitungsausrissen zeigt er sich noch geschmeichelt, von der Aussicht, die Insel mit jemandem teilen zu müssen, ist er weniger begeistert. Er geleitet die Familie bergauf zu einigen höhlenartigen Felsvorsprüngen und hofft, dass Moskitos, wilde Hunde und der Mangel an Trinkwasser die Aussteigerfamilie schnell zur Abreise treiben werden. Er hat dabei die Verzweiflung unterschätzt, die die Wittmers übers Meer trieb. Heinz ist von seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg schwer traumatisiert. Der Sohn leidet an einer Lungenkrankheit. Eigentlich hätten beide einen Sanatoriumsaufenthalt nötig gehabt, aber nach der Inflation war nichts Erspartes mehr vorhanden. Das letzte Geld hat die Galapagosreise gefressen.

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Der Ansporn, sich hier ein neues Leben aufzubauen, ist entsprechend groß. Wittmer schaufelt also Sand und Steine weg, errichtet erst aus Bambusrohren ein Leitungssystem zur Trinkwassersammlung und legt dann das Fundament für eine Hütte. Schon bald sieht das Stückchen Land um die Höhle urbarer aus als alles, was Ritter in seinen Jahren auf Floreana je geschaffen hat. Aber noch bevor er darüber verzagen kann, taucht schon das nächste Boot auf und wirft eine exzentrische Baronin und ihre beiden Gefährten an den Strand. Die Frau im Seidenmorgenmantel stellt sich allen als Eloise Bosquet de Wagner Wehrhorn vor und schwärmt von ihren Plänen, hier am Strand ein Luxushotel zu eröffnen.

Die „Galapagos-Affäre“ als Thriller

Regisseur Ron Howard erzählt seine Version der sogenannten „Galapagos-Affäre“, die Mitte der Dreißigerjahre für mediale Spekulationen um den gesamten Globus sorgte, als Thriller. Aus der historischen Vorlage weiß man: drei Menschen werden ums Leben kommen. Howard arrangiert seine Figuren wie in einer soziologischen Versuchsanordnung; er lässt die Leute Ränke schmieden und in wechselnder Konstellation Scheinbündnisse eingehen – denn was hier weder die Baronin und ihre Entourage noch der vegetarische Philosoph mit seiner Geliebten und auch nicht die Wittmers einsehen, ist die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit, um auf dem Archipel überleben zu können.

 Vanessa Kirby als DoraWenn der Mann sie nervt, geht sie zum Eselchen: Vanessa Kirby als DoraLeonine Distribution

Statt Gemeinschaft entwickelt sich also ein brutaler Überlebenskampf, der die Zivilisationsaussteiger bis an den Rand ihrer Humanität bringen wird. Für die Schauspieler ist das ein Segen. Sie übertreffen sich mit sichtlicher Freude in den schlimmsten Bosheiten. Ana de Armas erweitert ihr Repertoire nach dem schlagfertigen Auftritt als Bond-Girl in „Keine Zeit zu sterben“ (2021) und der Charakterrolle als Marilyn Monroe im Biopic „Blond“ (2022) mit der Figur der Hochstaplerin Eloise ins Fach der verschlagenen Verführerinnen. Ihre Baronin legt sie als wunderschöne Teufelin an, die entweder mit Schmeicheleien oder mit Drohungen ihren Willen durchsetzt und dabei keine Skrupel hat, über Leichen zu gehen.

De Armas treibt das so auf die Spitze, dass man in einer Dinnerszene mit einem Baby sogar Angst hat, dass sie jeden Moment das Kind mit Absicht fallen lassen könnte. Jude Law wiederum umarmt die Möglichkeit, als grummeliger Möchtegernphilosoph seinem Schönlingsimage endgültig den Gnadenstoß zu versetzen. Halbnackt über eine kleine Reiseschreibmaschine gebeugt, tippt er Sentenzen, die sich stark in Richtung Nietzsche und Schopenhauer lehnen („die wahre Bedeutung des Lebens ist Schmerz“).

Die Baronin (Ana de Armas) kennt keine Skrupel, wenn sie etwas haben will.Die Baronin (Ana de Armas) kennt keine Skrupel, wenn sie etwas haben will.Leonine Distribution

Den von Rassentheorien und antisemitischem Zeitgeist geprägten Teil von Ritters Spekulationen lässt Howard hier unter den Tisch fallen, konzentriert sich lieber auf die Ablehnung medikamentöser Behandlung und verwendet einige Dialoge zwischen Law und Vanessa Kirby, die die erkrankte Dora spielt, darauf, diesen gedanklichen Irrläufen in aller Ruhe nachzuspüren. Kirby legt in ihre Blicke erst glühende Verehrung für den Querdenker, die aber immer weiter abkühlt, je öfter sich die Prognosen Ritters als Fehleinschätzungen herausstellen. Der Geniekult hält Auseinandersetzungen mit echten Menschen nicht stand – wenn es um Taten statt schöner Worte geht, versagt Ritter, denn allein mit der Kraft des Geistes lässt sich ein Wildschwein dann doch nicht vom überlebenswichtigen Gemüsegarten fernhalten.

Sydney Sweeney darf die größte Wandlung durchmachen

Den umgekehrten Weg darf Daniel Brühl beschreiten, der als traumatisierter Kriegsversehrter auf die Insel kommt und Genesung im Überlebenskampf findet. Brühls Spiel orientiert sich an der sanften Zähigkeit des jungen Clint Eastwood – lange nimmt er die Demütigungen der anderen hin, fängt weder wegen geklauter Essensrationen Streit an, noch lässt er sich von den Sticheleien der Baronin aus der Fassung bringen. Aber mit jeder weiteren Provokation sieht man eine Anspannung wachsen, aus der das Mordhandwerk wieder hervorzubrechen droht.

Die größte Wandlung darf Sydney Sweeney durchmachen – von der kleinen deutschen Hausfrau, die ihrem Mann in die Fremde folgt, emanzipiert sie sich zur eigenständigen, aktiven Person. Howard gibt den entscheidenden Hinweis darauf, wie wichtig diese Frau für die Geschichte ist, gleich zu Beginn. Es ist Sweeneys Margaret, deren Stimme einen Abschiedsbrief an die Mutter vorliest, während das Archipel zum ersten Mal auf der Leinwand auftaucht. Das Schreiben an die Mutter ist weniger melancholisches Gefühlszeugnis als vielmehr Lossagung von der alten Rolle im elterlichen Haushalt. Einmal auf der Insel angekommen, beginnt die Veränderung, an deren Ende sich Sweeneys Figur gehäutet haben wird wie eine der Echsen, die hier am Strand entlangstaksen.

Aufnahmen der Galapagos-Fauna schneidet Howard immer wieder zwischen seine Handlungsstränge. Sie setzen weniger Ruhepausen, als dass sie starke Metaphern anbieten, Brutalität als Natur: Möwen picken an Aas, Reptilien werfen ihre Schuppenkörper ins Wasser, Gischt spritzt mit einer Gewalt gegen Felsen, als entstünde die Welt hier gerade erst – für Menschen ist kein Platz. Und wer der Insel dennoch einen Platz zum Leben abtrotzen will, muss bereit sein, dafür über Leichen zu gehen.

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