Tagebücher von Lewis & Clark: Die Entfesselung der Vereinigten Staaten

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Es war der größte Landzuwachs, den die Vereinigten Staaten in ihrer Geschichte erzielt haben: der „Louisiana Purchase“ von 1803, als die junge Republik dem napoleonischen Kaiserreich für fünfzehn Millionen Dollar dessen Eigentumsrechte an den nordamerikanischen Regionen zwischen Mississippi und Rocky Mountains abkaufte. Der damalige Präsident Thomas Jefferson hatte diesen Traum schon länger gehegt und deshalb bereits vor Vertragsabschluss eine Expedition zusammengestellt, die das zuvor von Weißen kaum betretene Gebiet erkunden sollte – bis zum Pazifik. Jeffersons Mann dafür war Meriwether Lewis, ein Hauptmann der US-Streitkräfte, den er zu seinem Privatsekretär gemacht hatte.

Diese Beförderung ist einigermaßen komisch, wenn man sich die Rechtschreibung anschaut, die Lewis in seinem Expeditionstagebuch pflegte: ein Chaos aus phonetisch notierten Wörtern („bearfooted indians“ statt „barefooted“, also bär- statt barfüßige Indianer) und schlichter Legasthenie. Aber er war mutig, und das musste man sein, wenn man mit nicht einmal vierzig Mann (eine Frau stieß erst später als indianische Geliebte eines Teilnehmers zum Tross) durch die Prärien und über die Berge wollte, immer in Erwartung von Angriffen der dort lebenden Stämme. Was aber kaum je passierte; im Gegenteil entwickelte Lewis höchste Achtung vor den Ureinwohnern und diese auch für ihn.

Erstausgabe der „History of the Expedition under the Command of Captains Lewis and Clark“ (1814)Erstausgabe der „History of the Expedition under the Command of Captains Lewis and Clark“ (1814)The Newberry Library

Und für William Clark, den zweiten Leiter der Expedition, ebenfalls ein reaktivierter Militär und mit Lewis ein Herz und eine Seele. Dass beider Namen seitdem stets in einem Atemzug genannt werden, ist nur angemessen, obwohl alle Expeditionsteilnehmer aufgerufen waren, Tagebuch zu führen, und etliche es auch taten. Aber als 1814, lange nach dem Ende der sich über mehr als zwei Jahre, von 1804 bis 1806, erstreckenden Erkundung, während der niemand etwas über den Verbleib der Männer gewusst hatte, eine Buchausgabe der Expeditionstagebücher herauskam, wurden nur die beiden Leiter als deren Autoren genannt (Clark in falscher Schreibweise als „Clarke“), obwohl mindestens noch ein drittes Tagebuch dabei Verwendung gefunden hatte.

Lewis hatte mit dieser Edition nichts zu tun; er war 1809 gestorben. Ein gewisser Nicholas Biddle hatte sie auf Bitten von Clark besorgt und dabei die drei Ausgangstexte miteinander vermischt, inhaltlich „verbessert“ und auch orthographisch korrigiert. Hundert Jahre nach Expeditionsbeginn erschien dann endlich eine achtbändige textgetreue Transkription der „Original Journals of the Lewis and Clark Expedition“ (Biddles Ausgabe war nur zweibändig). Und die Amerikaner staunten über das Kauderwelsch ihrer beiden Nationalhelden.

Zu denen waren sie vor allem durch Biddles Edition geworden. Aber wie passend war ihre ursprüngliche Fehlschreibung der United States als „Untied States“ – entfesselte Staaten. In der Tat: Mit der Erschließung der Landstriche jenseits des Mississippi wurden die USA erst zur Großmacht, wie Jefferson es erhofft hatte. Kein Wunder, dass der aktuelle Präsident nun endlich den Kauf von 1803 übertrumpfen will: Grönland hat noch etwas mehr Fläche, als damals erworben wurde.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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