Heilung auf Island: Bauern suchen Frauen

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Man muss nicht wissen, was „ótakmarkaður einmanaleiki“ bedeutet. Die Heldin, eine deutsche Auswanderin namens Elsa, weiß es zu Beginn des Romans „Moosland“ schließlich auch nicht, ebenso wenig, wie sie die anderen Unterhaltungen in der weit im Norden Islands lebenden Bauernfamilie versteht. Als Haushaltshilfe ist sie an diesen weltfernen Ort gelangt, als eine von knapp dreihundert deutschen Gastarbeiterinnen, die der isländische Bauernverband im Jahr 1949 aus dem kriegszerstörten Deutschland ins Land geholt hat – durchaus mit kupplerischen Hinterabsichten: Ledig und zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt mussten die Bewerberinnen sein.

Elsa ist eine ausgedachte Figur, aber die Anwerbung hat es tatsächlich gegeben. Und auch Elsas Traumatisierung – sie hat ihre Familie und ihre geliebte Freundin Sola verloren – wirkt nicht allzu weit hergeholt. Wer niemanden mehr hat, den hält in der sogenannten Heimat nichts mehr zurück; den Schmerz aber nimmt man mit bis ans Ende der bewohnbaren Welt.

Fremdheit als Klippe und Chance

Katrin Zipse hat mit „Moosland“ ein berührendes Buch über Trauer und Trauerbewältigung geschrieben, über Flucht und Ankunft, über Fremdheit als Klippe und als Chance. Und gerade diese Fremdheit weiß sie grandios zu inszenieren. So sitzen die Leser eingangs mit der eben angelangten Heldin am Tisch der Familie, starren mit ihr irritiert auf das Essen: „Sie senkt den Blick auf ihren Teller. Den fahlen Fisch. Die ölige Soße, in der er treibt.“ Dass sie isst, erwartet die Familie; Elsas Schweigen aber wird akzeptiert. Die Namen der fünf Hausbewohner – Bauer, Bäuerin, zwei Söhne, ein Knecht – schreibt die Autorin, auch das ein guter Kniff, anfangs nach Gehör. Erst nach einer Weile erfährt die Heldin durch ankommende Briefe, dass sich der Name des Knechts gar nicht „Haltdor“ schreibt, sondern „Halldór“, der des älteren Sohns „Ólafur“ und nicht „Oulawür“.

 „Moosland“. Roman.Katrin Zipse: „Moosland“. Roman.DuMont

Ólafur ist ein Anpacker und ein Traditionalist, kein Träumer wie sein Bruder Skúli, der Zeitschriften über Amerika hortet und der harten, öden Insel am liebsten den Rücken kehren würde. Für die verängstigte Neue im Haushalt, der man vieles mit Händen und Füßen beibringen muss und die sich anfangs oft ungeschickt anstellt, interessieren sich beide Brüder. Sie tun das auf sehr vorsichtige, tastende Weise. Elsa versteht bald immer mehr Isländisch, spricht sogar einige Worte und verschlingt schließlich die Fischbällchen mit demselben Heißhunger wie die Einheimischen. Und doch führt die unendlich langsame Annäherung nicht geradewegs auf ein Happy End zu. Mehrfach reißt sich die trauernde Heldin los von dieser Familie mit ihrem ganz eigenen, fremden Lebensrhythmus. Manche Aktionen kommen ihr mitleidlos vor. Aber das Überleben auf einer Insel mit begrenzter Vegetation erfordert eine harte Hand, wird ihr erklärt: „‚Svona buum vith hjer‘, wirft er ihr noch zu, bevor er weiterreitet. So leben wir hier.“

Manchmal weiß man eben doch nicht alles

Für Elsa ist das unwirtliche Land, in dem im Winter kaum die Sonne zu sehen ist, eine Art Zwischenreich, eine Station auf der Flucht vor der Einsicht, ihr altes Leben endgültig verloren zu haben. In Traumgesichten begegnet ihr immer wieder die tote Sola. In ihrem Kopf verbinden sich diese Erinnerungen mit den zusammengereimten Informationen über Steinunn, die ebenfalls verschwundene Tochter der Bauernfamilie: „Wohin geht man, wenn man von hier geht? Sie weiß die Antwort doch. Von hier führt jeder Weg ins Nichts. Und wer gegangen ist, ist tot.“

Aber manchmal weiß man eben doch nicht alles, sondern reimt sich Falsches zusammen. Und so wird für Elsa die Beschäftigung mit dem Schicksal der ihr zunehmend ans Herz wachsenden Bauernfamilie zur Keimzelle eines komplizierten Heilungsprozesses. Auch dass sie ohne viel Aufhebens gesucht und gerettet wird, wann immer sie davonläuft, hinterlässt bei ihr einen Eindruck. Als sie lernt, dass „ótakmarkaður einmanaleiki“ auf Deutsch „grenzenlose Einsamkeit“ bedeutet, ist sie schon nicht mehr grenzenlos einsam.

Ein wenig stakkatohaft

Katrin Zipse, eine Hörspieldramaturgin und Jugendbuchautorin, arbeitet in ihrem ersten Erwachsenenroman stark mit bildlichen Beschreibungen, in denen sich immer auch die subjektive Wahrnehmung der Heldin spiegelt. Als Stipendiatin in der NES Artist Residency in Skagaströnd hat die Autorin auf Island recherchiert. Es gelingt ihr vorzüglich, das Ursprüngliche und Erhabene, aber auch das Wilde und Abweisende dieser dünn besiedelten Insel zu evozieren. Den rauen bäuerlichen Alltag von vor achtzig Jahren führt sie mit authentisch anmutenden Details vor Augen. Mitunter sind es der Deskriptionen aber fast zu viele, wirkt die Reihung der einfachen, kurzen Sätze ein wenig stakkatohaft. Das soll die Intensität des Erlebens suggerieren, aber etwas mehr Abwechslung in den Erzählverfahren, etwas mehr experimentelle Courage hätten dem Text gutgetan. Auch die Trauerbiographie der Heldin hat in ihrer konkreten Ausgestaltung etwas leicht Schematisches und Fernsehfilmmäßiges.

Und doch ist „Moosland“ ein wunderbar anrührendes Buch, ein hoffnungsvolles auch, ein stiller, einprägsamer Roman, der sich sicher im Ton und inhaltlich höchst originell mit den großen Themen Entwurzelung, Kulturverständigung und Integration befasst. Dass Heimat kein Ort, sondern eine Entscheidung ist, das erfährt man in den letzten Zeilen, ohne dass es explizit gesagt würde. Das ist überhaupt das Schönste und vielleicht Isländischste an „Moosland“: dass so vieles deutlich wird, ohne in eine Phrase gepresst zu werden. Katrin Zipse ist eine Erzählerin des Ungesagten.

Katrin Zipse: „Moosland“. Roman. Dumont Verlag, Köln 2026. 224 S., geb., 24,– €.

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