Der Franzose Renaud Capuçon ist einer der angesehensten Geiger der Welt. Er leitet drei Festivals – in Gstaad, Aix-en-Provence und Evian – und zudem das Orchestre de Chambre de Lausanne, spielt bei großen politischen Ereignissen wie dem G-7-Gipfel oder der Wiedereröffnung von Notre-Dame. Nun erscheint seine neue Aufnahme: Er hat die Sonaten und Partiten von Johann Sebastian Bach eingespielt (Deutsche Grammophon).
Sie spielen auf Ihrem neuen Album die Sonaten und Partiten von Bach für Violine solo. Berühmte und gefürchtete Musik, technisch und musikalisch extrem schwer. Warum jetzt?
Ich bin gerade 50 geworden, nun bin ich bereit. Ich wollte dem Werk gerecht werden, aber auch ganz ich selbst sein. Deshalb habe ich so lange gewartet. Diese Musik ist so wunderbar, so schwer, ein Mysterium. Der Druck war hoch. Deshalb habe ich es bis zuletzt geheim gehalten, dass ich es aufnehme. Es sollte nur Bach und mich geben im Studio.
Ein Studio, das viel Raum hat und warm klingt auf der Aufnahme, das ist ungewöhnlich. Bach wird oft trocken eingespielt. Was wollen Sie damit sagen?
Ich wollte dieser Musik viel Leben einhauchen. Bach ist für mich der lebendigste Komponist. Seine Musik gibt einem Energie. Ich habe in einem großen Studio aufgenommen, dem Teldex in Berlin, in einem wunderbaren Saal mit viel Holz. Ich wollte etwas Natürliches, sehr Menschliches im Klang.
Die Musik ist dreihundert Jahre alt, unsere Ohren sind heute anderes gewöhnt.
Die Musik ist zwar alt, aber Bach ist der Vater von allem, was unsere Ohren kennen und lieben. Seine Musik ist wie eine Entspannungstherapie für die Seele. Wenn ich gestresst bin, kann ich zehn Minuten Bach anhören, egal welches Stück. Probieren Sie es aus! Anstatt Kaffee zu trinken, legen Sie einfach etwas Bach auf. Das verändert den ganzen Gefühlshaushalt. Es ist so großartig, ein Wunder . . . Wie lautete Ihre Frage?
Wie kann man es modernen Ohren ermöglichen, Bach heute zu verstehen?
Aber diese Musik ist überhaupt nicht altmodisch. Ihre Kraft ist geblieben, deshalb interessiert mich auch die Debatte über historische Aufführungspraxis nicht besonders. Ich habe zwei Bögen verwendet, und der Barockbogen trifft manchmal genau den perfekten Ton. Aber bestimmt werden einige Kritiker trotzdem sagen: „Er spielt nicht mit Darmsaiten, nicht genau wie zu Bachs Zeiten.“ Für mich ist das keine Frage. Denn es ist gar keine historische Musik. Diese Musik ist zeitlos.
Renaud Capuçon am 19. Januar in DavosEPASie haben sie in Berlin aufgenommen, haben hier auch seit drei Jahren Ihr Label. Was verbindet Sie mit dieser Stadt?
Als ich acht Jahre alt war, wusste ich schon, dass ich Geiger werden will. Aber ich wusste nicht, was das heißt. Seitdem erlebe ich eine Überraschung nach der anderen. Ein musikalisches Leben ist eine Reise mit vielen Stationen. Berlin war für mich eine davon. Ich habe hier bei Thomas Brandis gelernt, dem früheren Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und engen Weggefährten des Dirigenten Herbert von Karajan. Dann habe ich hier Claudio Abbado kennengelernt und später in seinem Gustav Mahler Jugendorchester gespielt. Bei mir geht es immer aufwärts, aber sehr langsam. Ich bin nicht wie manche Leute, die mit 16 Jahren ihr Debüt geben und gleich Superstars sind.
Denken Sie da gerade an Anne-Sophie Mutter? Karajan hörte sie, als sie 13 war, und bat sie sofort, mit den Berliner Philharmonikern zu spielen.
Sie ist ein Sonderfall. Sie hat sehr jung angefangen, aber sie ist geblieben. Das ist einzigartig. Sie ist ein richtiger Star. Das Schöne für mich ist, dass wir Musiker aus der Welt der Klassik auf der Straße nicht erkannt werden. Ich habe also meine Ruhe. Aber Anne-Sophie Mutter ist da eine Ausnahme.
Haben Sie als Geiger jetzt alles erreicht?
An dem Tag, an dem ich das denke, sollte ich aufgeben. Das Besondere an Musik ist: Wenn man sich in dieses Universum vertieft, öffnet man eine neue Tür und sieht dahinter eine weitere. Ich spiele Konzerte, ich spiele Kammermusik, ich dirigiere, ich leite Festivals, ich unterrichte. In drei Wochen dirigiere ich die Brahms-Sinfonien. Ich bin aufgeregt wie ein Kind vor Weihnachten, weil ich diese Stücke so liebe.
Aber Sie kennen diese Musik doch schon lange, Sie haben schon vor zwanzig Jahren viel Brahms eingespielt.
Natürlich kenne ich diese Musik. Aber als Violinist. Als Dirigent ist es nun etwas ganz anderes. Da lerne ich die Werke neu kennen, aus einer anderen Perspektive, und verstehe viel mehr.
Im Booklet Ihrer neuen CD haben Sie statt eines Infotextes eine Passage aus dem 150. Psalm abgedruckt und erläutert. Warum?
Man bat mich, einen Text zu schreiben. Ich dachte: Wie kann ich beschreiben, was Bach für mich bedeutet? Entweder schreibe ich zehn Seiten und es reicht immer noch nicht, oder ich zitiere einfach den Psalm, der alles schon ausdrückt. Lobet den Herrn, und: Lobet ihn mit Saitenspiel!
Ja, ich bin seit jeher Christ. Daher kannte ich diesen Psalm natürlich. Und Bach war bekanntlich auch ein sehr religiöser Mensch, der Großteil seiner Musik ist Gott gewidmet. Für mich ist das etwas ganz Natürliches. Ich verberge oder leugne es nicht. Ich bin einfach Christ. Und ich spiele Bach. Das passt.
Neben Renault Capuçon steht ein Metallkoffer mit Zahlenschlössern am Boden, darin transportiert er seine Geige. Die „Panette“ des Geigenbauers Giuseppe Guarneri del Gesù, der wie Stradivari in Cremona lebte. Über dieses Instrument wurden schon ganze Bücher geschrieben. Es ist von 1737 und würde es bei einem Auktionshaus heute möglicherweise auf zehn Millionen Euro bringen.
Können wir kurz über Ihr Instrument sprechen? Es stammt ja aus Bachs Zeiten.
Sehr gern. Es war fünfzig Jahre lang die Geige des großen Violinisten Isaac Stern, bei dem ich auch Unterricht hatte. Er verkaufte sie an einen Sammler in den USA. Als der sie wieder anbot, meldete sich ein Bankier aus der italienischen Schweiz bei mir, der das Instrument für mich kaufen wollte – um es mir zu leihen, nicht, um es mir zu schenken. Ich flog hin, spielte es und fand es sofort perfekt. Also blieb diese Violine bei mir. Als die Bank pleiteging, nahm ich einen riesigen Kredit auf, den ich mein Leben lang abbezahlen werde, und kaufte die Geige. Ich bin wie ein Bauer, der jeden Morgen auf sein Feld geht, um seine Erde zu bestellen. Mein Feld ist meine Geige. Das gefällt mir, ich bin da pragmatisch. Meine Vorfahren waren Bauern.
Was raten Sie jemandem, der gerade mit dem Geigenspiel anfängt?
Wenn ich unterrichte, reden wir immer zuerst über die Haltung. Hebt die Arme, steht fest, haltet die Arme so, als würdet ihr eine Violine halten, aber fühlt euch dabei natürlich. Seid ganz locker. Wer steif ist, kann nicht gut klingen. Ich verbringe viel Zeit mit meinen Schülern damit, eine gute Haltung zu entwickeln.
Wann gehen Sie beim Spielen Risiken ein?
Ständig. Zunächst einmal, wenn ich mein Repertoire auswähle. Manchmal fragen mich Kollegen: „Warum spielst du so viele verschiedene Stücke? Warum nicht einfach drei Konzerte pro Jahr?“ Ich antworte dann: weil ich Musik so liebe. Ich möchte immer wieder Neues entdecken. Deshalb habe ich nächstes Jahr drei Weltpremieren mit neu komponierten Konzerten.
Spielen Sie auch manchmal den Blues zu Hause? Oder sonst etwas ganz anderes?
Na ja, ich spiele den Blues von Maurice Ravel, aus seiner zweiten Violinsonate. Sonst nicht. Ich würde eigentlich gern mal Jazz ausprobieren, aber ich habe keine Zeit. Vielleicht im nächsten Leben. Ich habe so viele Pläne, ich möchte das Hindemith-Violinkonzert spielen, eine Oper dirigieren, in den nächsten zehn Jahren kommt so viel.
Sie haben gerade beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Eröffnungskonzert gespielt. Wie erleben Sie ein solches Konzert?
Ich spiele Bach, Haydn und Vivaldi vor den Staatschefs der Welt – und bin dann ein Diplomat der Musik. Ich hoffe, dass ich durch meine Musik, durch meine Person, durch meine Geige bestimmte Botschaften vermitteln kann. Botschaften des Friedens, des Trostes und der Versöhnung. Musik wird international nicht genug für diesen Zweck genutzt.
Donald Trump sollte Ihnen also mehr beim Spielen zuhören? Würde es ihn verändern?
Nicht nur ihn. Es könnte jeden verändern. All diese Leute sollten mehr Musik hören. Politiker sollten Kammermusik spielen, weil sie dadurch lernen würden, einander zuzuhören. Die meisten Menschen hören einander doch gar nicht zu. Wir sollten alle Kammermusik spielen, einander zuhören, einander respektieren lernen. Und noch etwas: Jeder und jede sollte jeden Morgen etwas Bach hören. Die Welt wäre eine bessere.

vor 2 Tage
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