Es gibt wohl keine Figur im Kino, die wir Russell Crowe nicht glauben würden. Er war ein Mathematikgenie, ein römischer Gladiator, ein Fregattenkapitän zur Zeit Napoleons, ein Bandit im Wilden Westen, ein Schwergewichtsboxer, ein Baptistenprediger, der mythische Robin Hood und der biblische Noah, und in jeder dieser Rollen war er das Kraftzentrum des Films, in dem er spielte, der Motor und die Hauptattraktion, sodass die Frage, wie die Geschichte ohne ihn ausgesehen hätte, erst gar nicht aufkam. Die Story, das war Crowe und alles, was ihm passierte, und wenn es neben ihm noch Darsteller von Bedeutung gab, dann bestand ihre Funktion vor allem darin, seine einzigartige Ausstrahlung hervorzuheben: die Aura des Stars.
In James Vanderbilts „Nürnberg“ spielt Russell Crowe jetzt den deutschen Reichsmarschall Hermann Göring. Für die Rolle hat Crowe ein wenig Deutsch gelernt, und er hat wohl auch ein paar Pfunde zugelegt, denn der Mann, der am Anfang des Films auf einer Landstraße aus seinem Dienst-Mercedes steigt, um sich den amerikanischen Truppen zu ergeben, stapft wie ein Walross durch die Gegend und schnauft beim Reden, als könnte er jeden Augenblick seinen letzten Atemzug tun. Allerdings kommt Crowes Göring im alliierten Internierungslager im luxemburgischen Bad Mondorf rasch wieder zu Kräften, und diese wundersame Erholung verdankt er nicht dem Willen seines Regisseurs, sondern den historischen Fakten.

Am 21. Mai 1945 kam der ehemalige Reichsmarschall und Stellvertreter Hitlers in jenem Lager an, das von seinen Betreibern „Camp Ashcan“ („Aschenbecher“) genannt wurde, weil es beinahe die gesamte überlebende Führungsspitze des Naziregimes beherbergte, und ab 20. November stand er in Nürnberg im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des Dritten Reiches vor Gericht.
In der Zeit zwischen diesen beiden Daten spielt der größere Teil von Vanderbilts Film, und wenn die Handlung schließlich das Gerichtsgebäude an der Fürther Straße und das zugehörige Zellengefängnis erreicht, hat sich die Konstellation der Geschichte längst eingespielt. Man könnte sie als Lehrer-Schüler-Verhältnis bezeichnen, auch wenn das bei diesem Thema ziemlich abwegig klingt. Denn der eine der beiden Männer, die sich in „Nürnberg“ gegenüberstehen, will etwas lernen über das Böse, das mit Hitlers Herrschaft über die Welt kam, und der andere bringt es ihm bei.
Er beherrscht das Spiel mit Worten besser als sein Interviewer
Der Mann, der das menschliche Rätsel namens Göring entschlüsseln soll, ist der Armeepsychiater Douglas Kelley (Rami Malek). Kelleys Mission besteht zunächst nur darin, die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten zu untersuchen, aber binnen Kurzem wird klar, dass es dabei nicht bleiben kann. Denn Kelleys Untersuchungsobjekt hat seinen eigenen Kopf, und der Psychiater aus New York wirkt dadurch zunehmend kopfloser, als er in seiner Rolle eigentlich sein sollte. Als Kelley entdeckt, dass Göring Englisch spricht, scheint ihm das einen Vorteil zu verschaffen, weil er jetzt ohne Dolmetscher mit dem Gefangenen sprechen kann, aber bald stellt sich heraus, dass dieser das Spiel mit den Worten, mit denen sich die Wahrheit verdrehen oder enthüllen lässt, viel besser beherrscht als sein Interviewer.
Ein Reichsmarschall kapituliert: Szene aus „Nürnberg“ Sony Pictures ClassicsWomit wir wieder bei Russell Crowe wären. Der echte Göring, der bei seiner Festnahme durch die Alliierten zwei Koffer voller Tabletten mit einem Opium-Derivat dabei hatte, gewann durch den Drogenentzug und Gewichtsverlust in der Untersuchungshaft seine frühere Kampfeslust und scharfe Beobachtungsgabe zurück, und diesen Prozess zeichnet Crowe exakt nach. Zuerst gurgelt der Mann in der Gala-Uniform seine Sätze noch aus der Tiefe eines jahrelangen Dauerdeliriums hervor. Aber bald gewinnt seine Stimme an Härte und Kontur, und am Ende beherrscht er die ganze Skala von Raunen, Flüstern, Schmeicheln, Schnarren und Gebrüll.
Crowe aber legt noch eins drauf, indem er auch die Bonhomie, die nussknackerhafte Freundlichkeit, die zu seinem ewigen Repertoire gehört, in die Rolle einbaut. Der reale Hermann Göring hatte nichts davon, sein Lächeln war das einer Schlange. Crowe macht daraus einen Bären mit Familienanschluss, der den Psychiater als Briefboten zu seiner Frau und seiner Tochter schickt. Der Hollywoodstar übermalt die Geschichte, und Vanderbilts Film zimmert den Rahmen dazu.
Wie ein erschrockener Besucher im Geschichtsmuseum
Rami Malek, der Darsteller Kelleys, hat die undankbare Aufgabe, Crowes Göring als Sparringspartner und zugleich den übrigen Figuren des Films als Anlaufstelle zu dienen: dem amerikanischen Chefankläger Robert Jackson (Michael Shannon), seinem britischen Kollegen David Maxwell Fife (Richard E. Grant), dem Dolmetscher Howie Triest (Leo Woodall), der als Jude aus Deutschland geflohen ist, dem Gefängnispsychologen Gilbert, der später beim Eichmann-Prozess in Jerusalem aussagen wird, und vielen anderen.
Kriegsverbrecherprozess: die Hauptangeklagten von Nürnberg in James Vanderbilts FilmSony Pictures ClassicsIhnen allen aber zeigt Malek, der für seinen Auftritt als Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ einen Oscar gewann, letztlich nur einen Gesichtsausdruck, eine Miene hilflosen Staunens. Das Problem besteht darin, dass das auch der Ausdruck des Films ist. Er staunt über alles, was er sieht, wie ein erschrockener Besucher im Geschichtsmuseum. Er nimmt uns mit, aber er bringt uns nirgendwo hin.
Die undankbarste Rolle in „Nürnberg“ spielt das historische Geschehen selbst. Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess war kein Gerichtsdrama mit psychiatrischer Betreuung, sondern eine monatelange Abfolge von Verhören, Zeugenaussagen, Dokumentvorlagen und Plädoyers. Also all das, was der Film uns ersparen will, indem er hinter die Kulissen blickt, wo wiederum nur Kulissen zu sehen sind.
Wie wenig diese Surrogathandlung mit den wirklichen Ereignissen zu tun hat, wird klar, als der Film ein echtes Dokument einblendet, einen Zusammenschnitt von Aufnahmen aus Dachau, Bergen-Belsen und anderen Konzentrationslagern, der damals in Nürnberg gezeigt wurde. Die Bilder blamieren nicht nur die Angeklagten, sie entlarven auch die aufgesetzte Empörung, mit der Kelley alias Rami Malek in Görings Zelle stürmt. Der schleudert ihm die Erinnerung an die Toten von Hiroshima und Nagasaki entgegen. Und wieder hat Russell Crowe einen Punkt gemacht, gegen die Wahrheit der Geschichte und die Moral dieses Films.
Das Buch, das Douglas Kelley über die Nürnberger Prozesse schrieb, betont, fünfzehn Jahre vor Hannah Arendt, die banale Durchschnittlichkeit der Angeklagten, und der Tatsachenroman von Jack El-Hai, auf dem der Film fußt, stellt diese These in den Mittelpunkt. Falls Vanderbilt ihr tatsächlich folgen wollte, hat er sie schon beim Casting verraten, denn eine Figur, die von Russell Crowe gespielt wird, kann kein Nichtcharismatiker sein.
Es ist das alte Dilemma des Mainstreamkinos, das große Rollen an große Stars vergibt, statt nach Gesichtern zu suchen, die der Ruhm noch nicht beschriftet hat. „He made us feel german again“, sagt Crowe über Hitler, aber er könnte auch über sich selbst sprechen, denn er beschert uns das volle, falsche Göring-Gefühl. Das letzte Wort in „Nürnberg“ indessen hat der Psychiater: „Abrakadabra“. Vielleicht steckt darin ja das ganze Geheimnis dieses Films. Er wollte die Geschichte mit dem alten Zauberspruch aus Hollywood beschwören. Aber sie kam nicht.

vor 4 Stunden
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