Am 4. Dezember 2016 drang Edgar Maddison Welch bewaffnet in das Pizzarestaurant „Comet Ping Pong“ in Washington ein. Er hatte sich von North Carolina auf den Weg gemacht, um eine Verschwörung auffliegen zu lassen. Mit seinem Sturmgewehr schoss er um sich, verletzt wurde erfreulicherweise niemand, und das, was der Achtundzwanzigjährige zu finden hoffte, gab es nicht: einen Keller, in dem Kinder gefoltert und vergewaltigt wurden.
Welch war einer Fake-News-Theorie aufgesessen, die sich im Internet auf Social Media unter dem Hashtag „Pizzagate“ verbreitet hatte. An dem vermeintlichen Pädophilenring, so die Saga, seien die damalige Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, und ihr Wahlkampfmanager John Podesta beteiligt. Dementis von Behörden und Polizei hatten die Story nicht gestoppt. Die wahre Geschichte des umfangreichen Beziehungsgeflechts, das ein verurteilter Sexualverbrecher in höchsten Polit- und Gesellschaftskreisen unterhielt, war derweil noch nicht einmal ansatzweise bekannt.
Wer bettelte um einen Platz bei den „wilden“ Partys?
Wo genau sich Jeffrey Epstein aufhielt, als die „Pizzagate“-Gerüchteküche überlief – in seinem Haus in Manhattan, seiner Villa in Palm Beach, auf seiner Privatinsel Little Saint James oder Great Saint James, wen er dort traf und welche Partys er feierte –, dürfte sich anhand der Akten, die das US-Justizministerium inzwischen zu seinem Fall freigegeben hat, rekonstruieren lassen. Dokumente mit mehr als drei Millionen Seiten sollen einsehbar sein, Tausende Videos und mehr als 100.000 Fotos. Da sind Enthüllungen en masse garantiert. Wer in den Dokumenten was und vor allem wen entdeckt hat, teilen manche Medien in eigenen Newstickern mit.
Da geht es um Elon Musk, der darum bettelte, an einer von Epsteins wilden Partys teilzuhaben. Epstein machte sich in einer E-Mail an sich selbst Notizen zu Bill Gates, der angeblich, nachdem er Sex mit „russischen Mädchen“ hatte, Antibiotika brauchte, die er auch seiner damaligen Frau heimlich habe verabreichen wollen – Gates’ Sprecher bezeichnen dies als komplett erfunden.
„Skandinavierinnen sind besseres Ehefrauen-Material“
Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit kann ihren jahrelangen Kontakt zu Epstein nicht dementieren, mehr als 1000 Mal soll ihr Name in den Epstein-Akten stehen. Ihr E-Mail-Verkehr mit dem Sexualstraftäter war vertraulich, anzüglich im Ton („Skandinavierinnen sind besseres Ehefrauen-Material“), bar jeden Misstrauens in den Mann, der wegen Zwangsprostitution Minderjähriger 2008 zu 18 Monaten Haft verurteilt worden war (von denen er nur 13 absaß).
Dass wir den ehemaligen Prinzen Andrew, jetzt Andrew Mountbatten-Windsor, auf allen vieren über den Boden kriechen und sich über eine junge Frau beugen sehen, ist fast keine Nachricht mehr, dass er regelmäßiger Besucher von Epsteins „Harem“ war, ist bekannt. Dass Bill Clinton Epsteins Insel besuchte und im Pool badete, ebenfalls.
Die Liste der Namen wird länger, Richard Branson, Lord Mandelson, US-Handelsminister Lutnick finden sich. Die Veröffentlichungen nehmen den Charakter einer Seifenoper an, die bislang demjenigen am wenigstens schadet, der die Freigabe der Akten verzögerte, dann scheinbar überstürzt vollziehen ließ und selbst mehr als 4500 Mal namentlich auftaucht: Donald Trump. Was für ein Zufall.
Damit sei die Sache beendet, sagt der stellvertretende US-Justizminister Todd Blanche. Das mag die US-Regierung denken, das Gegenteil ist der Fall: Dass wirklich alle Akten offen liegen, ist zweifelhaft, und die Frage, wie Epstein so lange unbehelligt bleiben konnte, was es mit seinen Geheimdienstkontakten auf sich hatte und wer bis zu seiner Verhaftung im Juli 2019 und dem Suizid in der Haft seine schützende Hand über ihn hielt, ist nicht beantwortet.

vor 1 Tag
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