Mit einer Skizze fängt alles an, einem aufs Papier geworfenen Frauenkopf, datiert auf den 12. April 1912. Mit dieser Skizze, die Oskar Kokoschka am Tag ihrer ersten Begegnung von der jungen Witwe des kurz zuvor verstorbenen Komponisten Gustav Mahler anfertigt, beginnt nicht nur eine der spektakulärsten und verstörendsten Liebesgeschichten der Kunstgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern sie markiert auch den Anfang eines der ungewöhnlichsten Kooperationsprojekte, die das Essener Museum Folkwang je angestoßen hat.
Nur zwei Räume, kaum mehr als dreißig Kunstwerke, darunter Gemälde, ein Dutzend nach einem Kinobesuch entstandener Kreidelithographien, ein halbes Dutzend bemalter Fächer und ein vier Meter breites Fresko, das einst über dem Kamin in Alma Mahlers Villa hing – das ist schon alles. Und mehr ist auch nicht nötig. „Die Frau in Blau. Oskar Kokoschka und Alma Mahler“ ist eine hochkonzentrierte, hochspannende Ausstellung, die belegt, dass es bei Kunstausstellungen keineswegs immer um Größe, Opulenz und die schiere Anzahl der ausgestellten Werke gehen muss. In Essen beschränkt man sich auf jene Werke Oskar Kokoschkas, die von Alma Mahler inspiriert waren, der Schwerathletin unter den Musen der Moderne.

Auf Kokoschkas erste Skizze folgte noch im selben Jahr das „Porträt Alma Mahler“, das die Ausstellung eröffnet. Im Jahr 1916 hatte Alma Mahler das Gemälde zusammen mit anderen Kunstwerken Kokoschkas Karl Ernst-Osthaus geschenkt, dem Sammler und Folkwang-Begründer, aber nur vier Jahre später in einem bemerkenswerten Brief um „Rückschenkung“ gebeten. Ursache war in beiden Fällen wohl Walter Gropius, den Alma Mahler nach der Trennung von Kokoschka 1915 geheiratet hatte.
Die Schenkung erfolgte, weil Gropius nicht durch die Kunstwerke an den Vorgänger und Nebenbuhler erinnert werden wollte, die Rückgabe wünschte Alma, weil sie Scheidungspläne hegte und nach der Trennung von Gropius um ihre finanzielle Unabhängigkeit fürchten musste. Vielleicht verspürte sie wirklich eine „unnatürliche Sehnsucht nach diesem Bilde“, wie sie Osthaus schrieb, jedenfalls sollte sie sich zeitlebens nicht wieder davon trennen. Nach ihrem Tod in New York 1964 gelangte das Bild auf Umwegen ins National Museum of Modern Art in Tokio, wo es seit 1987 hängt. Für „Die Frau in Blau“ ist es nach hundert Jahren erstmals wieder ins Folkwang zurückgekehrt.

Der erste Ausstellungsraum ist der gemeinsamen Zeit des Paares in Wien gewidmet, der zweite versammelt die Werke, die nach der Trennung entstanden sind. So hinreißend heiter und liebevoll im ersten Raum die sechs handbemalten Fächer wirken, die Kokoschka der Geliebten zu besonderen Anlässen schenkte, so beklemmend ist die lebensgroße Skizze einer Alma-Puppe, die Kokoschka der Puppenmacherin Hermine Moos schickte, nachdem er Arbeiten von ihr in einer Ausstellung in Dresden gesehen hatte.
Insgesamt zwölf Briefe schickte Kokoschka der Puppenmacherin, schilderte darin seine Vorstellungen, machte detaillierte Vorgaben und zeigte sich am Ende doch enttäuscht. Im April 1919 schreibt er an Hermine Moos: „Die äußere Hülle ist ein Eisbärenfell, das für die Nachahmung eines zottigen Bettvorlegerbären geeignet wäre, aber nie für die Geschmeidigkeit und Sanftheit einer Weiberhaut, wogegen wir doch immer die Täuschung des Tastgefühls in den Vordergrund gestellt hatten“.

Doch die Alma-Puppe erfüllt ihren Zweck. Sie dient als Modell, sie verschafft dem Künstler, der sich seit seinen Anfängen bestens auf die Inszenierung von Skandalen verstand, Aufmerksamkeit, sie dient ihm vielleicht auch als Fetisch und Sexualobjekt, aber wohl eher als Instrument der Rache an der ehemaligen Geliebten und als Therapiespielzeug, mit dem er sich endgültig von einer schmerzhaften Obsession befreit. Denn ein Schmerzensmann war Kokoschka in dieser Beziehung beinahe von Anfang an.
Durchaus streng blickt Alma Mahler den Betrachter ihres Porträts von 1912 an, obwohl der Kunstkritiker Paul Westheim dem Porträt einen „Mona-Lisa-Zug“ und eine „rätselhafte Süße“ bescheinigte. Distanziert wirkt sie auf dem auch als „Verlobungsbildnis“ bezeichneten Doppelporträt von 1912/13, hart und herrisch auf der Kreidelithographie mit dem Titel „Das Gesicht des Weibes“ von 1913. Momente inniger Verbundenheit wie sie „Die Windsbraut“ und der „Doppelakt: Liebespaar“ von 1913 ausdrücken, sind selten. Überdeutlich werden die Risse in der Beziehung und die Entfremdung des Paares in dem geradezu unheimlichen „Stillleben mit Putto und Kaninchen“ von 1913, mit dem Kokoschka den Verlust des gemeinsamen Kindes zu verarbeiten suchte.

Mit der Abtreibung und der Ablehnung mehrerer Heiratsanträge Kokoschkas hatte sich die junge Witwe gegen eine offizielle Verbindung mit dem Maler entschieden. Während Kokoschka noch im September 1914 in Briefen an die Geliebte von Heirat spricht, hatte Alma Mahler bereits Wochen zuvor in ihrem Tagebuch einen Entschluss gefasst: „Mit Oskar möchte ich abrechnen. Er taugt nicht mehr in mein Leben. Er reißt mich zurück ins Triebhafte. Ich kann damit nichts mehr anfangen... Weg mit ihm!“
Mit seiner „Idee der großen Puppenkomödie“, von der Kokoschka selbst im Rückblick gesprochen hat, gelangte der Künstler zu einer neuen Malweise, wie die „Frau in Blau“ belegt: ein entschlossener Farbauftrag wie mit dem Spachtel, eine souveräne Farbkomposition und eine geheimnisvolle Anmutung sowohl der Dargestellten wie der Situation, in der sie gezeigt wird. Ob es sich um die Puppe oder um Alma handelt, spielt dabei keine Rolle, denn beide sind sie ein Rätsel. Aber nun leidet der Künstler darunter nicht mehr, sondern ist frei, dieses Rätsel zu gestalten. 1922 zerstört er die Puppe, drei Jahre später lässt er seine Briefe an Hermine Moos publizieren, als handele es sich dabei um Beiträge zu einer Ästhetik der Moderne.

„Die Frau wird neben einem bedeutenden Künstler immer zu kurz kommen“, konstatierte Alma Mahler-Werfel scheinbar schicksalsergeben in ihrer Biographie. Man meint den Seufzer zu hören, einen Seufzer aus dem tiefsten Herzen einer Frau, die zweifellos glaubte, was sie da schrieb, und zugleich alles dafür tat, diesen Satz in sein Gegenteil zu verkehren.
Die Schau ist Kern des Projekts „Doppelbildnisse. Alma Mahler-Werfel im Spiegel der Wiener Moderne“, für das neben dem Museum Folkwang fünf weitere Essener Kulturinstitutionen zusammengefunden haben. Die Philharmonie spielt im Rahmen einer Konzertreihe Kammermusik von Mahler-Werfel und ihren Zeitgenossinnen, Kirill Petrenko wird in der Aalto-Oper Mahlers „Sinfonie Nr. 9“ dirigieren, und die Alte Synagoge veranstaltet im Mai ein Symposium zur jüdischen Geschichte Österreichs und zum fanatischen Antisemitismus jener Frau, die einst als schönstes Mädl Wiens galt und die ihre Bestimmung darin sah, großen Künstlern zu dienen, es aber gar nicht mochte, wenn sie dabei zu kurz kam.
Frau in Blau. Oskar Kokoschka und Alma Mahler. Museum Folkwang, Essen; bis 22. Juni. Die Begleitbroschüre kostet 5 Euro.