Museumsdidaktik: Geprägt von Gewalt und Erotik

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Seit Mitte Oktober vergangenen und noch bis zum 1. März dieses Jahres zeigt die Albertina Modern in Wien eine Re­trospektive der in Belgrad geborenen Performance-Künstlerin Marina Abramović. Nach allem, was bisher darüber zu hören war, ist die Ausstellung ein Erfolg. Man darf aber fragen, wes Geistes Kind die Leute sind, von denen die Begleittexte zu der Ausstellung stammen. Da lesen wir etwa als Erklärung zu Leben und Werk der Künstlerin: „1976 verlässt Marina Abramović Belgrad, fühlt sich aber weiter mit der Region verbunden. Die Balkan-Identität, geprägt von Gewalt und Erotik, beeinflusst auch ihre späteren Werke.“

Wie kommt man auf so einen Satz? Wer brütet derlei aus? Was ist eine „Balkan-Identität“? Wo beginnt, wo endet sie? Steht die Albertina in Wien für die Ansicht, Menschen am Balkan neigten in besonderer Weise zu „Gewalt und Erotik“? Kann man sich dort vorstellen, wie ein solcher Satz auf Menschen vom Balkan wirkt?

Eine durch Gewalt und Erotik geprägte „Balkan-Identität“?

Das wollten wir erfahren. Angela Stief, Direktorin der Albertina Modern, übernahm die Beantwortung unserer Fragen selbst: „Die Vermittlungs- und Wandtexte der Ausstellung wurden im kuratorischen Team auf Basis der Texte und Aussagen der Künstlerin sowie der internationalen Ausstellungsgeschichte erarbeitet und redaktionell bearbeitet“, erläutert sie einleitend. Zudem seien die Texte durch ein „hausexternes Lektorat“ gegangen. Und alle Beteiligten fanden es angemessen, von einer durch Gewalt und Erotik geprägten „Balkan-Identität“ zu sprechen? Direktorin Stief: „Wir wissen um die Brisanz und das diskursive Potential von zeitgenössischer Kunst.“

Man beachte hier das feine „wissen um“, das pfauenhaft den übrigen Worten eines Satzes von jener pompösen Leere voranstolziert, wie sie laut Kurt Tucholsky in dem imaginären Ort Wichtigstein a.d. Phrase gedrechselt wird. Allerdings teilt Direktorin Stief auch mit, in der Albertina Modern werde „nicht eine kuratorische Meinung widergespiegelt, sondern die Gedankenwelt der Künstlerin. Sollten dadurch Missverständnisse entstehen, tut uns das sehr leid.“ Und: „In einer Einzelausstellung kann man davon ausgehen, dass alle Aussagen sich immer auf Aussagen der Künstlerin beziehen.“

Hat Marina Abramović also von sich in der dritten Person gesprochen? Sagt sie mithin über sich selbst: „1976 verlässt Marina Abramović Belgrad, fühlt sich aber weiter mit der Region verbunden. Die Balkan-Identität, geprägt von Gewalt und Erotik, beeinflusst auch ihre späteren Werke.“ Wohl kaum. Und selbst, wenn es so wäre, ließe sich fragen, ob es Aufgabe einer Kunsthalle ist, Klischees unreflektiert zu verbreiten. Die Ergebnisse von Abramovićs Beschäftigung „mit den alten Ritualen der Erotik auf dem Balkan“, wie es die Künstlerin selbst einmal formuliert hat, kann man für tiefsinnig, dämlich oder irrelevant halten. Aber sollte ein Museum sich solche Klischees unkommentiert zu eigen machen?

Ignoranz und Überheblichkeit

Die Albertina weist korrekt darauf hin, dass Abramovićs Befassung mit dem Thema im begleitenden Ausstellungskatalog durchaus reflektiert und vielschichtig dargestellt wird. Nur eben nicht in der Ausstellung selbst. Die zuständige Kuratorin Bettina Busse teilt mit: „Es liegt mir – und der Künstlerin – fern, verallgemeinernde Aussagen über Menschen einer bestimmten Region zu treffen, doch diese Diktion stammt von der Künstlerin selbst, die über ihre eigenen soziokulturellen Wurzeln spricht.“ Gemeint sei „keine Zuschreibung an eine Region oder ihre Bevölkerung, sondern eine künstlerische Selbstdeutung, die historische Erfahrungen, Rituale, Körperbilder und politische Gewalt reflektiert“.

Mag sein. Steht aber nicht da. Von der Kuratorin und in der Albertina wird, ohne jedweden Hinweis auf eine Quelle, etwas anderes behauptet. Soll man vielleicht auch von einer „Österreich-Identität“ reden, geprägt von Ignoranz und Überheblichkeit? Anhaltspunkte dafür ließen sich womöglich finden – allerdings wäre eine solche Behauptung ähnlich töricht wie die Zuschreibungen der Albertina. Immerhin steht man dort in einer langen österreichischen Tradition. „Serbien ist ein krankes Volk, mit austauschbarem Führer. Mittels Erziehungsdiktatur müssten diese Länder in die Zivilisation zurückgebracht werden.“

Das sagte nicht etwa Erzherzog Franz Ferdinand, bevor er 1914 in Sarajevo erschossen wurde, sondern die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek 1999. Und was ein anderer österreichischer Nobelpreisträger zur gleichen Sache gesagt hat, davon wollen wir besser schweigen. Fazit: Etwas animalisch und primitiv – so sind sie halt, die Tschuschen. Tschuschen, so werden im österreichischen Deutsch abwertend Menschen vom Balkan genannt.

Und auch wenn gewiss niemand in der Albertina diesen Begriff allen Ernstes verwenden würde, spukt er unterbewusst wohl doch noch durch manch eine Wiener Vorstellung vom Balkan. Die bulgarische Historikerin Maria Todorova hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert ein ganzes Buch dazu geschrieben: „Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil“. In Todorovas Sammlung spielt die österreichische Produktion von Balkan-Klischees keine geringe Rolle. Die Betextung der Abramović-Ausstellung zeigt, wie reichhaltig der Vorrat weiterhin ist.

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