Ukraine-Krieg: Gefangen in der Kälte

vor 2 Tage 1

Eine Feuerpause war es nicht für die Ukraine, keine für eine Woche, wie US-Präsident Donald Trump sie am Donnerstag versprochen hatte. Nicht einmal bis Sonntag, wie der Kreml sie schließlich in Aussicht gestellt hatte. Eine Nacht lang, eigentlich nur ein paar Stunden, von Donnerstag auf Freitag hatte es so gut wie keine russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine gegeben, hatte auch die Ukraine keine Kraftwerke oder Umspannanlagen in Russland angegriffen. Aber nicht nur Russland griff in der Nacht zu Samstag unter anderem die Bezirke Sumy, Charkiw und Saporischschja mit Drohnen an und tötete fünf Menschen. Auch die Ukraine schickte Drohnen nach Russland. Immerhin: Große Angriffe auf die Energieanlagen blieben tatsächlich aus.

Diese Woche wollen sich ukrainische und russische Vertreter erneut in Abu Dhabi treffen, um die vor einer Woche begonnenen Gespräche fortzusetzen. Die Begegnung war zunächst für Sonntag geplant gewesen und hätte nur zwischen Vertretern der Ukraine und Russlands stattgefunden. Dann wurde das Treffen aber kurzfristig verschoben, auf den 5. und 5. Februar, wie der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij auf Telegram mitteilte. Die Gespräche sollen nun trilateral stattfinden, also zwischen ukrainischen und russischen Vertretern sowie US-Unterhändlern.

Der US-Sondergesandte Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sind in vielen Missionen unterwegs, die Ukraine ist für sie möglicherweise nicht einmal die wichtigste. Die sogenannte Energiefeuerpause sollte die Gesprächsatmosphäre eigentlich positiv beeinflussen, ein erster kleiner Vertrauensbeweis zwischen Verhandlungspartnern, die sich gegenseitig nur das Schlimmste wünschen.

Von Hoffnung ist in den kalten Städten der Ukraine nichts zu spüren

Nach den ersten Gesprächen in Abu Dhabi war kaum etwas an die Öffentlichkeit gedrungen, was man durchaus als Zeichen werten konnte, dass beide Seiten Interesse an einer konstruktiven Fortsetzung haben. Dabei sind vor allem die territorialen Fragen weiterhin ungeklärt. Wird der derzeitige Frontverlauf eingefroren, oder muss die Ukraine auch jenen Teil des Donbass abgeben, den Russland zu seinem Staatsgebiet erklärt hat, aber bislang militärisch nicht erobern konnte? In einem Interview mit dem tschechischen Radiosender Český rozhlas sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij jüngst, eine Lösung für diese Fragen könnten einzig in direkten Gesprächen zwischen ihm und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gelingen. Er könne derzeit nicht einmal sagen, ob die Gespräche kurz vor einem Durchbruch stünden oder ob genau das Gegenteil der Fall sei, so Selenskij. Das „letzte Stadium der Verhandlungen“ sei immer das schwierigste.

Fragt man die Ukrainer selbst, würden nicht viele überhaupt von einem finalen Verhandlungsstadium sprechen. Von Euphorie, Hoffnung oder nur von einem Aufatmen ist in Städten wie Odessa, Saporischschja oder Charkiw nichts zu spüren. Wie auch. Große russische Angriffe auf Kraftwerke oder Umspannanlagen mögen in den vergangenen Tagen ausgeblieben sein, aber für die Ukrainer hat die vielleicht härteste Woche dieses Winters angefangen. Die Temperaturen sinken seit Samstag stündlich, in Charkiw sollen sie in den nächsten Tagen bis minus 24 Grad erreichen, in Kiew wenig darüber.

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Krieg in der Ukraine: Kampf um Strom und Wärme

Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt nimmt Russland gezielt die Energie-Infrastruktur der Ukraine ins Visier. In Kiew waren zwei Tage nach einem schweren Angriff Tausende Menschen weiter ohne Heizung.

Die Hauptstadt leidet ganz besonders unter Stromausfällen, angekündigten oder unangekündigten, die manchmal bis zu 20 Stunden dauern. Noch immer sind Zehntausende Menschen ohne Strom und Heizung, wärmen sich mit improvisierten Öfen oder suchen Zuflucht bei jenen, die in besser versorgten Vierteln leben. Während die städtischen Reparaturteams von einer durchgeschmorten Leitung zur anderen hetzen und sich Medienberichten zufolge manchmal der hilflosen Wut der Anwohner ausgesetzt sehen, ist die Lage vor allem für die älteren Kiewer lebensbedrohlich. Sie stecken fest in den ausgekühlten Plattenbauten, weil die Aufzüge nicht gehen. Wie überall gibt es auch in Kiew etwa 1200 „Punkte der Unbeugsamkeit“. Das sind Zelte oder Räume, in denen sich die Menschen aufwärmen, Tee trinken und ihr Telefon aufladen. Aber das reicht bei Weitem nicht.

Auch der ehemalige Atomreaktor Tschernobyl war vom Stromausfall betroffen

Dazu kamen ausgerechnet in der Energie-Feuerpause Stromausfälle, die nicht nur den Großraum Kiew und zahlreiche andere Regionen lahmlegten, sondern auch das benachbarte Moldau erfassten. In Kiew und Charkiw kam der U-Bahn-Verkehr zum Erliegen, dazu die Wasserversorgung und das Internet. Ukrainische Medien zeigten Bilder von Menschen in dunklen Metro-Schächten. Die ukrainische Zeitung Kyiv Independent zitiert eine Lehrerin in Kiew, die nach zwei Stunden befreit wurde und lobte:  „Es gab keine Panik. Alles war ganz gut organisiert. Wir wurden hinausgeführt. Niemand ging verloren.“ Aber alle stünden „unter Schock“.

Rettungskräfte bringen Menschen in Sicherheit, nachdem eine U-Bahn in Kiew wegen eines Stromausfalls liegen geblieben war.
Rettungskräfte bringen Menschen in Sicherheit, nachdem eine U-Bahn in Kiew wegen eines Stromausfalls liegen geblieben war. (Foto: HANDOUT/AFP)

In der moldauischen Hauptstadt Chişinău fielen die Ampeln und der öffentliche Nahverkehr aus. Nachdem auch die zentrale Datenbank der moldauischen Zollbehörden zusammengebrochen war, wurde vorübergehend der Grenzübergang zwischen der Ukraine und Moldau geschlossen. Auch der ehemalige Atomreaktor Tschernobyl war nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA vorübergehend von der externen Stromversorgung abgeschnitten.

Am Samstagabend gab Energieminister Denys Schmyhal Entwarnung: Die Stromleitungen seien so gut wie wiederhergestellt.  Ein Störfall habe eine „Abschaltungskaskade“ in Umspannwerken und Reaktorblöcken in Gang gesetzt. Gerüchte über einen russischen Cyberangriff oder andere Eingriffe von außen entsprächen nicht der Wahrheit. Auch Selenskij spielte den Vorfall vor den Gesprächen in Abu Dhabi herunter: Wahrscheinlich seien zwei Leitungen wegen des Temperaturabfalls eingefroren und der Grund für den Störfall.

„Punkte der Unbeugsamkeit“ nennen die Ukrainer die Zelte oder Räume, in denen sich die Menschen aufwärmen, Tee trinken und ihr Telefon aufladen können.
„Punkte der Unbeugsamkeit“ nennen die Ukrainer die Zelte oder Räume, in denen sich die Menschen aufwärmen, Tee trinken und ihr Telefon aufladen können. (Foto: Valentyn Ogirenko/REUTERS)

Wegen der katastrophalen Lage in der Hauptstadt war auch der übliche Streit zwischen Selenskij und dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko wieder aufgeflammt. Andere Städte hätten sich vorbereitet, Kiew aber nicht, tadelte der Präsident und verwies auf Charkiw, das die Krise deutlich besser meistere. Klitschko, ein alter politischer Rivale Selenskijs, hatte den Kiewern empfohlen, die Hauptstadt zu verlassen – ein selten resignativer Moment in einer offiziellen Rhetorik, die sonst Resilienz und Einigkeit beschwört. Nach dem verheerenden Flächenstromausfall von Samstag meldete auch Klitschko Agenturen zufolge am Sonntag Fortschritte. 1000 Häuser in der Hauptstadt seien noch ohne Wärmeversorgung, am Samstag waren es 3000 gewesen.

Seit einigen Wochen greift Russland gezielt Züge und Busse an

Dass es Russland tatsächlich gelingt, die Ukrainer durch neue Angriffe auf die Energieversorgung in die Knie zu zwingen, ist unwahrscheinlich. Größer als die Erschöpfung der Menschen ist ihre Angst vor einem vermeintlichen Friedensabkommen, das Russland nur zu einem aggressiveren Expansionismus ermutigen könnte. Aber während der Einsatz der „Waffe Winter“ saisonal begrenzt ist, zielt die neue Strategie auf einen anderen, mindestens so lebenswichtigen Teil der Infrastruktur: Seit einigen Wochen greift Russland gezielt Züge und Busse an. Bislang galten Eisenbahnverbindungen als vergleichsweise sicher, Millionen Ukrainer – Zivilisten wie Soldaten – sind auf der Schiene unterwegs.

In der vergangenen Woche aber war ein Zug im Bezirk Charkiw getroffen worden. Am Freitag beschoss die russische Armee Gleisanlagen bei Saporischschja, im Bezirk Cherson wurde ein Bus von einer Artilleriegranate getroffen. Insgesamt starben bei diesen Angriffen sieben Menschen. Russland habe sich umorientiert, so Selenskij, es konzentriere seine Angriffe nun auf logistische Knotenpunkte, vor allem jene der Eisenbahn.

Nach dem „Energie-Krieg“, so erscheint es, hat nun der „Eisenbahn-Krieg“ begonnen.

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