Lorenzo Da Ponte verstarb 1838 im damals höchst stolzen Alter von 89 Jahren in seiner Asylheimat New York. „Asylheimat“ deshalb, da er wegen immer wieder ungeschickt erwachsener Schulden aus Venedig nach Wien, aus Wien mit einigen Umwegen nach London, und zuletzt aus London mit seiner Familie um 1804 in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte beziehungsweise floh. Dabei war er nicht nur Opernlibrettist, bis heute seine bekannteste schöpferische Tätigkeit, sondern Hofdichter Kaiser Josephs II., Lehrer für klassische Literatur, geschätzter Italienischlehrer, zwischendurch auch Gemüsehändler und Branntweinverkäufer und ab 1825 sogar Professor für italienische Literatur am Columbia College in New York.
Diesem im jüdischen Ghetto Venedigs geborenen genialen Menschen widmet nun Peter Turrini das wohl am besten als Tragikomödie bezeichnete Stück „Was für ein schönes Ende“, basierend übrigens auf einer um anno 2000 von Turrini verfassten Novelle und seinem 2012 bei den Salzburger Festspielen präsentierten Drama „Da Ponte in Santa Fe“. Die Uraufführung des „Schönen Endes“ fand jetzt im Wiener Theater in der Josefstadt statt und ist freilich auch als Abschiedsgabe an den mit dieser Saison aus der Josefstadt scheidenden Direktor Herbert Föttinger gedacht. Der darf hier in der Regie von Janusz Kica den Lorenzo Da Ponte spielen. Tatsächlich blieb Föttinger während seiner Direktionszeit immer in enger Zusammenarbeit mit Turrini verbunden, führte etwa 2006, seinem ersten Jahr in dieser Position, bei der Uraufführung von Turrinis „Mein Nestroy“ selbst Regie.
Angst vor dem finanziellen Fiasko
Um die knapp 95 Minuten des aktuellen Abends gibt es eine kleine Rahmenhandlung. Kammerschauspielerin und Doyenne des Josefstadttheaters Marianne Nentwich erzählt als beinahe hundertjährige Dorka Dušková alias Dolly Delors uns, dem Publikum, wie sie damals Da Ponte kennengelernt hat, nämlich bei der ersten Aufführung von „Don Giovanni“ in New York.
Im Vorraum jener von Karin Fritz (auch für Kostüme zuständig) entworfenen Bühne ist dann das Schöne Ende angesiedelt. Auf dem Plakat ist, neben dem Namen des Betreibers des Opernhauses, James N. Brodnik – Raphael von Bargen gibt den wunderbar zwischen Begeisterung für seine (eigene) „Genialität“ und Angst vor dem finanziellen Fiasko hin- und hergerissen –, dem Namen des Startenors und dem Namen des Komponisten „Mister Mozart“ der Name des Texters, eben sein Name, nicht zu finden, raunzt Da Ponte. Dazwischen versucht er immer wieder einen Blick in den Opernsaal zu werfen, um „sein Kind“, wie er „Don Giovanni“ nennt, zu beobachten. Weil, dieser Wolfgang Amadeus hat ja sein Libretto fast verhunzt, Änderungen vorgenommen, Streichungen gar! Aber reingelassen wird er nicht, weil er momentan eben nur als Branntweinverkäufer unterwegs ist. Sagen ihm mehrmals Brodnik und dessen Leibwächter Castor und Pollux.
Eine Kupferplatte am Leib
Den einen, von Marcello de Nardo bissig-beleidigt verkörpert, will Da Ponte überreden, selbst Opernsänger zu werden. Stimme habe er schon eine ganz gute, aber sie müsse noch tiefer, knapp über dem Nabel einrasten. Und schickt ihn in die Garderobe, zum Üben. Als der dann zurückkehrt, meint Da Ponte, jetzt nur noch kastrieren und basta! Woraufhin ihn Castor in den Untergrund schubst und beinahe erschießt. Zum Glück überlebt er das, trägt Da Ponte doch immer eine Kupferplatte am Leib, da ihm schon einmal nach einem heimtückischen Giftanschlag mittels Salpetersäure alle Zähne ausgefallen sind und er sich neue, eben aus Kupferblech, gebastelt und eingesetzt hat. Soll übrigens dem echten Lorenzo Da Ponte tatsächlich passiert sein, da hat Turrini gut recherchiert.
Der jungen Dorka Dušková, überzeugend naiv gespielt von Juliette Larat, begegnet Da Ponte ebenfalls in diesem Vorraum. Auch sie will Opernsängerin werden. Da Ponte traut ihr das durchaus zu, aber auch sie muss die Stimme tiefer ansetzen, eben, genau, knapp über dem Nabel. Und der Name „Dušková“ geht gar nicht, nicht in Amerika. Also verpasst er ihr das Alias „Dolly Delors“. Wie wir später erfahren, aber offenbar nicht nur ihr, mindestens noch sechs anderen jungen Damen.
So geht es in kurzen, unterhaltsamen, manchmal aber auch beängstigenden Episoden weiter, bis dann endlich Nancy Krahl (oder wohl eher: Grahl), seine Lebensgefährtin, mit der Da Ponte fünf Kinder hatte, auftaucht. Maria Köstlinger erklärt ihm in dieser Rolle freundlich, aber bestimmt, dass es so nicht weitergehen kann. Ihr Vater habe immerhin das Sauerkraut in Amerika bekannt gemacht, jetzt, wo Papa schon uralt ist, müssen sie seine Gemüse- und Obstgeschäfte übernehmen.
Und wir erfahren somit an diesem insgesamt doch sehr unterhaltsamen, von Kica stimmig und zugleich zurückhaltend inszenierten Abend viel mehr über das Leben Lorenzo Da Pontes, als man sich vorstellen kann. Turrini schreibt dazu noch in seiner Widmung im Programmheft des Abends (in alter Rechtschreibung): „Mein Motto, daß dieses Leben eine komische Katastrophe sei, gilt auch für mein dramatisches Tun: Ich hoffe, daß Sie, geschätzte Theaterbesucher, bei diesem sehr ernsten Stück einiges zum Lachen haben.“
Doch, wir haben lachen können. Großen Schlussapplaus spendet sodann das Publikum, besonders auch für den scheidenden Theaterdirektor Föttinger.

vor 23 Stunden
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