Amazon-Serie „Wake“: Schlaflos in Stockholm

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In Schweden passieren mal wieder schreckliche Dinge. Der Mitarbeiter eines Skilifts glotzt ins Leere, während die Passagiere rückwärts sausen und in hohem Bogen aus dem Rondell der Talstation schleudern. Eine Sportlerin starrt auf ihr Laufband, bis auch sie die Kontrolle verliert. Ein Flugzeug stürzt ab. Eine Katze wird in einen Kühlschrank gesteckt. Und überall rote Augen, die sich dringend mal Ärzte ohne rote Augen anschauen müssten. Sie deuten auf eine verkürzte Lebenserwartung der Betroffenen hin – bedingt durch absolute Schlaflosigkeit.

Diese Katastrophenstory ist ein Sedativum

Der Sechsteiler „Wake“ ist allerdings eher ein Sedativum, bei dem man sich fragt, wie es die Zulassung erhalten konnte. Die Regie lag zwar in den versierten Händen von Henrik Georgsson, der weiland für 24 Folgen des schwedisch-dänischen Straßenfegers „Die Brücke“ verantwortlich war, und auch bei „Kommissar Wisting“ nach den Büchern des norwe­gischen Ex-Polizisten Jørn Lier Horst schimmerte seine Schaffenshöhe noch durch.

Bei diesen Serien gab es aber Autoren, die vertrackte Geschichten erschufen, Charaktere, die man nicht mehr vergisst, und hinterhältige Kameraleute. Auf solche Feinheiten haben sie in der schwedischen Amazon-Produktion „Wake“ nach dem Schubs in die Genre-Schublade verzichtet. Und an eine Sofia Helin als Saga, einen Kim Bodnia als Martin oder Sven Nordin als Wisting kommt in dieser Schauspielerriege sowieso keiner heran.

Die Katastrophen-Geschichte von Brynja Björk und Pauline Wolff setzt fast so stumpf auf die ewiggleichen Pulstreiber wie das unlängst durch die Fortsetzung wieder zu Aufmerksamkeit gelangte Überlebensdrama „Greenland“ aus Amerika. Dort flüchtet eine kriselnde Familie mit zuckerkrankem Filius vor zahllosen Kometeneinschlägen von Atlanta nach Grönland – weil es offenbar nur dort, kein Witz (fehlt nur noch: „We need it for national security“), vernünftige Schutzräume gibt. Teil zwei spielt in Frankreich.

„Wake“ dreht sich um den Ausbruch einer bedrohlichen Krankheit und einige Paare, die in einer skandinavischen Produktion natürlich nicht den traditionellen Familienkonstellationen entsprechen dürfen. Da wäre zuvorderst der alleiner­­zie­hende Gesundheitsminister Christian (Jonas Karlsson), der in seine Kollegin Sara (Gizem Erdogan) vernarrt ist. Er muss der Krisenmanager sein und wird doch auch durch die Straftaten seines drogensüch­tigen Stammhalters Hugo (Malte Gårdinger) gefordert. Verkompliziert wird die La­ge durch politische Dummheit. Eine alte Bekannte steht der Pharmafirma vor, die eine Partnerschaft mit der Regierung einging und für Warnungen fachkundiger Mitarbeiter keine Zeit hat.

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Weiter unten im Gesellschaftsgefüge endet für Elin (Aliette Opheim), eine Notfallsanitäterin, die Knochenbrüche wie verbogene Zeltstangen zu richten vermag, die euphorische Beziehungsphase zu Moa (Siham Shurafa). Außerdem folgen wir Isak (Silas Strand), einen drolligen Grundschüler mit Ninja-Qualitäten, und der jugendlichen Linda (Frida Argento), die in Isaks Nachbarschaft wohnt und als In­fluencerin einen Hashtag erfindet. Auch hier sind die Proportionen verrutscht: Die Nebengeschichten in „Wake“ sind dermaßen drüber, dass die Dramatik der Hauptgeschichte auf der Strecke bleibt.

Wie belastend es ist, nicht schlafen zu können: Das war in Erik Skjoldbjærgs Thriller „Todesschlaf“ um einen über­müdeten Polizisten am Polarkreis (als „Insomnia“ neu aufgelegt von Christopher Nolan) einst durch die Rolle des Lichts sehr viel besser zu spüren als in „Wake“ mit den Blutergüssen im Auge. Dafür wächst das Problem in diesem Sechsteiler zur Megakrise heran: In Stockholm laufen die Kliniken voll. Manches gemahnt hier an die Zeiten und Theorien des Covid-Ausbruchs, verrührt mit einer Idee, mit der 2021 schon der Netflix-Streifen „Awake“ Schiffbruch erlitt. Die Grundidee zur Serie aber stammt wie bei so vielen anderen Geschichten über den plötzlichen Zerfall der gewohnten Stabilität bereits aus dem Jahr 2019, anfangs wohl noch mit Island statt Stockholm als Schauplatz. Wohl dem, der ein Segelboot hat, und reichlich Vorrat.

Wake läuft auf Amazon Prime Video.

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