Geschichte der Vielfalt: Das dritte Geschlecht ist keine moderne Erfindung

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Die „Venus vom Hohle Fels“ soll Frauenhassern das Wasser abgraben. Die über 35.000 Jahre alte Figurine mit großen Brüsten und betonter Vulva, die 2008 bei Ausgrabungen in der Schwäbischen Alb gefunden wurde, zeuge von weiblicher Macht: Mit der Präsentation dieser und weiterer Funde aufwendig bestatteter oder jagender Frauen reiht sich die Berliner Journalistin und Autorin Morgane Llanque ein in die Reevaluation der Frühgeschichte, die derzeit vorangetrieben wird. Llanque möchte Vielfalt zu mehr Sichtbarkeit verhelfen und damit „pseudohistorischen Märchen“ den Boden entziehen. Zu diesem Zweck fokussieren sich ihre Beispiele aus allen Epochen der Geschichte auf Frauen, queere Menschen, aus rassistischen Gründen Ausgegrenzte, Menschen mit Behinderung und auf Transpersonen.

Nach Kapiteln zur Ur- und Frühgeschichte rückt das Römische Reich ins Visier. Schon seit der Renaissance seien die alten Römer „Influencer“ für hypermaskuline Männer geworden – was heute Filme wie Gladiator bewiesen oder Mark Zuckerberg, der sich mit der T-Shirt-Aufschrift „Aut Zuck aut nihil“ in eine Linie mit Caesar stelle. Dabei unterliefe das Interesse römischer Herrscher an unter anderem Schönheitspflege die nachträglich attribuierte Maskulinität.

Das dritte Geschlecht in der Geschichte der Menschheit

Llanques Blick auf das Mittelalter entkräftet den Mythos eines weißen, christlichen Kulturraums, der „vielleicht sogar das wichtigste Leitmotiv der zeitgenössischen extremen Rechten“ bildet. Europa sei ein „globalisierter Schmelztiegel der Völker und Religionen“ gewesen, was „sarazenische“ Ritter in König Artus’ Tafelrunde belegten, zudem Leonardo da Vinci, dessen Mutter eine tscherkessische Sklavin gewesen sein könnte. In den Kapiteln zur Frühen Neuzeit stellt Llanque einflussreiche Menschen mit Behinderung vor, die eine Schule für Blinde gründeten, als gefürchtete – einarmige oder einäugige – Piraten die Welt umsegelten oder kleinwüchsige Gelehrte an Königshöfen waren.

 „Vielfalt“. Eine andere Geschichte der Menschheit.Morgane Llanque: „Vielfalt“. Eine andere Geschichte der Menschheit.Droemer

Im 19. und 20. Jahrhundert schließlich rücken gendernonkonforme Menschen in den Blick: Neapolitanische Femminielli, die sich weder als Männer noch als Frauen definieren, Female Husbands in Großbritannien und den USA im 19. Jahrhundert oder samoanische Fa’afafine und Fa’atama würden belegen, dass die Frage nach dem dritten Geschlecht kein Phänomen der Gegenwart sei. Erfolgreiche Allianzen bildeten, unter anderem, Maori mit weißen Frauenrechtlerinnen in Neuseeland, die 1893 das Frauenwahlrecht für Maori-Frauen erstritten, oder die US-amerikanische Rainbow Coalition der späten 1960er Jahre in Chicago, in der sich schwarze mit weißen (Südstaaten-)Amerikanern, Puerto Ricanern, Native Americans und Hispanics verbanden.

Die Sprunghaftigkeit von Llanques großem Panorama hat einen Preis. Die kritische Kontextualisierung der einzelnen Phänomene kommt mitunter zu kurz, etwa im vierseitigen Kapitel „Berlin, du bist so wunderbar!“, in dem Magnus Hirschfeld, sein Institut für Sexualwissenschaft und die dortigen geschlechtsangleichenden OPs der 1920er Jahre vorgestellt werden. Hirschfeld wird zu Recht als Vorreiter homosexueller und gendernonkonformer Menschen in Deutschland gewürdigt; seine aus heutiger Sicht kritikwürdige Einstellung zu eugenisch motivierter Sterilisation und die fragwürdigen Kooperationen des Instituts mit der Pharmaindustrie bleiben aber unerwähnt.

Fragwürdiger Umgang mit der Geschichtswissenschaft

Das Buch ist ein politischer Diskussionsbeitrag für die Gegenwart und kein historisches Fachbuch, was auch nicht Anspruch der Autorin ist. Dennoch irritiert der Umgang mit Geschichte und Geschichtswissenschaft. Llanque schreibt das Buch auf der Basis historischer Forschung, die jene Vielfalt zutage förderte, von der sie behauptet, dass es sie „in der Geschichte“ nicht gäbe. Es wäre interessant gewesen, zu erfahren, welche Geschichte, welche Lehrpläne hier gemeint sind. Welche Gesamtdarstellungen hatte die Autorin als Gegner vor Augen?

Am Pranger steht, so Llanque im Vorwort, eine Geschichtsschreibung, die schon Catherine Morland aus Jane Austens „North­anger Abbey“ ermüdet hatte. Austen schrieb „Northanger Abbey“ um 1800. Diese hagiographische Geschichtsschreibung männlicher Herrscher hat die Fachwissenschaft längst überwunden. Vielmehr war sie seit den Siebzigerjahren an der Herausbildung jenes Diversitätsbewusstseins beteiligt, das dem Buch zugrunde liegt, indem sie zunächst Arbeiter, dann Frauen, später sämtliche Geschlechter, seit der Jahrtausendwende migrantische und kolonisierte Akteure sowie Menschen mit Behinderung und zudem die Verschränkung dieser Ungleichheitskategorien zu ihrem Untersuchungsgegenstand gemacht hat.

Auch die neue Rechte erkennt Unterschiedlichkeiten an

„Vielfalt“ ist eine Fundgrube einzelner Episoden über Menschen, die von der vorgestellten weißen, heterosexuellen, überwiegend männlichen Norm abwichen. Warum manche Gesellschaften inklusiver waren oder wann Allianzen mit marginalisierten Gruppen funktionierten und wann nicht, erfahren wir allerdings nicht. Zudem fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Ethnopluralismus der Neuen Rechten. Denn auch die Neue Rechte erkennt Unterschiedlichkeiten verschiedener Menschengruppen längst an, gar als „Recht auf Differenz“, erklärt diese Differenzen jedoch zu unveränderlichen kulturellen Identitäten, die in homogenen Gesellschaften am besten gedeihen würden.

Dass das von Llanque zusammengetragene Sammelsurium marginalisierter Akteure Menschenfeindlichkeit in der Gegenwart reduziert, ist dem Buch zu wünschen. Sicher ist allerdings bloß, dass „Vielfalt“ eine inspirierende Lektüre für all jene bietet, die ohnehin an Gerechtigkeit und Teilhabe interessiert sind.

Morgane Llanque: „Vielfalt“. Eine andere Geschichte der Menschheit. Droemer Verlag, München 2025. 304 S., geb., 24 Euro.

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