Wer in einer arabischen Familie aufwächst, kommt an Adel Imam nicht vorbei. Der ägyptische Schauspieler ist eine schillernde Figur in der arabischen Welt. Sein Spitzname lautet „Al-Zaeem“, der Anführer. Sein Lächeln, auf Arabisch „ibtasama“, zeichnet ihn aus. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang prägte der Satiriker die Filmbranche. Sein kometenhafter Aufstieg begann in den Sechzigerjahren. Er spielte in mehr als hundert Filmen mit, war im Theater und im Fernsehen präsent. Imam übte Herrschaftskritik, wies auf politische und gesellschaftliche Missstände hin – und tat das auf gewiefte und brillant-komische Art. Zudem wusste er, die Unterschiede zwischen Kulturen meisterhaft darzustellen und zu persiflieren.
So etwa in der beliebten Komödie „Die Dänische Erfahrung“ (Originaltitel: Al-Tagroba Al-Danemarkeya), die 2003 in die Kinos kam. Imam spielt den Familienvater Qadri Al-Minyawi, der mit seinen vier Söhnen in einer Villa lebt. Seine Frau ist früh gestorben, er muss die Kinder allein großziehen. Ein Ritual ist das regelmäßige Laufen. In der Einstiegsszene joggen die inzwischen erwachsenen Männer, Mahmoud, Ibrahim, Abdulrahman und Hussien, mit ihm. Er trägt eine rote Strickjacke und gibt den Ton an. Im Hintergrund läuft Rockmusik. Dabei sehen sie eine Frau, die in die entgegengesetzte Richtung läuft. Sie drehen sich nach ihr um, stolpern und fallen übereinander zu Boden.
„Bereite ich dir Probleme?“
Der Ton für den weiteren Handlungsverlauf ist damit klar. Nun passieren zwei Dinge: Qadri wird Minister für Jugend und Sport – und sein Freund aus Unizeiten, der mit einer Dänin verheiratet ist, bittet Qadri, die Schwägerin, Anita Henrik Gotenberg, bei sich aufzunehmen. Die junge Studentin kommt wegen eines Austauschprogramms zum ersten Mal nach Ägypten (die libanesische Schauspielerin und Sängerin Nicole Saba brilliert in ihrer Debütrolle der Anita). Sie hat blonde Haare und blaue Augen und ist westlich gekleidet: bauchfreies Top, Rock, Make-up. Der Kultur-Clash ist also programmiert. Als Anita die Villa betritt, sind Qadri und dessen Söhne überwältigt. Qadri sagt im ägyptischen Dialekt: „Min di?“ (Wer ist das?), Anita entgegnet: „I am really mabsuta“, eine urkomische Mischung aus Englisch und Arabisch. Das Wort „mabsuta“ bedeutet froh. Nachdem Qadri seine Söhne aus dem Raum geführt hat – „Yallah, Yallah“ –, fragt Anita ihn: „Bereite ich dir Probleme?“
Das wird sie schon wenig später tun, als sie für die Söhne eine Präsentation vorbereitet. Die jungen Männer sitzen in Anitas Zimmer wie Schüler in einem Klassenraum. Als Qadri dazustößt, fragt Anita: „Ihre Söhne wussten nichts über Sex. Warum?“ Abermals schmeißt Qadri seine Söhne aus dem Raum, während einer von ihnen beschwichtigend einlenkt, dass sie erst beim Thema Küssen waren. Qadri erklärt Anita, dass er sowohl Mutter als auch Vater in diesem Haus ist und Sex ein sensibles Thema sei. Doch die Austauschstudentin bleibt hartnäckig: „Wir sollten mehr über Sex wissen. Sex ist wichtig.“
Rasante Inszenierung, aber auch Momente der Reflexion
Anita repräsentiert hier den westlichen Lebensstil, testet immer wieder die Grenzen im islamisch geprägten Ägypten: Sie sonnt sich halbnackt im Garten, geht mit Tanktop und Hotpants in die Bibliothek – oder platzt mit einem Bauchtanzkleid in eine Sitzung der ägyptischen Regierung rein, um Qadri zu überraschen. Dieser versucht ihr mehrmals zu erklären, dass in Ägypten andere Sitten und Gebräuche gelten. Doch Anita zeigt sich unbeeindruckt. Sie berichtet ihm sogar von einem „Tag der Nacktheit“ in Dänemark. Qadri probiert es in einer sehr komischen Szene aus, was nur zum Resultat hat, dass er einen Pizzalieferanten heftig verstört.
Regisseur Ali Idris inszeniert all das rasant: schnelle Szenenwechsel, viele Kameraschwenks, temporeiche Dialoge. Dazwischen hat Drehbuchautor, Youssef Maaty, Momente der Reflexion eingebaut, die den Film entschleunigen. Etwa, wenn Qadri in seinem Büro sitzt und verliebt an einer Rose riecht, die ihm Anita geschenkt hat. In diesem Moment wird ihm klar, dass ihn die Arbeit als Minister und seine familiären Verpflichtungen zu ersticken drohen. Anita wirkt als Katalysator für seinen Freiheitsdrang. Für die Liebe zu ihr tritt er sogar von seinem Amt zurück. Gemeinsam wollen sie das Land verlassen. Aber kann Qadri seiner Heimat wirklich den Rücken kehren? Er muss sich entscheiden, was er mehr liebt: Ägypten oder diese Frau.
Der Film lebt von Adel Imams Charisma und seinem Gespür für Pointen. Vor allem im Zusammenspiel mit Nicole Saba entsteht eine Projektionsfläche, die die Unterschiede zwischen der arabisch-islamischen Welt und dem Westen satirisch aus- und beleuchtet. Es ist ein rastloses Wechselspiel zwischen Romantik und Härte, Grenzen und unerfüllten Bedürfnissen, Freude und Melancholie, Heimatliebe und Ausbruchsphantasien. Mit dem Filmklassiker war Adel Imam, das frühere kulturelle Barometer für die arabische Seele, seiner Zeit voraus.

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