Geschichte des Parks: Sie brachten die Natur in die Großstadt zurück

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Der Vater der amerikanischen Nationalparks hatte ein leuchtendes Vorbild: die Schweiz. Weil die Schweizer „das fleissigste und sparsamste Volk Europas“ seien, hätten sie den Schutz ihrer Alpen mit der Erfindung des Fremdenverkehrs finanziert. Deshalb empfahl der amerikanische Landschaftsarchitekt Frederick Law Olmsted seiner Regierung 1865, ebenfalls Reservate zu schaffen, um wie die Schweizer mit dem Geld der Besucher „die besten Gasthäuser der Welt zu errichten, den Bauern ihren besten Markt für ihre Überschussprodukte zu verschaffen, Eisenbahnen, Kutschenstraßen, Dampfschiffrouten und Telegrafenleitungen zu bauen und damit den größten Teil der Staatseinnahmen beizusteuern – ohne auch nur das Geringste von Wert aus dem Land herauszureißen“.

Auf Olmsteds Initiative wurde 1872 die Vulkanlandschaft des Yellowstone River in Wyoming zum ersten amerikanischen Nationalpark erklärt. Heute gibt es 63 von ihnen; ihre Gesamtfläche entspricht der Großbritanniens. Das ökonomisch motivierte Nützlichkeitsdenken Olmsteds war bei angelsächsischen Naturschützern nie verpönt.

Die Geschichte der Landschaftsgärten und Landschaftsplanung

Keine Berührungsangst mit kommerziellen Zwecken hatten auch die von Olmsted geförderten Landschaftsarchitekten Fredericka und George Kessler, gebürtige Deutsche, die den Park für das Massenspektakel der damals größten Weltausstellung in St. Louis 1904 entwarfen; die Umwandlung der Expo zum heute größten Stadtpark von St. Louis sowie 24 weitere Parksysteme im ganzen Land planten sie gleich mit.

 „Living Cities“. Three Centuries of Park Systems.Matthew Skjonsberg: „Living Cities“. Three Centuries of Park Systems.Park Books

Selbst ein Naturverehrer wie Frank Lloyd Wright war kein Maschinenstürmer. Er verwandelte 1945 das „Taliesin“-Flusstal nordwestlich von Chicago in ein Reservat für seine agrarische Landkommune. Dennoch schwärmte Wright zeitlebens für die Wunder der Technik und die Schönheit großer Städte. Es mag dieser robustere Umgang mit Natur sein, weshalb Olmsted und seine Mitstreiter das Gesicht der Städte und Regionen mindestens so stark geprägt haben wie die großen Architekten. Dies demonstriert der in der Schweiz lehrende Landschaftsarchitekt Matthew Skjonsberg in seinem Buch „Living Cities. Three Centuries of Park Systems“ sehr eindrücklich.

Der Titel meint durchgestaltete, netzwerkartig verknüpfte Park- und Landschaftsräume, die die Dimensionen höfischer Gartenkunst und städtischer Grünanlagen sprengen. Anhand von 22 penibel recherchierten Großprojekten vor allem in den USA sowie in England, Schottland, Deutschland und der Schweiz macht der Autor deutlich, wie wichtig die oft generationenübergreifende Geduld und die großräumigen Vorstellungen der Landschaftsplaner waren. Denn sie mussten weit über einzelne Stadtverschönerungen hinausdenken, um im Wettlauf mit der industriellen Urbanisierung zu bestehen.

Schon Goethe plante einen Grünkorridor

Klug vermag der Autor die naturbezogene Motivation der Parkpioniere mit politischen Entwicklungen zu parallelisieren: Auf das ästhetisch-sentimentale Interesse an Natur und Botanik im achtzehnten Jahrhundert folgte die Hygienepolitik im neunzehnten Jahrhundert. Im zwanzigsten Jahrhundert dominierten egalitäre Werte wie Sport und Spiel, heute stehen vor allem ökologische Klimakorridore und Ausgleichsbiotope im Vordergrund. Politisch verortet das Buch den Aufstieg der demokratischen Parksysteme in der Aufbruchsstimmung nach dem amerikanischen Bürgerkrieg 1865 bis zu den Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung nach 1945.

Musentempel am Fluss Ilm, Landschaftspark Tiefurt bei WeimarMusentempel am Fluss Ilm, Landschaftspark Tiefurt bei Weimarpicture alliance / imageBROKER

Das Buch beginnt mit einem der ersten englischen Landschaftsgärten von Charles Bridgeman und John Vanbrugh in Stowe bei London (1713). Der freiere Verlauf von Bodenrelief, Flüssen und Wegen überwand die starre Geometrie von Barockgärten und galt als botanisches Pendant zum politischen Liberalismus. Statt mit Zäunen umgaben sich diese Parks mit Ausschachtungen, die nicht die Aussicht blockierten und dennoch Wildtiere und Holzdiebe fernhielten.

Den moderneren Gedanken, Gartenanlagen nicht als bukolische Inseln, sondern als Lückenschluss zwischen Fragmenten zu schaffen, entdeckt der Autor beim Weimarer Parksystem an der Ilm von Goethe und Herzog Carl August (1778), das die entfernten Schlossgärten von Tiefurt und Belvedere in einem neuen Grünkorridor zusammenführte. Auch John Nash entwarf seine berühmte Regent Street (1811) in London nicht als Solitär, sondern als Lückenschluss einer Nord-Süd-Verbindung vom alten St. James’s zum neuen Regent’s Park, das erste Beispiel eines grünen innerstädtischen Kultur-Korridors.

Während sich Architekten noch mit ihrer mediterranen Grand Tour begnügten, waren die Landschaftsplaner längst transatlantisch unterwegs. Der englische Gartenstadt-Erfinder Ebenezer Howard reiste 1871 fünf Jahre in die USA und studierte den Wiederaufbau der kurz zuvor niedergebrannten Innenstadt Chicagos mitsamt neuen Boulevards und Parksystemen. Die weltweit erste Schule für Stadtplanung in Liverpool, 1909 vom Biologen und Regionalplaner Patrick Geddes gegründet, stand in intensivem Austausch mit amerikanischen Landschaftsexperten. Diese ermöglichten dem vom deutschen Förster Karl Drais 1817 erfundenen Fahrrad, in den USA zum Massentransportmittel zu werden. Tatsächlich war, man glaubt es kaum, Amerika um 1900 weltweit führend im Bau von Fahrradstraßen.

Landschaftsplanung als demokratischer und sozialer Reformversuch

Während europäische Modernisten auf Architekturkongressen regelmäßig klirrende Erziehungsappelle für neue Menschen in einer neuen Welt veröffentlichten, arbeiteten die Landschaftsplaner an der Verbesserung der bestehenden Verhältnisse.

Eine richtungsweisende Konferenz der Stadtplaner 1916 in Cleveland beschloss sozialpolitische und gestalterische Grundsätze, die den emanzipatorischen Charakter moderner Landschaftsplanung dokumentieren: Zugänglichkeit der Stadt- und Landschaftsräume für alle, Verbot privater Eigentumsmonopole in Naturgebieten, Abkehr von den starren Kunstregeln des Klassizismus hin zu informellen, biegsameren und ergänzungsfähigen Bauformen und Planungsmethoden. Man könne in Amerika keine Top-down-Methoden wie Baron Haussmann in Paris anwenden, so das Resümee in Cleveland: Stadtplanung funktioniere „nur mit der Großzügigkeit und im Gemeinwohlinteresse aller Bürger“.

Trotz übersichtlicher Chronologie und knapper Erläuterungen lässt sich die Überfülle an Namen, Bezügen und Kooperationen im Buch ohne fachliche Vorbildung schwer verstehen. Zudem verliert sich der Autor oft in unbekannten Pionierplanungen, aber erwähnt Großprojekte wie Olmsteds Central Park für New York oder den Plan für Washington 1901 nur flüchtig. Verdienstvoll ist der Anhang mit der Analyse von sieben ökologischen Musterprojekten. Skjonsberg verdeutlicht, dass Landschaftsschützer eine ernsthafte politische Kraft sind, vor allem in den USA. Auch deshalb bestrafte die Trump-Regierung die Nationalparkverwaltung vor Kurzem mit heftigen Personal- und Budgetkürzungen.

Matthew Skjonsberg: „Living Cities“. Three Centuries of Park Systems. Park Books, Zürich 2025. 288 S., Abb., geb., 58,– €.

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