Herr Guez, Sie gehören zu den mehr als zweihundert Autoren, die in Frankreich vor Kurzem ihren Verlag Grasset verlassen haben, nachdem der langjährige Verleger Olivier Nora vom Besitzer der Verlagsgruppe Hachette vor die Tür gesetzt worden war. Grasset wurde dadurch innerhalb von 24 Stunden quasi vollständig ausgehöhlt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich erfuhr aus der Presse von der Entlassung Noras, und mein erster Gedanke war: Das ist eine Katastrophe. Eine Katastrophe, weil Olivier Nora ein außergewöhnlicher Verleger und Mensch ist. Und eine Katastrophe, weil Grasset nicht nur ein Verlag ist, sondern ein Haus, in das man gerne geht. Ich lebe seit einiger Zeit nicht mehr in Paris, aber immer, wenn ich nach Paris reise, gehe ich zu Grasset, um Leute zu treffen, zu plaudern, Bücher zu lesen, meine Post zu holen. Dies ist das Ende eines großen literarischen Hauses, das Ende einer Ära. Und es ist auch das Ende der Unschuld.
Wir waren alle sehr naiv. Vincent Bolloré steht seit drei Jahren an der Spitze von Hachette, niemand hat sich bewegt. Er hat Fayard und seine anderen Medien auf seine Linie gebracht. Aber wir dachten alle, wir seien gut geschützt – wieso eigentlich? Es gab keinen Grund, das zu glauben. Das Ende der Unschuld also für den Literaturbetrieb und vielleicht auch für das ganze Land.
Sie spielen auf die Präsidentschaftswahlen 2027 an, die ein Kandidat der extremen Rechten gewinnen könnte.
Von Olivier Guez ist gerade erschienen: „Die Welt in ihren Händen“ über das Leben von Gertrude BellVerlagDer Vorgang zeigt, wie viel Gewalt im Spiel ist. Im Imperium von Bolloré ist der Verlag Grasset ein kleines Sandkorn. Der Verlag hat keine Verluste gemacht. Die Entlassung von Olivier Nora ist eigentlich ein eher symbolischer Akt. Es gibt verschiedene Hypothesen darüber, was genau passiert ist. Eine besagt, dass Olivier Nora Bolloré etwas abgeschlagen hat und der die Gelegenheit nutzte, um ihn loszuwerden. Der Schritt entbehrt jedenfalls jeder rationalen Grundlage.
Könnte das Vorgehen dann so etwas wie eine Blaupause für das sein, was der Kulturbranche in Frankreich im Fall einer Machtübernahme durch die extreme Rechte bevorstünde?
In jedem Fall ist es eine klare Warnung. Und es kann ein Vorgeschmack sein. Ich sage nicht, dass wir uns in eine Diktatur verwandeln werden, ich weiß auch nicht, was passiert. Aber der Vorgang zeigt die Gewalt, zu der dieses Milieu und die sehr reichen Menschen fähig sind. Wir haben es nicht mehr mit Plutokraten, sondern mit Oligarchen zu tun, die von ihren Untergebenen vor allem Loyalität erwarten. Wer nicht loyal ist, den macht man einen Kopf kürzer. Das ist es, was bei Grasset geschah.
Am Tag nach der Entlassung Noras trafen sich gut siebzig Autoren, beispielsweise Virginie Despentes und Colombe Schneck, in einem Café bei Les Halles in Paris, um den gemeinsamen Rückzug zu organisieren. Waren Sie dort?
Ja. Wir alle hielten die Entlassung von Olivier Nora für inakzeptabel, und zwar ganz unabhängig davon, was unsere sonstigen Ansichten sind. Es waren sehr unterschiedliche Autoren dort, manche extrem links, andere eher konservativ, was auch immer. Alle waren der Ansicht, dass eine rote Linie überschritten wurde, und alle wussten, dass wir den Verlag verlassen würden, auch bevor wir uns dort trafen.
Die Autoren gehen ein großes Risiko ein, weil sie die Rechte an ihren bei Grasset bereits veröffentlichten Büchern zurücklassen. Es drohen juristische Auseinandersetzungen...
... an deren Erfolg ich im Moment nicht glaube, weil dazu eine Gesetzesänderung nötig wäre, die viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Grasset ist eine Sache. Das Rechtssystem, auf dem die gesamte Buchbranche basiert, ist eine andere. Ich bin deshalb ziemlich skeptisch, auch wenn ich glaube, dass diese Frage unbedingt angesprochen werden muss.
Leitete 26 Jahre lang Grasset: der Verleger Olivier Nora.AFPDer Mann, um den sich alles dreht in dieser Geschichte, ist Olivier Nora. Man liest nur Lobeshymnen über ihn. Was zeichnet ihn aus?
Er ist eine Vaterfigur, sehr beruhigend. Er arbeitet sehr viel, hört zu, respektiert die Meinungen auch jener, deren Ansichten er nicht teilt. Er lässt seinen Autoren Freiheit. Er ist ein Mensch, wie Sie im Deutschen sagen – in seinem Beruf und als Persönlichkeit.
Haben Sie Ihr jüngstes, gerade in deutscher Übersetzung erschienenes Buch über das Leben und die Figur der Gertrude Bell mit ihm erarbeitet?
Ja, wir sind regelmäßig in Kontakt, diskutieren, tauschen uns aus. Ich bin Gertrude Bell zum ersten Mal während meines Studiums in London begegnet, dann Anfang der Nullerjahre bei meiner Arbeit als Journalist im Nahen Osten und schließlich 2018, als ich das Buch „Ormuz“ von Jean Rolin las. Danach ging ich zu Olivier Nora, sagte ihm, dass ich die Geschichte dieser Frau und durch sie die Geschichte des modernen Orients und im Grunde auch unserer Moderne erzählen möchte.
Ihr Buch „Die Welt in ihren Händen“ verbindet Zeitgeschichte und Biographie und lässt Gertrude Bell zunächst mal als die außergewöhnliche Frau erscheinen, die sie war: Sie stammte aus einer angesehenen britischen Familie, studierte als eine der ersten Frauen in Oxford, war Archäologin, Alpinistin, Abenteurerin, Spionin und Politikberaterin. Aber in Ihrem Buch ist sie auch eine Frau, die enorme Fehler gemacht hat.
Wir sind in einer Zeit angekommen, in der wir Frauen wie Männer bewerten müssen. Gertrude Bell war eine mächtige Frau, die alles getan hat, um die Macht zu behalten. Ich fand es interessant, ihre Geschichte so zu erzählen, wie sie selbst sich sah. Denn sie sah sich nicht als Frau, sie mochte keine Frauen. Sie hatte gegenüber Frauen sowohl einen Überlegenheits- als auch einen immensen Minderwertigkeitskomplex. Letzteres vor allem, weil sie nicht in der Lage war, die Dinge zu tun, die für Frauen ihrer Zeit grundlegend waren, nämlich heiraten, Kinder bekommen, einen Salon führen, Urlaub an der Riviera machen. Sie fühlte sich minderwertig in ihrer Fähigkeit, als Frau zu lieben und geliebt zu werden.
Gertrude Bell, aber auch Thomas Edward Lawrence und König Faisal I., den Bell auf den irakischen Thron zu setzen half, erscheinen bei Ihnen im Grunde als tragische Figuren.
Das sind sie für mich. Sie sind Außenseiter und völlig exzentrische Charaktere. König Faisal war in gewisser Weise ein trauriger König, eine Marionette, die ins Exil gehen musste und jung verstarb. Und was Gertrude Bell und T. E. Lawrence, diesen beiden Seelenverwandten, widerfährt, ist schrecklich: Nach England können beide nicht zurück. Sie glauben, sie könnten Araber werden, aber das werden sie nie. Sie dienen dem Empire in einem Moment, in dem das Empire sie eigentlich schon nicht mehr will. Die beiden verschwinden, sie sterben. Sie sind äußerst tragische, extrem einsame und unglückliche Figuren – sie sind große Romanfiguren.
In Ihrem Buch wird das Bild, das vor allem von T. E. Lawrence lange Zeit dominierte und das maßgeblich durch den Film „Lawrence von Arabien“ geprägt war, ziemlich auseinandergenommen.
Dieser Film stammte aus den frühen Sechzigerjahren, und er zeigte Lawrence als eine Art englischen Che Guevara, der den großen arabischen Aufstand angeführt hat. Dabei spielte dieser Aufstand in der Geschichte nur eine winzige Rolle. Darin liegt die unermessliche Einsamkeit, die Traurigkeit dieses Mannes, der eigentlich wusste, dass er alle verraten hat – die Araber, die Engländer –, dass er zu einem Weltstar geworden war, ohne diesen Ruf eigentlich zu verdienen.
Gertrude Bell hat entscheidend dazu beigetragen, die Grenzen des heutigen Irak zu ziehen. Sie half König Faisal an die Macht im Irak zu bringen und drängte darauf, dass Kurden, Schiiten und Sunniten dort in einem Staat leben sollten.
Das war ein Wahnsinn. Die Geschichte hat es gezeigt.
Wenn Sie sich die Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit im Nahen Osten anschauen, den 7. Oktober, den Gaza- und den Irankrieg – fügen die aktuellen Ereignisse Ihrer Lesart der Geschichte dieser Weltgegend etwas hinzu?
Mit dem Bau des Suezkanals, der Entdeckung des Öls und der industriellen Revolution geriet eine Region wieder in den Blickpunkt, für die sich zuvor vier Jahrhunderte lang keiner interessiert hat. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich Lust hatte zu erzählen, wie Geschichte gemacht wird, mit welcher Nonchalance und welchem Wahnsinn. Das Verhalten von Winston Churchill beispielsweise bei der Konferenz von Kairo 1921 war absolut nonchalant – er wollte die Sache regeln, so schnell es ging, er wollte Geld sparen und Finanzminister werden, und außerdem wollte er am Nachmittag die Pyramiden malen. Es gibt diese Mischung aus Nonchalance und Hybris, mit der große Geschichte gemacht wird. Die historischen Akteure haben ihre eigenen psychologischen Dimensionen, und wenn man sich die von Gertrude Bell anschaut, sieht man, dass sie irgendwann in ihrem Leben an einen Punkt kam, an dem sie nur noch Mesopotamien im Kopf hatte: Sie hatte nichts anderes mehr. Sie hatte England lange verlassen, sie hatte ihre große Liebe verloren, also hat sie sich mit ihrer ganzen Energie an ein Projekt geklammert, das völlig abwegig war, nämlich die Renaissance des antiken Mesopotamiens.
Von Olivier Guez ist gerade der von Nicola Denis ins Deutsche übersetzte Roman „Die Welt in ihren Händen. Die Abenteuer der Gertrude Bell in Mesopotamien“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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