Kornblumenblau ist der Himmel am herrlichen Rheine ... ja, das war einmal! Und schon damals hat es nicht geklappt, sich die Welt im Krieg schön zu schunkeln. Müllbeutelblau ist das Meer auf der Hamburger Bühne: einer der schönsten, zartesten und hintersinnigsten Einfälle von Rainer Sellmaier für die Uraufführung von „Monster’s Paradise“. Aus müllbeutelblauer Folie, geschwenkt und luftdurchblasen, ist das Meer rund um die tropische Insel von Gorgonzilla, dem Monster, das aus der verstrahlten Natur nach einer Kernkraftwerksexplosion geboren wurde. Ein Meer aus bewegten Textilien – das war einmal der Trick des barocken Illusionstheaters. Hier, an der Hamburgischen Staatsoper, bei Sellmaier und seinem Regisseur Tobias Kratzer, ist es der Coup eines neobarocken Desillusionierungstheaters: ein Pazifik aus Makroplastik, Metapher für den Endsieg des Mülls über das Meer.
„Eine Grand Guignol Opéra“ hat die Komponistin Olga Neuwirth ihr neuestes Bühnenwerk genannt, das hier, an der Hamburgischen Staatsoper zur Uraufführung kommt. Grand Guignol ist Pariser Horrorkasperletheater für Erwachsene, spaßige Schockabfuhr auf der Gespensterbahn der Bühne. Kratzer, theatergeschichtlich beschlagen, nimmt die Schattenrissästhetik des Grand Guignol für Mord- und Metzelszenen wieder auf, wenn Gorgonzilla aus Rache für die Schändung der Natur den klimawandelleugnenden König-Präsidenten zermatscht und auffrisst. Es ist nur eine der vielen Anspielungen, mit denen der ganze Abend, voraussetzungsreich die Kennerschaft einer sehr speziellen Bildungselite kitzelnd, gespickt ist.
Elfriede Jelinek (links) und Olga NeuwirthTanja DorendorfElfriede Jelinek und Olga Neuwirth haben gemeinsam das Libretto zu „Monster’s Paradise“ geschrieben. Es ist, nach „Bählamms Fest“ und „Lost Highway“ ihr drittes gemeinsames Bühnenwerk. Und sie bringen sich als Vampi und Bampi, zwei feministische Vampirinnen – gesungen von Sarah Defrise und Kristina Stanek, zugleich gespielt von Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld –, selbst auf die Bühne. Besser: Sellmaier tut es, in dem er die Darstellerinnen wie Jelinek und Neuwirth aussehen lässt.
Das Libretto ist messy, eine Flut an Text, aus dem die wenigen Witze – Gorgonzilla sucht einen Sekundenkleber, damit die Menschen endlich „zusammenhalten“ – kaum noch herausragen können. Wir erleben eine Sprache, die sich mit ihrer eigenen Wirkungslosigkeit abgefunden hat und alle Gedanken, jedes Erkenntnisinteresse, jeden Versuch von Anteilnahme durch Masse erstickt.
Aufgeblasen: Geotg Nigl (rechts) als König-Präsident, davor seine Ja-Sager Mickey (Andrew Watts, links) und Tuckey (eric Jurens, Mitte)Tanja DorendorfAuch die Partitur ist messy: Versatzstücke der Hochkultur von Schubert, über Bruckner und Strauss bis Ligeti und früher Neuwirth, dazu dreckverspritzte Einsprengsel des Populären, auch der Fernsehunterhaltung. Vielleicht ist das ja eine ästhetische Strategie: Selbstvermüllung der Kunst als Reflexion des historischen Standes des Materials. Titus Engel aber holt im zarten Quecksilbergewirk, mit dem die Sprechdialoge von Vampi und Bampi unterlegt sind, und im fernen Flirren vor der finalen Sintflut schöne, lockende, lohnende Klänge aus dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg heraus. Aus ihnen ließe sich ein konzentriertes, dichtes Werk machen, das zu gesammelter, tiefer Aufmerksamkeit einlüde. „Monster’s Paradise“ tut das nicht.
Diese Oper ist grell überschminkte Verzagtheit, nicht nur was die Zukunft menschlichen Lebens angeht, sondern auch die Zukunft der Kunst. Kratzer führt mit bunter Varieté-Reklame, Cheerleader-Bunnys samt Lametta-Püscheln, Kinderchören mit Fridays-for-Future-Transparenten nur eine aufwendig inszenierte Resignation vor. Nicht einmal so richtig Empathie für das grausig-traurige Monster Gorgonzilla – elektronisch verzerrt gesungen von Anna Clementi, tapfer unterm Saurierpanzer gespielt von Vanessa Konzok – will bei dieser Premiere aufkommen. Und die Weisheiten, die Charlotte Rampling als Göttin von sich gibt, werden sofort vom bewährten Meister-Propper-Zynismus weggeätzt.
Georg Nigl auf dem goldenen Klo
Der Bariton Georg Nigl keift, quiekt, brüllt als König-Präsident auf dem goldenen Klo im Oval Office seine Obszönitäten in die Welt, sekundiert von den Countertenören Andrew Watts und Eric Jurenas als Mickey und Tuckey, den präsidialen Hofeunuchen. Man kann sich gratismutig auf die Schenkel schlagen, wenn Nigls Körper bühnengroß aufgeblasen wird und darauf sein winziger Kopf sitzt.
Aber was ist das schon? Meinungsredundanztheater! Affirmation von herrschendem Konsens im Land, eine Groteske, die von der polymorphen Perversität der Wirklichkeit längst überholt und überboten worden ist. Kratzer weiß das natürlich und deutet es im Programmheft auch an. Dass er sich trotzdem auf diesen Wettbewerb mit dem Weltwahnsinn einlässt, zeigt auch nur, wie schwach die Kraft zum Gegenentwurf geworden ist.
Vor einem Jahr konnte man Georg Nigl noch an der Hamburgischen Staatsoper in Gordon Kampes Monodram „Die Kreide im Mund des Wolfs“ erleben. Gewiss kein Weltveränderungstheater, aber eine genaue und sinnfällige künstlerische Analyse der rhetorischen Strategien des russischen Präsidenten und seines manipulativen Einsatzes von Hochkultur für den geostrategischen Imperialismus. Hier entfaltete Nigl seine ganze stimmliche Kunst, weil er von einem Erkenntnisinteresse gefordert war. In „Monster’s Paradise“ muss er nur noch outrieren und chargieren. Eine Vorstellung von lärmender Erbärmlichkeit!
Am Ende des ermüdenden Abends wird das Theater durch den Film – von Jonas Dahl und Janic Bebi – ersetzt: Vampi und Bampi treiben auf einem Floß durch den Weltfrieden nach der Sintflut und spielen auf einem Flügel Franz Schuberts f-Moll-Fantasie. Man hört dazu aus dem Graben live, doch verfremdet Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina an verstimmten Klavieren. Ein berührender Schluss, irgendwie, aber auch erschlichene Zustimmung durch erborgtes Material als Treibgut im Müllteppich unseres Weltuntergangsozeans.

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