Im Jahr 1922 schrieb der britische Meteorologe Lewis Fry Richardson ein Buch über Wettervorhersage, das man heute als eine frühe Skizze des Computerzeitalters lesen kann. Jeder empirischen Beobachtung von Vorgängen in der Atmosphäre wird ein individueller Akt von Datenverarbeitung zugeschrieben, ab einer gewissen Anzahl solcher Prozesse entsteht eine Hochrechnung, die sich ins Prognostische erweitern lässt. Den Vorgang der Komputation selbst dachte er industriell: als lange Reihe von menschlichen Handlungen, die in ihrer Vielzahl zu einer riesigen Maschine werden.
2016 griff das französische Künstlerduo Fabien Giraud und Raphaël Siboni die Idee auf und konstruierte daraus in einem halbstündigen Video eine Antiutopie: In „The Unmanned – 1922“ werden die kleinteiligen, manuellen Rechenprozesse nämlich ausschließlich von Frauen verrichtet, sodass schließlich sogar die Kapazität des lebendigen Großcomputers in „Frauenjahren“ angeben wird. Giraud und Siboni heben auf ein Imaginäres ab, das aus der Wettervorhersage bald auf alle anderen irdischen Phänomene übergreift. Es führt zu einer Verdoppelung der Welt in einem Computer, der in seiner Totalität deutlich auf eine sich abzeichnende Künstliche Intelligenz bezogen wird.
Wie steht es um die Wahrheit der Bilder in Zeiten von KI?
Das Innere dieser Totalität ist in „The Unmanned – 1922“ vollkommen weiblich – das digitale Zeitalter ruht hier auf Arbeitsschritten auf, die mit Vorstellungen von unqualifizierter Frauenarbeit zu tun haben. Der Computer wird zu einem Instrument, das auf eine „natürliche Arbeitsteilung“ hinausläuft und schließlich auf einen Planeten ohne Männer. Denn die Meteo-KI übernimmt natürlich die Herrschaft.
Bei den Kurzfilmtagen Oberhausen, die am Sonntag zu Ende gingen, lief „The Unmanned – 1922“ in einem Spezialprogramm mit dem Titel „Based on true events?“, das mit einer Vielzahl von Zugängen danach fragte, wie es um die Wahrheit der Bilder in der gegenwärtigen Ära der „Prompts“ und der immer leichter werdenden Generierung jeglicher visueller Inhalte steht, wie man an dem fünfminütigen „Third Impact“ der italienischen Künstlerin S()fia Braga sehen kann: Eine KI, die durch die Flure eines transhumanistischen Instituts irrt, sieht sich hier selbst dabei zu, wie sie sich aus Bildfetzen zu verstehen versucht. Bei Braga kippt der „Sieg“ der Künstlichen Allgemeinen Intelligenz (AGI) ins Tragische. Im Jenseits einer belebten Wirklichkeit wird sie de facto dement. „Third Impact“ durchläuft in radikaler Kürze eine spekulative Kulturgeschichte als Denkfigur, verschoben auf eine unterstellte oder projizierte Subjektivität der Maschinenintelligenz.
Eine frühe Fingerübung von Werner Herzog an der Trabrennbahn
Das Thema „Based on true events?“ wurde bei den Kurzfilmtagen sowohl historisch wie systematisch und auch ein wenig anarchisch behandelt. Die frühen Filme des britischen Duos Kenyon und Mitchell sind heute Urkunden der Revolution, die eintrat, als man dem alltäglichen Leben bewegte Bilder entnehmen konnte. Sein Fundament in einem fotochemischen Realismus hat das Medium nie verloren, aber es ging auch von Beginn an erzählend weit darüber hinaus. In Oberhausen wurde diese stärker schöpferische Wahrhaftigkeit mit einem Programm von frühen Kurzfilmen von Werner Herzog gewürdigt, der das Konzept einer „ekstatischen Wahrheit“ vertritt – man könnte von einer kinematographisch inspirierten Mystik sprechen.
Dass diese womöglich auf einem sehr bayerischen Humor beruht, ging aus seiner frühen Fingerübung „Maßnahmen gegen Fanatiker“ hervor: Gedreht bei den Pferdeställen an einer Trabrennbahn, ließ Herzog damals einige befreundete Schauspieler Nonsensszenen spielen, in die sich immer wieder ein durch Trachtenhut und Dialekt als Einheimischer ausgewiesener Herr mischt, der (fanatisch) das Bild (und das Land) von Fremdheit und Verfremdung befreien will: „Der muass weg! Naus muass er! Weg!“ Die zehn Minuten von „Maßnahmen gegen Fanatiker“ (der Film ist im Netz leicht zu finden) konnte man in Oberhausen nebenbei auch als eine Hommage an Mario Adorf lesen, der darin einen wunderbaren Auftritt hat.
Das reguläre Programm gruppiert sich in Oberhausen traditionell um den Internationalen Wettbewerb, aus dem die Jury auch den Hauptpreis vergibt. Die Wahl fiel dieses Jahr auf „Opera“ von dem kroatischen Regisseur Igor Zelić. Er präsentiert eine nächtliche Szene, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss. Denn sie gibt sich nur in dem Maß zu erkennen, in dem Lichtquellen einen Teil des Bildes erhellen. Bäume, Häuser, ein Kiesweg – alles bleibt geheimnisvoll, zumal der Ton nur Umgebungsgeräusche enthält. Diese „Geschichte“, die im Erzählkino in der Regel mit menschlichen Figuren und mit Natur und Gesellschaft zu tun hat, weitet sich bei Zelić auf eine der Künste insgesamt. Unwillkürlich beginnt man seinen Film anzuschauen wie ein Gemälde. Die klassische Malerei hat die raffiniertesten Sachen mit einem „Licht“ gemacht, das immer Auftrag auf eine Leinwand war.
Auf diese Kunst bezieht sich „Opera“, überträgt sie aber auf Lichtsetzung als eine wesentliche Aufgabe beim Filmemachen. Bei Zelić bewegt sich die Kamera nicht, sodass der Effekt eines Guckkastens entsteht, der allmählich Geheimnisse preisgibt. Mit dem Hauptpreis für „Opera“ wurden die 72. Kurzfilmtage mit einer Entscheidung beschenkt, die auf das ganze Programm zurückwirkt. Die faszinierende Komplexität aller Realismen (auch der an Datenmengen geschulten) zeigt sich im Format der allein nicht abendfüllenden Filme häufig noch radikaler. Dass bei Zelić am Ende, als der Morgen dämmert, eine Ruine auftaucht, dass die nächtlichen Lebenszeichen als geisterhafte zu sehen sind, passt zu dem Bild eines „unbemannten“, posthumanen Planeten aus dem Schwerpunktprogramm. Die Menschheit hat inzwischen viele Werkzeuge, sich selbst auszulöschen. Sie hat aber auch eine gigantische Tradition an Bewahrenswertem. Diese Tradition wird in Kurzfilmen immer wieder lebendig.

vor 1 Stunde
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