Die zweite Ausgabe der russischen Buchmesse „Bebelplatz" in Berlin, der Hauptstadt des exilrussischen Kulturlebens, zog für drei sonnige Maitage 23 Buch- und zwölf Zeitschriftenverlage aus Europa, Israel, den USA sowie gefühlt die gesamte im Ausland lebende intellektuelle Prominenz in die Schule für Bildende Kunst und Gestaltung an der Immanuelkirche. In sechs Sälen, wo klassische Büsten und ausgestopfte Tiere für Zeichenstudien in Wandregalen prangten, präsentierten Autoren neue Werke, erklang vom Krieg geborene Poesie, diskutierte man über Maskulinität und queeres Schreiben, konnte aber auch erfahren, wie man politischen Häftlingen schreibt.
Zunächst freute sich die Theatermacherin Marina Davydova, Emigranten seien heute im Gegensatz zu denen vor hundert Jahren privilegiert, weil sie im Westen kulturell produktiv sein könnten, während Russland selbst, im Unterschied zu damals, seine Kultur nur abwürge. Der Schriftsteller Michail Schischkin, der den Literaturpreis „Dar“ schuf, der den damit Geehrten die Übersetzung ihres Werks in wichtige europäische Sprachen beschert, erklärte, so wolle er die Würde der russischen Sprache retten. Der Historiker Karl Schlögel fragte, wie die kulturelle Blüte der von Russland überfallenen Ukraine von den Anwesenden wahrgenommen wurde, erhielt aber keine Antwort.
Faktisch zerbombt
Dafür war die russischsprachige Literatur der Ukraine vertreten, die nach der Diagnose des Chefredakteurs der heute in Lettland erscheinenden Poesiezeitschrift „Wosduch“ (Luft), Dmitri Kusmin, von Präsident Putin faktisch zerbombt wurde. Fast alle jüngeren russischsprachigen ukrainischen Autoren, aber selbst die 67 Jahre alte Dichterin Marina Galina hätten zum Ukrainischen gewechselt, so Kusmin.
Eine Ausnahme ist der in Dnipro lebende Poet und Übersetzer Stanislaw Belski, der polnische Dichtung übersetzt, russischsprachige Kriegspoesie aus Charkiw und Lemberg publiziert, in Berlin aber auch eigene Verse über das Beschossenwerden vorträgt. Er empfinde die russische Sprache nicht als „verdammt“, bekennt Belski. Aus Kiew ist zudem die traditionsreiche Literaturzeitschrift „Raduga“ (Regenbogen) vertreten, die bis heute neben ukrainischen auch russische Texte druckt. Die Redakteurin Irina Iwantschenko rezitiert Verse der emigrierten Irina Jewsa, die ihre Flucht vor den Russen verarbeitet, sowie des ebenfalls russischsprachigen Kiewers Artjom Sentschilo, der vergegenwärtigt, wie Freiheitsheldinnen Kinder in Metrostationen zur Welt bringen.
Liebe vor Dissidententum
Die aus der Sowjetukraine gebürtige israelische Dichterin und Journalistin Linor Goralik berichtete über ihren Podcast und den Telegram-Kanal „Nowosti-26“, der Jugendlichen in Russland beistehen will, die unter der Staatspropaganda oft am meisten litten. Goralik, die solche Heranwachsende bittet, vor allem an ihre Sicherheit zu denken, formuliert ihr Credo, Menschen seien wichtiger als Ideen. Auf die Frage, wie man Jugendliche für ihren Besuch bei den indoktrinierten Großeltern in Russland vorbereite, sagt sie, deren Liebe habe vor der Erziehung zum Dissidententum Vorrang. Wie auch die Beziehung der Kinder zu ihren womöglich Putinistischen Eltern dort Vorrang habe vor ihrem Kontakt zu „Nowosti-26“, denn familiäre Konflikte müssten unter den Bedingungen der Diktatur und Überwachung ausgetragen werden.
Eine Entdeckung war der in Sibirien geborene, heute in Bochum lebende Dichter und Philosoph Michail Nemzew, dessen Lyrik aus dem Sammelband „Pobeda“ (Sieg) die rechtfertigend-ausblendende Gewaltsprache des Täters inszeniert. Mit kalkuliertem Furor las Nemzew mit „Evakuation“ und „Genozid“ betitelte Kurzgedichte, worin bürokratische Formeln wie „Zuerst die Kinder“, „Optimierung“ oder „Genozid ist verboten“ Kriegsverbrechen durch sprachliche Verbiegung umso spürbarer machen.
Beim vielleicht wichtigsten Podium „Technokapitalismus und Patriarchat“ erörterten Nikolai Kononow, dessen Buch über den Internetpionier Pawel Durow, „Kryptopopulist“, soeben bei Freedom Letters herauskam, und die Wissenschaftlerinnen Ella Rossman und Nuriya Fatykhova den Vormarsch eines Technofaschismus, der alle Verantwortung für Menschheit und Natur abwerfen wolle. In China operiere der TikTok-Gigant in engster Symbiose mit dem Staat, sagte Kononow, im Westen machten rechte Tech-Unternehmer wie Peter Thiel sich Staaten untertan, so Rossman, sie hätten kein Zukunftsangebot für den Rest der Welt, sondern steuerten sie in die ökologische Katastrophe. Nur starke horizontale zivilgesellschaftliche Organisationen könnten die Gefahr noch aufhalten.

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